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"Audible Originals" Amazon-Tochter will Netflix für die Ohren werden

Bestsellerautor Sebastian Fitzek  posiert er bei der Premierenfeier mit den Schauspielern Svenja Jung und Oliver Masucci,
Bestsellerautor Sebastian Fitzek (Mitte) schrieb mit "AURIS" sein erstes Buch, das es nur als Hörbuch gibt. Hier posiert er bei der Premierenfeier mit den Schauspielern Svenja Jung und Oliver Masucci, die die Hauptrollen im Hörspiel sprechen.
© Sven Krohn für Audible GmbH
Amazon-Prime und Netflix binden mit aufwändigen Eigenproduktionen ihre Zuschauer. Audible will nun mit einem ähnlichen Serien-Rezept Hörer von Audiobooks anlocken.

Man füge vorhandenen Inhalten eine ordentliche Portion Netflix hinzu und schmecke das Ganze mit einem gehäuften Esslöffel Amazon-Prime ab – so ungefähr lautet das Rezept, nach dem sich Audible derzeit neu backen möchte. Statt lediglich die Hörbücher anderer Verlage zu vertreiben, will Audible künftig Produzent eigener und damit exklusiver Titel werden.

Die Idee verfolgt die Amazon-Tochter bereits seit gut zwei Jahren, jedoch eher zaghaft mit Podcasts. Dieses Jahr stellt Audible, um im Bild zu bleiben, den Herd eine Stufe höher und investiert einen zweistelligen Millionenbetrag in den Ausbau seiner Eigenproduktionen.

In den Ende November 2019 eingeweihten Audible-Studios in Berlin werden künftig eigene Hörbücher, Hörspiele sowie Podcasts produziert und unter dem Label "Audible Originals" vermarktet. Bei Filmproduktionen agieren Amazon-Prime und Netflix bereits erfolgreich mit dieser Strategie. Dank eigener Serien gewinnen sie nicht nur User für ihre Plattformen, sie halten auch Stammkunden von der Abokündigung ab.

Eines der vier neuen Aufnahmestudios in Berlin. Hier will Audible künftig vermehrt eigene Hörbücher und Hörspiele produzieren. 
Eines der vier neuen Aufnahmestudios in Berlin. Hier will Audible künftig vermehrt eigene Hörbücher und Hörspiele produzieren. 
© Sven Krohn für Audible GmbH

Bei Audible ist daher die Technik nur ein Teil auf der 250 Quadratmeter großen Grundfläche des neuen Berliner Studios. Wichtiger für den Erfolg dürften die dort ausgerichteten Kreativ-Workshops sein. Denn die eigentliche Herausforderung, betont Audible, besteht im Aufspüren und Entwickeln starker, eigener Geschichten.

Das Format ist dabei zweitranging, hieß es, man wolle möglichst viele Nutzergruppen abholen. Von Usern, die sich gern komplette Bücher vorlesen ließen, bis hin zum Pendler, der in der U-Bahn für 15 Minuten seine Serie verfolgen möchte. Ziel sind Eigenproduktion, die von vornherein für das Hören geschrieben wurden. Bestseller-Autoren wie Sebastian Fitzek und Anna Basener entwickelten solche Drehbücher bereits für Audible: Storys, die es als Buch nicht geben wird.

Drehbuchautoren zu Hörbuchautoren

Für weiteren kreativen Nachschub soll eine Kooperation mit dem Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) sorgen. "Viele Drehbuchautoren besitzen eine besondere Erzählkompetenz und haben ihre Lieblingsprojekte jahrelang in der Schublade liegen. Das sind oft großartige Stoffe, doch eine Film-Umsetzung wäre viel zu teuer. Als Hörspiel hingegen lässt sich etwa eine Explosion im Weltall viel günstiger umsetzen", sagt Oliver Daniel, Deutschlandchef von Audible.

Erste Projekte seien bereits angelaufen. Als nächstes werde man "auf Tour gehen", um den Drehbuchautoren in Hamburg, München und Köln die Möglichkeiten der Zusammenarbeit vorzustellen und in Workshops zu zeigen, worauf es bei Hörspiel- und Hörbuchskripten im Vergleich zu TV-Produktionen ankommt. Autoren sehen in Audio auch eine Chance, ihre Stoffe am Markt zu testen und im zweiten Schritt eine Verfilmung zu realisieren. Für die ersten "Originals"-Hörbücher werde gerade die Umsetzung als TV-Serie ausgelotet, teilte Audible mit.

Webseite für Freizeitschriftsteller

 

Vor allem hochwertige Serien mit "Suchtfaktor" erhofft man sich in der Berliner Firmenzentrale von der Kooperation. Wie zum Beispiel "Monster 83" eine Hörspielserie über drei Staffeln des Autorenteams Ivar Leon Menger, Anette Strohmeyer und Raimund Weber. Die Mysteryserie "Ghostbox" geht 2020 in die zweite Staffel und im März startet mit "Besser stirbt man nicht: Der Übergangsmanager" eine neue Serie aus der Welt des schwarzen Humors.

Die Suche nach erfolgsversprechenden Geschichten dehnt Audible über die Profis bis hin zu den Amateurautoren aus. Auf der Webseite callforpapers.audible.de kann jeder seine Konzeptideen zu Hörbüchern und Hörspielen einreichen. Ausgefeilte Drehbücher will der Verlag im ersten Schritt gar nicht sehen. Die Autoren brauchen lediglich ihren Plot zu skizzieren und herausstellen, warum gerade ihre Idee das Zeug zu einem "Blockbuster" hat.

Der Markt ist bereits aufgeteilt

Nach einer von Audible in Auftrag gegeben repräsentativen Emnid-Umfrage ist die Zahl der Hörbuch-Nutzer in den vergangenen drei Jahren von 18 auf 23 Millionen gestiegen. Für Anbieter wie Audible ist indes die Rate der täglichen Nutzung der interessantere Wert. So sollen in Deutschland knapp acht Millionen Menschen täglich Hörbücher und Podcasts konsumieren – vier Mal mehr als 2016. "Aus Audio-Boom wird Audio-Alltag, Hörbücher und Podcasts sind für viele Menschen zu täglichen Begleitern geworden", interpretiert Oliver Daniel die Zahlen. Und eben dieser Zielgruppe soll durch das Originals-Programm laufend neuer Content angeboten werden.

Sorgen um Konkurrenz muss sich der Platzhirsch auf der Hörbuch-Lichtung derzeit nicht machen. Größter Mitspieler Spotify ist nur bei den Podcasts auf Augenhöhe. Im Genre der Hörbücher präsentiert sich Audiobooks als Alternative, wenn gleich mit geringer Auswahl. Newcomer Bookbeat aus Schweden ist vergleichsweise teuer. Overdrive ist die App der Öffentlichen Bücherhallen, über die man sich Hörbücher ausleihen kann. Und mit der deutliche verbesserten App "ARD-Mediathek" mischen auch die Öffentlich-Rechtlichen im Markt mit. Hörbücher gibt es dort zwar auch, die eigentliche Stärke liegt indes bei aktuellen Radio-Features und Reportagen. 

henlue

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