Teil 4 Muskel- und Sehnenverletzungen


Bei Sport und Spiel kommt es häufig zu Verletzungen an Muskeln und Sehnen. Die meisten Blessuren hinterlassen keine bleibenden Schäden - doch es gilt, rasch und richtig zu handeln.

Es beginnt oft mit etwas zu viel Engagement: Ein Sturz nach der kleinen Grätsche beim Fußball, ein vergeigter Kurzsprint oder der übermutige Trick mit dem Skateboard - ein Stoß, eine falsche Bewegung, und schon schmerzt es in Oberschenkel oder Schlagarm, der Muskel zieht, schwillt an und wird steinhart. Schädigungen von Muskulatur und Sehnen machen mit etwa 40 Prozent den Löwenanteil der 1,5 Millionen Verletzungen aus, die sich die Deutschen pro Jahr beim Sport zuziehen. Ausprägung und Symptome sind vielgestaltig - je nach beschädigtem Muskel und Ursache der Blessur.

In fast jedem zweiten Fall handelt es sich bei einer Muskelverletzung um eine Prellung - eine äußerlich zunächst nicht sichtbare Quetschung des Muskelgewebes, als Folge stumpfer Gewalteinwirkung. Klingt brutal, kann aber leicht bei einem Sturz vom Fahrrad passieren oder bei einem etwas zu heftig geratenen Zweikampf. Naturgemäß treten Muskelprellungen deshalb vor allem beim Teamsport und bei Fun-Sportarten auf, wie der so genannte Pferdekuss beim Fußball, bei dem das Knie des einen Spielers im Oberschenkel des anderen landet und dort die Muskeln gegen den Knochen presst.

Auch bei Prellungen fließt Blut

Noch ein Klassiker: die unsanfte Po-Landung des Snowboardanfängers auf vereister Piste. Auch die tut höllisch weh, selbst wenn die Haut unverletzt bleibt und kein Blut zu sehen ist. Doch Blut fließt bei Prellungen sehr wohl - im Inneren des Muskels. Während dessen Fasern an sich meist intakt bleiben, zerfetzt der Aufprall feine Blutgefäße, und ihr Inhalt kann sich zunächst ungehindert ins Gewebe ergießen. Sofern der Verletzte keine Gerinnungsstörung hat, kommt die innere Blutung zwar nach einer Weile von allein zum Stillstand. Der bis dahin entstandene Bluterguss aber ist hart, raubt der Muskulatur ihren Spielraum und drückt auf Nervenfasern, sodass weitere Bewegungen nur unter Schmerzen möglich sind.

Etwas weniger fulminant tritt dagegen die Muskelzerrung auf den Plan. Im Prinzip handelt es sich dabei auch weniger um eine echte Verletzung als um ein Warnsignal, das in etwa lautet: Stopp, das schaffe ich nicht! Der geplagte Muskel sendet diese Nachricht verschlüsselt als leichtes, krampfartiges Ziehen, wenn er sich einer zu hohen mechanischen Belastung ausgesetzt fühlt - das kann schon bei einer einzigen, zu heftigen Bewegung der Fall sein. Das Messwerk des Muskels, der Spindelapparat, wird durch diese Überlastung gestört und berechnet einen falschen Muskeltonus. Die Muskelfasern bleiben zu kurz und blockieren.

Ignoranz kann zu echten Verletzungen führen

Zwar sind Bein oder Arm eingeschränkt beweglich, doch der Widerstand durch die Blockade wächst. Auch Sportmuffel lernen dieses Phänomen mitunter kennen: Ein steifer Hals ist meist nichts anderes als eine gezerrte Nackenmuskulatur. Beim Sport aber hat die Zerrung oft noch Folgen: Wer das schmerzhafte Ziehen ignoriert und sich zum Weitermachen zwingt, riskiert eine echte Verletzung: den Riss einer Faser oder gar des gesamten Muskelstranges.

So weit muss es jedoch nicht kommen. Die besten Mittel, um Komplikationen, Arztbesuch und langes Leid zu vermeiden, heißen Vernunft und PECH. Vernünftig sein bedeutet in diesem Falle, auf seinen Körper zu hören und den Schmerz nicht als Lappalie abzutun - nach dem irrigen Motto: Was mich nicht umbringt, härtet mich ab. Stattdessen bietet das so genannte PECH-Schema eine einfache und gut zu merkende Maßnahme, den Schaden in Grenzen zu halten und schon bald wieder fit auf der Matte zu stehen. P steht dabei für Pause, E für Eiskühlung, C für Kompression und H für Hochlagerung. In der Praxis heißt das: Sofort mit dem Sport aufhören, Eisbeutel auf den schmerzenden Muskel drücken, um die Blutgefäße zu verkleinern, das Ganze dann fest mit einer elastischen Binde umwickeln und eine Weile hochlegen, zum Beispiel auf einen Stuhl oder die Sporttasche.

Nicht zu früh wieder mit dem Sport anfangen

Mit PECH lassen sich Einblutung und Schwellung im Muskel auf ein Minimum reduzieren, zudem lindert die Kühlung fürs Erste das Schmerzempfinden. Bei einer Zerrung sollte der betroffene Muskel außerdem möglichst früh, aber sanft gedehnt werden, das verhindert eine weitere Verkürzung. Gegen die Schmerzen und eine Entzündung der verletzten Partien können später Salben helfen, die entzündungshemmende Wirkstoffe wie Diclofenac enthalten. Bei einer Prellung sollten diese Cremes allerdings nicht einmassiert werden, sonst kann der Muskel weiter verhärten und gewinnt seine Geschmeidigkeit am Ende nie wieder zurück.

Zusätzlich empfehlen manche Mediziner Präparate mit dem Ananas-Enzym Bromelain, die ebenfalls etwas schmerzstillend, vor allem aber antientzündlich und abschwellend wirken sollen und als Kapsel rezeptfrei erhältlich sind. Der Wirkmechanismus dieser Enzyme ist zwar wissenschaftlich nicht geklärt, die gute Erfahrung aus der ärztlichen Praxis allerdings spricht für diese Mittelchen. Über den langfristigen Heilungserfolg entscheidet am Ende einmal mehr die Vernunft: Mit dem Sport darf wirklich erst wieder begonnen werden, wenn Schmerzen und Schwellungen vollständig verschwunden sind.

Wissenschaftliche Beratung: Prof. Peter Mitznegg, Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin

Kathrin Zinkant print

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