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Marktplatz Es war einmal ein Neustart. Der wurde vom Virus verdrängt

Lindner, Scholz, Baerbock und Habeck stehen auf einer Bühne. Hinter ihnen der Slogan "Mehr Fortschritt wagen"
Koalitionsverhandlungen
© Kay Nietfeld/ / Picture Alliance
Die Ampelkoalition stolpert ins Amt, sie verspielt wichtiges Vertrauen. Die Energie für den Aufbruch sollte uns in der vierten Welle aber bitte nicht verloren gehen

Müde sind sie, erschöpft, aber nicht ausgelaugt. Auch nicht ernüchtert, im Gegenteil. Da ist noch so viel Energie und oft auch: ein Leuchten in den Augen. Ja, sie können, sie wollen gestalten! Die vergangenen Tage habe ich eine Reihe von jungen Bundestagsabgeordneten getroffen, von SPD, Grünen und FDP. Sie alle kamen aus Verhandlungen und mussten auch wieder zurück und in ihren Arbeitsgruppen an Papieren feilen, in denen Schriftart, Schriftgröße, Zeilenabstand und Länge vorgegeben waren. Alles für das eine große Papier: den Koalitionsvertrag.

Ein Vakuum an Führung und Verantwortung

Diese jungen Parlamentarier ließen nichts durchsickern – auch hier: Disziplin! –, aber sie erzählten trotzdem davon. In ihrem Ton, ihren Stimmen, ihren Augen, in den Themen, um die sie kämpften. Da spürte man den Drang, die Zukunft zu gestalten, Energie und Lust, die Dinge anzupacken. Enttäuschung, klar, auch die hörte man raus, etwa bei einem Grünen: Im Sommer, klagte er, wollten noch alle Parteien, ja das ganze Land, das Klima retten. In den Verhandlungen war man plötzlich ganz einsam.

Wenn wir dieser Tage auf die künftige Regierung blicken, ist viel vom Fehlstart die Rede, vom verflogenen Zauber, vom verpatzten Neustart. Aufbruch? Das war einmal. Dieser Befund ist richtig und hart zugleich. Hart, weil die Ampel ja noch gar nicht losgelegt hat. Richtig, weil dieses Interregnum in der Pandemie unserem Land großen Schaden zugefügt hat. Die neue Regierung beginnt in einem Vakuum von Führung und Verantwortung, das sie selbst mit herbeigeführt hat. Durch widersprüchliche Botschaften, Kakofonie und einen Kanzler, der führen wollte – aber als er neben Angela Merkel auf dem Podium saß, wirkte er zusammengesunken, wie ein Trainer vom HSV, der wieder einmal eine Niederlage erklärt.

Mehr Zusammenbruch als Aufbruch

Wir haben Zeit verloren, was Menschenleben kosten wird. Der Winter wird hart, weil wir uns im Herbst nicht vorbereitet haben. Mehr Zusammenbruch als Aufbruch also, die Zukunftsprogramme verschwinden hinter dem furchtbaren Werkzeugkasten der Pandemie, den wir doch eigentlich weggesperrt hatten. Statt um 5G kümmern wir uns um 2G und 2G+, statt um eine Welle von Investitionen um die vierte Corona-Welle.

"Statt um 5G geht es um 2G: Der Neustart wurde in einer Welt erdacht, die nicht gegen ein Virus kämpft."

Wir haben den Neustart in einer Welt erdacht, ersehnt und geplant, die nicht gegen ein Virus kämpft. In der Energiepreise nicht steigen, in der Rohstoffe nicht knapp sind. In der die Weltwirtschaft sich erholt, statt unter einer Art "Long Covid" zu leiden – weil Container fehlen und zu lange unterwegs sind und Angebot und Nachfrage noch ein Gespann wie Dick & Doof bilden. Es war überdies eine Neustart-Erzählung, die ohnehin umkämpft war. Im Sommer feierte sogar Merkels Raute ihr Comeback, in den Händen von Olaf Scholz. Veränderung? Ja, aber bitte nicht zu viel.

Es wäre trotzdem falsch, den ganzen Neustart für beendet zu erklären. Trotz des verpatzten Anfangs der Ampel, trotz des verflogenen Zaubers. Und da bin ich wieder bei den jungen Abgeordneten: Der Drang, der sich seit Jahren aufgestaut hat, in diesem Land etwas zu verändern, ist ja noch da. Der Wille ist da, die Ideen sind es auch. Die Notwendigkeit, nach Jahren der eher saturierten Wohlstandsverwaltung und -verteilung dem Land wieder mehr Dynamik zu geben, ist ebenfalls ungebrochen. Der Neustart wird einer harten Prüfung unterzogen, ja, er wird belastet und torpediert.

Die Kunst für die neue Regierung wird es sein, wenn nun der Koalitionsvertrag vorliegt, das Energiefeld für Veränderung zu bewahren und wieder zu erzeugen – ohne dass es künstlich wirkt oder wie aus einem Paralleluniversum. So wie "Frederick", die Maus aus dem Kinderbuch, für den Winter Farben und Sonnenstrahlen gesammelt hat. Diese Chance sollten wir jeder Regierung geben.

Horst von Buttlar schreibt jede zweite Woche in seiner Hauptstadtkolumne "Marktplatz" über Politik und Wirtschaft

Erschienen in stern 48/2021

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