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"Gordon": Die Lust einer Sklavin

Jahrzehntelang war der Roman "Gordon" verboten. Darin beschreibt die Autorin Edith Templeton eine von Gewalt und sexueller Hörigkeit geprägte Affäre. Jetzt ist das Werk wieder in deutscher Sprache erschienen.

Mit "Gordon" hat der Münchner Claassen Verlag einen Skandalroman aus den 60er Jahren wieder aufgelegt, der jahrzehntelang nur unter der Ladentheke zu haben war. Sittenwächter ruft die Beschreibung einer von Gewalt und Unterwerfung geprägten Affäre heute nicht mehr auf den Plan. Vielmehr dürften nicht wenige Kritiker ein Loblied singen auf die ebenso schmerzhafte wie distanzierte Analyse sexueller Hörigkeit.

Der Roman spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in London. Louisa, eine gebildete, wohlerzogene, selbstständige Frau, vom Gatten getrennt lebend und Affären nicht abgeneigt, trifft in einem Lokal einen geheimnisvollen Mann. Der Psychiater Richard Gordon ist ihr vom ersten Augenblick an unheimlich, ja unsympathisch und doch fasziniert er sie.

Er behandelt sie wie ein Tier

Gordon behandelt sie je nach Laune wie ein Kind, wie eine Sklavin oder wie ein Tier. Er verbessert grammatikalische Unsauberkeiten und schickt sie zur Toilette. Im Bett ist er brutal und unnahbar. Er missbraucht sie körperlich und demütigt sie seelisch. Er schleift sie in zerrissenen Kleidern zu einem Empfang, nur um sie den ganzen Abend zu ignorieren. Er wühlt gegen ihren Willen in ihrer Psyche und fördert einen Vaterkomplex zu Tage, der ihm die Begründung für ihre Abhängigkeit von ihm liefert. Er spricht nur in der Befehlsform mit ihr und so bleiben sie ihr ganze Beziehung lang beim förmlichen "Sie".

Louisas Gefühle für den hageren Mann mit den "seltsamen Augen" und dem "lauernden Blick" sind nicht im Zwiespalt von Hass und Liebe gefangen - es ist schlimmer: Sie liebt ihn, weil sie ihn hasst. "Ich lechzte danach, von ihm zerschmettert und vernichtet zu werden", muss sie sich eingestehen. Sie wehrt sich gegen ihn und genießt dann "dieses köstliche Gefühl der Hilflosigkeit". Sie weiß, dass sie diesem fatalen Zirkel nie entkommen kann und er weiß es auch: "Ich werde Sie für immer festhalten. Weil ich immer neue Wege finden werde, Sie zu quälen."

Die Grausamkeit endet abrupt

Was eine in ihrer Grausamkeit glückliche Symbiose hätte bleiben können, endet abrupt. Gordon verlässt seine Untergebene ohne Angabe von Gründen. Sie kann sich nicht erklären, weshalb: "Ich wusste, dass er all die Dinge (...), von keiner anderen je verlangt hatte und dass die Torturen (...), mir einen Wert verliehen, den keine andere Frau besitzen konnte." Im Roman folgt ein Zeitsprung von acht Jahren. Als Louisa durch Zufall von Gordons Tod erfährt, nimmt sie seine Spur wieder auf. Sie muss herausfinden, weshalb er sie verstoßen hat...

Das Buch erschien 1966 unter dem Pseudonym Louise Walbrook in England und wurde bald darauf verboten. In Deutschland kam es unter dem unangemessen reißerischen Titel "Die Nackte und ihr Arzt" heraus, und wurde ebenso aus dem Verkehr gezogen. In Frankreich veröffentlichte ein Verlag das Werk, der für anspruchsvolle Klassiker der erotischen Literatur bekannt war. Das bildete die Grundlage der in Umlauf befindlichen Raubkopien.

Lebenslustig und mondän

Die Ausgabe bei Claassen ist dem Verlag zufolge die erste, die unter dem richtigen Namen der Autorin erscheint. Edith Templetons Leben war nach ihrer Biografie zu urteilen ebenso lebenslustig und mondän wie ihre Hauptfigur: 1916 geboren, wuchs sie auf einem böhmischen Schloss auf, ging mit ihrem ersten Mann nach England, arbeitete für die Army, ehelichte danach einen Italiener und zog mit ihm nach Indien. Heute lebt sie in Italien.

Die Parallelen zur Louisa im Roman sind nicht zu übersehen. Tatsächlich verströmt das Buch eine Authentizität, die man ganz unwillkürlich für eine ehrliche Lebensbeichte hält. Und wenn es keine ist, ist sie gut erfunden.

Sandra Trauner / DPA
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