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Magersucht-Therapie: Zurück zur Familie

Vor allem junge Frauen und Mädchen erkranken an Magersucht. Lange glaubten Therapeuten, es würde helfen, sie bei der Therapie von ihren Eltern zu trennen, die oft als Ursache der Krankheit gesehen wurden. Mittlerweile setzen Ärzte und Psychologen aber verstärkt auf die Heilkraft der Familie.

Von Nicole Heißmann

Mit anzusehen, wie ihr magersüchtiges Kind hungert, ist für Eltern fast unerträglich. Von Tag zu Tag verfällt die eigene Tochter und verweigert sich allen noch so gut gemeinten Ratschlägen. Magersüchtige scheinen unerreichbar zu sein für Hilfe von außen. Ihr Denken kreist nur noch um Essen, Gewicht und Abnehmen.

Gleichzeitig können die Kranken nicht von heute auf morgen aufhören zu hungern: Magersucht oder Anorexia nervosa ist eine psychosomatische Erkrankung, ein Leiden an Körper und Seele. Sie trifft im Schnitt eine von 200 Frauen zwischen 15 und 35. Etwa 90 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Ein Großteil verfällt der Essstörung schon im Teenageralter.

Schweinedrüsen sollten helfen

Viel wurde darüber geschrieben, wie Magersucht entsteht und wie man sie heilt. So glaubte man in Deutschland bis zum zweiten Weltkrieg an eine "Drüsenstörung": Ihre geschädigte Hirnanhangdrüse treibe die jungen Patientinnen in den Hungerwahn, postulierten Ärzte und verabreichten Magersüchtigen Hormone. Oder sie verpflanzten den jungen Frauen sogar die Drüsen von Schweinen in die Bauchwand.

Ärzte in England und Frankreich glaubten nicht an diese Vorstellung. Der englische Internist William Gull und der französische Neurologe Ernest-Charles Lasègue gingen bereits im 19. Jahrhundert von psychischen Ursachen der Magersucht aus. Schon früh therapierte man die Hungerkranken dort in Kliniken. Weil die Patientinnen dort bei strenger Überwachung schnell wieder zunahmen, schlossen viele Behandler daraus vor allem eins: Die Trennung von den Eltern mache die Magersüchtigen gesund.

Überfürsorgliche Mütter und abwesende Väter

Die Familie als Ursache, wenn ein Mädchen an einer Essstörung erkrankt - Diese Vorstellung hat die Therapie der Magersucht jahrzehntelang beherrscht. Vor allem das Bild einer kontrollierenden, überfürsorglichen Mutter und eines kaum anwesenden Vaters hielt sich hartnäckig. Erst in den 1970er-Jahren begannen Ärzte und Psychologen in den USA und Italien umzudenken: Erstmals versuchten sie Eltern und ihren essgestörten Kindern gemeinsam zu helfen - statt bei den Eltern nur Schuld zu suchen.

In den 80ern präsentierte der renommierte Londoner Essstörungs-Experte Gerald Russell dazu aussagekräftige Daten. Er konnte belegen, dass eine Familientherapie zumindest Teenagern besser helfen kann als eine Behandlung ohne Eltern. Eine These, die bis heute von weiteren Untersuchungen bestätigt wurde. Dagegen scheinen erwachsene Patienten, die nicht mehr zu Hause wohnen, eher auf andere Formen von Psychotherapie anzusprechen.

Die Familie mit an den Tisch holen

Seit etwa zehn Jahren hat sich der Umgang mit den Familien von Magersüchtigen grundlegend gewandelt. Heute werden oft schon zu Beginn der Therapie die magersüchtigen Jugendlichen, ihre Eltern und Geschwister an einen Tisch geholt. Ein Familientherapeut, etwa ein Psychologe, spricht offen Konflikte und Missverständnisse bei Eltern und Kindern an.

Fast immer ist die Familie wie in einem Teufelskreis gefangen: Die besorgten Eltern drängen ihr Kind immer stärker, "doch einfach mal wieder etwas zu essen". Der unsichere, magersüchtige Teenager fühlt sich dagegen missverstanden und verschanzt sich nur noch mehr hinter seinem "Hungerstreik". Irgendwann dreht sich alles nur noch ums Thema Essen.

Ins Gespräch kommen, ohne Vorwürfe zu erheben

Andere Konflikte werden verdrängt: Streit zwischen Vater und Mutter etwa oder die Eifersucht der anderen Geschwister auf das magersüchtige Kind, dass die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Werden diese Punkte auf Dauer tot geschwiegen, kann auch das eine Magersucht weiter verschlimmern. In den Therapiesitzungen wird daher auch vermittelt, wie man überhaupt wieder ins Gespräch kommt und miteinander redet, ohne sich gleich mit Vorwürfen zu überhäufen.

Bei der Familientherapie müssen die Fachleute oft Eltern beruhigen, die glauben, in der Erziehung ihrer Kinder alles falsch gemacht zu haben: "Mit Schuldzuweisungen kommt man in der Therapie nicht weiter", sagt Manfred Fichter, Professor für psychosomatische Medizin an der Universität München und ärztlicher Direktor der Klinik Roseneck am Chiemsee: "Im ersten Gespräch sage ich immer: Ich gehe davon aus, dass Sie Ihr Kind nach bestem Wissen und Gewissen groß gezogen haben. Und dann nicken meist alle." Eltern genauso wie Kinder.

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