Volksleiden Hörsturz Zu viel um die Ohren geht auf die Ohren


Die Menschen trifft es wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Plötzlich hören sie auf einem Ohr kaum noch oder überhaupt nicht mehr. Ein Hörsturz ist meist die Folge von Stress. Danach ist schnelles Handeln gefragt.

Zusätzlich verspüren mehr als die Hälfte der Betroffenen Druck auf dem Ohr, drei Viertel klagen über lästige Ohrgeräusche, den so genannten Tinnitus. Mehr als 15.000 Bundesbürger erleiden jährlich einen Hörsturz. Die Ursachen des Phänomens sind bis heute unbekannt.

Charakteristisches Kennzeichen eines Hörsturzes ist laut Peter Bessmann von der Deutschen Tinnitus Liga ein Gefühl, als ob man Watte im Ohr habe. Begleitet wird das Symptom meist von Druckempfinden und Ohrgeräuschen, gelegentlich auch von Ohrensausen, Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen. In jedem Fall empfehlen Experten, schleunigst einen Facharzt oder die Ambulanz eines Krankenhauses aufzusuchen.

Man vermutet Durchblutungsstörungen im Innenohr als Ursache

Keinesfalls sollte man damit länger als 24 Stunden zögern, betont Burkhard Schwab, Oberarzt am Fachbereich Hals, Nasen, Ohren der Medizinischen Hochschule Hannover. "Jeder Tag, der verstreicht, ist ein verlorener Tag", bestätigt Bessmann. Über die Ursachen eines Hörsturzes gibt es bislang nur Vermutungen.

Mediziner gehen allgemein von Durchblutungsstörungen im Innenohr aus, die verursacht werden können unter anderem durch Virusinfektionen oder Stoffwechselerkrankungen. Möglicherweise wird das Phänomen auch durch Stress ausgelöst, ein Einfluss der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin auf die Blutgefäße des Innenohrs wird nicht ausgeschlossen. Als Folge der Mangeldurchblutung werden die signalverarbeitenden Haarzellen im Innenohr nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, was zu Funktionsminderung oder gar zum Absterben der Zellen führen kann.

Stress häufig Auslöser

Betroffen sind meist Personen mittleren Alters. Gefährdet seien vor allem "Menschen, die unter Stress stehen", also "zu viel um die Ohren haben", erklärt Bessmann. Oberarzt Schwab relativiert dagegen die Bedeutung psychischer Faktoren. Zwar könne Stress eine Mitursache für einen Hörsturz sein, grundsätzlich handele es sich aber um ein rein somatisches Phänomen, so der Mediziner. Da die konkreten Ursachen eines Hörsturzes im Dunkeln liegen, gestaltet sich auch seine Behandlung schwierig.

Um die Durchblutung im Innenohr anzuregen, werden den Patienten in der Regel durchblutungsfördernde Mittel mit oder ohne Kortison verabreicht. Dieses Vorgehen beruht laut Schwab aber einzig auf empirischen Werten, ohne dass die Ergebnisse bisher in einer größeren Studie zweifelsfrei überprüft wurden.

Druckkammer-Behandlung umstritten

Zusätzlich werden andere Therapieformen angeboten, die jedoch unter Fachleuten umstritten sind: Bei der so genannten hyperbaren Sauerstofftherapie etwa atmen die Patienten in einer Druckkammer über eine Maske 100-prozentigen Sauerstoff ein. Damit soll der Sauerstoffgehalt des Blutes auf das Maximum gesteigert werden, um die Sauerstoffversorgung im Innenohr zu verbessern und die Regeneration der angeschlagenen Sinneszellen zu fördern. Das kostspielige Verfahren wird von den meisten öffentlichen Krankenkassen nicht bezahlt.

Eine Studie in Hannover kam laut Schwab zu dem Schluss, dass die Behandlungserfolge mit denen der Durchblutungstherapie vergleichbar sind. Ein recht neues Verfahren zur Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes ist die so genannte Hämapherese, eine Art Blutwäsche, bei der Blut aus einer Vene abgeleitet und von Bestandteilen befreit wird, die die Fließeigenschaften verringern, wie Cholesterin und Fibrinogen.

Schnelles Handeln ist wichtig

Die Chancen auf eine vollständige Heilung hängen stark vom Zeitpunkt des Therapiebeginns ab. Laut Schwab haben 80 bis 90 Prozent der Patienten, die nach einem Hörsturz frühzeitig zum Arzt gehen, nach der Behandlung keine oder fast keine Probleme mehr. Unter Umständen bleiben aber auch Beeinträchtigungen wie ein partieller Hörverlust oder Ohrgeräusche zurück.

Bei bleibendem Hörverlust hilft nur noch ein Hörgerät, gegen anhaltenden Tinnitus gibt es dagegen verschiedene Therapieformen zur körperlich seelischen Entspannung an wie Ganzkörperentspannung oder Bewegungstherapie. Aus Großbritannien stammt die Gewöhnungstherapie, während der Patienten mit ihrem Tinnitus-Geräusch konfrontiert werden und dabei lernen sollen, das Geräusch zu akzeptieren und es später durch Filterung der Wahrnehmung nicht mehr bewusst zu hören. In jedem Fall empfiehlt Bessmann allen Betroffenen, den Hörsturz als Signal zu werten, als Chance, etwas im Leben zu verändern und auch mal einen Gang runterzuschalten.

Walter Willems/AP


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker