HOME
stern-Gespräch

Utz Claassen: "Ob es ein Mordversuch war?"

Utz Claassen war mal ganz oben: Topmanager bei Seat, Chef des Energiekonzerns EnBW. Für gute Bilanzen warf er Tausende Angestellte raus. Jetzt will er mit einer eigenen Firma die Welt erobern. Warum wurde auf ihn geschossen?

Von Arno Luik

Utz Claassen: Gespräch mit dem Ex-EnBW-Topmanager

So wie Utz Claassen ist kaum ein anderer: schrill, größenwahnsinnig, genial und restlos von sich überzeugt

Herr Claassen, ich hätte Ihnen gerne etwas Besseres serviert, zum Beispiel einen guten Rotwein, Ihre Mitarbeiter aber sagten mir: "Cola-Light genügt, mehr will er nicht".

Da wusste ich ja noch nicht, dass ich hungrig zu Ihnen kommen würde. Außerdem trinke ich keinen Rotwein. Das ist übrigens einer der Gründe, weshalb ich vielen Leuten in der Branche suspekt war. Ich bin mal mit meiner Frau zu zwei absoluten Top-Managern gekommen, einem Top-Aufsichtsrat und einem Top-Konzern-Vorstand, in deren Büro stand eine Batterie geleerter Rotweinflaschen. Und aus dem Zustand der beiden Herren war völlig klar, dass die Flaschen gerade eben geleert worden waren.

Auf der obersten Manager-Etage, haben Sie mal gesagt, herrsche der Komment des "Abnicken, Zigarre rauchen, Rotwein trinken. Im Extremfall: Dummheit, Faulheit, Suff".

Das mag ein wenig überspitzt formuliert sein, aber sagen wir so: Die Qualität des deutschen Managements im Dax ist ganz sicher nicht immer ein Modellbeispiel für die Welt. An jenem Tag bei diesen zwei Topleuten fuhren wir dann zum Fußballspiel ins Stadion, und bei der Fahrt dorthin im sondergeschützten Fahrzeug mit Sicherheitsbegleitung war als Proviant weiter Rotwein dabei, dann wurde im Stadion vor dem Spiel, in der Pause und nach dem Spiel Bier getrunken. Und ich fürchte fast, die haben so etwas jeden Tag gemacht.

So ein Lotterleben stört Sie.

Wenn ich in einer Woche so viel trinken würde, würde ich tot umfallen. Wenn ich Entscheidungen treffe, muss ich nüchtern sein. Ich habe ein hohes Pflichtbewusstsein. Mein gestriger Arbeitstag begann um 7 Uhr in Singapur. Das letzte, was ich dort gemacht habe, war eine Telefonkonferenz mit meinem Büro in Hannover – dort war es 18 Uhr, bei mir Mitternacht. Die Konferenz ging bis um 1 Uhr, dann bin ich dann direkt in den Flieger gestiegen, und nun sitze ich hier bei Ihnen.

Keine Pause, nichts, Sie haben nicht mal Zeit, um in Ruhe etwas zu essen – Sie tun mir leid.

Was heißt keine Pause? Doch, ich habe mich nach dem Übernachtflug kurz geduscht, weil ich höflich bin, und habe noch ein Snickers gegessen, der war auch gut. Ich würde mir auch manchmal etwas mehr Ruhe wünschen, aber das geht leider meist nicht.

Dem ehemaligen Top-Manager Thomas Middelhoff wurde vorgeworfen, sich mit dem Hubschrauber von seinem Haus zum Arbeitsplatz fliegen zu lassen – verschwenderisch. Offenbar halten Manager wie er Stillstand nicht aus. Unerträglich der Gedanke, im Stau zu stecken, vielleicht sogar im Funkloch. Die Vorstellung, nichts tun zu können, plötzlich mit sich konfrontiert zu werden, versetzt sie in Panik.

Ein Mann, der sich sein Auftreten was kosten lässt: Um sein Goldkettchen weiter tragen zu können, hat Claassen "einen Multimillionenjob" sausen lassen.

Ein Mann, der sich sein Auftreten was kosten lässt: Um sein Goldkettchen weiter tragen zu können, hat Claassen "einen Multimillionenjob" sausen lassen.

Keine Angst, ich kann zwei, drei Tage ohne Arbeit sein. Ich denke auch, die Einschätzung über Middelhoff ist etwas übertrieben. Ich kenne ihn schon lange, ebenso einige hoch angesehene Leute in Deutschland, die nach den Kriterien, nach denen man ihn in den Knast geschickt hat, auch in den Knast müssten.

Zum Beispiel Utz Claassen?

Utz Claassen ganz sicher nicht. Ich habe mich noch nie angreifbar gemacht – nicht für einen Euro, nicht für eine Million Euro, auch nicht für 100 Millionen. Soll ich Ihnen mal eine Geschichte erzählen, die vielleicht zeigt, wie ich ticke?

Nur zu!

Ich kam – das war ganz am Anfang meiner Berufskarriere –, in ein Projekt der Beratungsfirma McKinsey. Das Team dieses Projekts residierte in einem Hotel in Heidelberg. Damals gab es 46 Mark Tagespauschale, und wenn du ein Frühstück umsonst bekamst, wurden 20 Prozent abgezogen, also 9,20 Mark.  Du bekamst also nur noch 36,80 Mark an Spesen. Mir wurde am ersten Abend erklärt, wie "wir das machen": Auf der Rechnung steht nicht "Übernachtung mit Frühstück", sondern bloß "Arrangement" – und "so kannst du 46 Mark abrechnen statt 36,80". Was schätzen Sie, was ich gemacht habe?

Sie sind in ein anderes Hotel?

Richtig. Wenn ich hierbleibe, sagte ich mir,  mache ich entweder die Scheiße mit, dann bin ich angreifbar, oder ich rechne anders ab als der Rest des Teams, aber, selbst wenn ich niemanden verpetze, wird das später bei der Spesenkontrolle ein Problem für die anderen.

Woher, meinen Sie, haben Sie diese Haltung?

Von meinen Eltern. Mein Vater und meine Mutter waren extrem wichtig für mich. In meinem ganzen Leben habe ich nicht ein einziges Mal, nicht eine Sekunde mit Ihnen gestritten.

O Gott.

Ich habe es auch nicht erlebt, dass meine Eltern eine einzige Sekunde untereinander gestritten haben.

Ogottogott!

Meine Mutter verkörperte für mich den Wert der uneingeschränkten Wahrheitsliebe, sie war eine ganz singuläre Frau.

Das ist ja total verklärend.

Nein, das ist einfach so.

Nach was für Werten sind Sie denn erzogen worden?

Toleranz und Chancengleichheit – das waren die Grundwerte meines Vaters. Für meine Mutter waren Ehrlichkeit und Wahrheit die höchsten Güter, Wahrheit als die allerhöchste Form des Respekts. So bin ich erzogen worden: Du hast Respekt zu haben vor Alter und Position, aber du darfst nie Angst haben, die Wahrheit zu sagen.

Das klingt sehr pathetisch.

Nee.

Toleranz, Chancengleichheit – diese Begriffe hätte ich nie mit Ihnen in Verbindung gebracht.

Warum nicht, Herr Luik?

Weil, Herr Claassen, was man in all den vielen Jahren über Sie gelesen und gehört hat, ganz anders klingt: Als hemdsärmelig gelten Sie, als einer der sich durchsetzt ohne Rücksicht auf Verluste, der Leute rauswirft, der ein eiskalter Sanierer, ein herzloser Rationalisierer ist, kurz: einer, der über Leichen geht.

Ich weiß nicht, mit wem Sie gesprochen, was Sie gelesen haben. Ich bin in meinem Leben noch nie über Leichen gegangen. Ich habe noch nie Freude daran gehabt, Menschen rauszuwerfen.

Beim Energiekonzern EnBW haben Sie als Vorstandschef innerhalb von zwei Jahren die Mannschaft  halbiert – von rund 38.000 auf knapp  18.000 Mitarbeiter.

Die Sanierung von EnBW ist eine der bedeutendsten, wahrscheinlich die bedeutendste energiepolitische und energiewirtschaftliche Sanierung in der Geschichte des Landes – ohne eine einzige betriebsbedingte Kündigung.

Fakt ist: Gut 50 Prozent der Belegschaft musste gehen.

Wir haben etliche Firmen, die zum Konzern gehörten, aber mit Energie nichts zu tun haben, verkauft – und so Arbeitsplätze gerettet!  Zur EnBW gehörten damals noch Dinge wie Schuhe, Schuhcreme, Parkhäuser, Fensterprofile und vieles andere mehr.

Sie wurden damals als "Rambo" bezeichnet.

Ich habe den Herrn Minister, der das gesagt hat, später eingestellt, um ihm eine Chance zu geben, mich kennenzulernen. Und als er mich als Chef erlebt hat, hat er in den höchsten Tönen von mir geschwärmt.

"Angst und Schrecken" hätten Sie als Chef bei EnBW verbreitet, heißt es beim Betriebsrat über Sie.

Der damalige Betriebsratsvorsitzende ist noch heute mein Freund. Er hat mal über mich gesagt, er habe nie in seinem Leben einen integrativeren, eher auf Ausgleich und Mitarbeiterinteressen bedachten Vorstandschef erlebt als mich. Sie können ihn gern anrufen.

Als Sie in den 90ern Jahre des vorigen Jahrhunderts für VW beim spanischen Autobauer Seat Finanzvorstand waren, flogen 9000 Leute raus.

Wir hatten ein Unternehmen mit über 40 Prozent negativer Umsatzrendite. Und wir haben dieses Unternehmen aus einer Situation gerettet, aus der das fast niemand mehr für möglich gehalten hat. Wir haben bei Seat die vielleicht härteste und schwierigste industrielle Sanierung gemacht, die Europa je gesehen hat.

102 Führungskräfte haben Sie rausgeworfen.

Wir, also das mit der Sanierung befasste Team, wir alle zusammen haben in einer Nacht von 201 Führungskräften 102 entlassen, weil wir…

Wie fühlt man sich da?

Man fühlt sich dann… Darf ich Ihnen Folgendes sagen: Entweder Sie lassen mich hier mal meine Antwort ausreden oder ich gehe nach Hause. Sie können mir jede Frage stellen, aber ich möchte sie auch beantworten können. Also: Das ganz große Problem bei Sanierungen ist, dass normalerweise einfach Menschen an der Basis gefeuert werden. Aber dass diejenigen, die die missliche Lage zu verantworten haben, meist nicht in die Verantwortung genommen werden. Das finde ich nicht gerecht. Ich habe immer gesagt, dass wir bei einer Sanierung so viel Leid wie möglich an der Basis vermeiden müssen. Ich sehe das so: Einen Manager, der zum Nachteil des Unternehmens und von dessen Beschäftigten gehandelt hat, aus seinem Amt zu entfernen, ist ein sozialer Akt.

So wie Sie reden, so wie Sie sich sehen: Sie sind im Reinen mit sich.

Es gibt keine einzige Entscheidung, die ich als Manager getroffen habe, die ich heute mit damaligem Wissen anders treffen würde.

Kann es sein, dass Sie nach der Devise lebe: Ich habe immer Recht, und habe ich mal nicht Recht, habe ich dennoch Recht.

Nein.

Wenn Sie sich selbst beschreiben müssten – wer ist Utz Claassen?

Hm.

Sie haben nun fast zwei Minuten geschwiegen, deshalb nochmals die Frage: Wer ist Utz Claassen?

Das ist eine Frage, die man sich nicht stellt. Wie beschreibst du dein Eigenbild? Ich bin jemand, der großen Spaß an den einfachen Dingen des Lebens hat: Fußball, Musik hören, Currywurst. Der Luxus, mit dem man mich begeistern kann, ist ein schönes Auto. Professionell bin ich jemand, der Spaß daran hat, Veränderungsprozesse einzuleiten. Es gibt zwei Themen, die mein Leben begleitet haben: Sanierung und Innovation.

Es haben Sie noch andere Dinge begleitet: In das kollektive Bewusstsein der Menschen hierzulande haben Sie sich eingefräst als einer, der, wo immer er auch war, gut abkassiert hat, ein Raffzahn ist.

Ihre Wortwahl, Herr Luik! Sie, Herr Luik, sind aber nicht das kollektive Bewussstsein der Menschen.

Nein, Herr Claassen, natürlich nicht. Aber wenn man die Berichte, die in den vergangenen Jahrzehnten über Sie erschienen sind, durchblättert, sieht das so aus: Als geldgierig erscheinen Sie da, als einer, der häufig vor Gerichten klagt, und bei diesen Klagen geht es meist um Geld, um sehr viel Geld.

Das überrascht mich, dieses Bild, das Sie von mir zeichnen. Andererseits überrascht es mich nicht, denn ich weiß: Rufmord ist in dieser Gesellschaft ein Geschäftsmodell. Anders als einzelne Interessierte suggerieren wollen, ging es mir nie vorrangig um finanzielle Dinge.

Das sehe ich anders. Sie waren 46 Jahre alt, Sie bekamen im Jahr über vier Millionen Euro als Chef des Energiekonzerns EnBW, Sie waren dann gerade mal vier Jahre bei der Firma, als Sie sie verließen – und haben sich bis zum 63. Lebensjahr ein Übergangsgeld von jährlich 400.000 Euro mitgeben lassen.

Falsch. So wie Sie das gesagt haben, ist es falsch.

Glaube ich nicht, wieso sollte es falsch sein? Klären Sie mich auf.

Ich bin nicht gegangen und habe mir etwas mitgeben lassen. Als ich zu EnBW kam, habe ich ein Vertragsangebot angenommen. Über dieses Angebot ist nicht mal anderthalb Stunden verhandelt worden. Ich hatte diesen Vertrag und habe dann, nach meinem Ausscheiden, gesagt: Verträge sind zu erfüllen. Vertragstreue ist ein wichtiger Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Das Landgericht Karlsruhe sah es ähnlich, als EnBW meinen Vertragsanspruch nicht erfüllte: "Die Klage von Herrn Claassen ist schlüssig und begründet". EnBW und ich haben uns dann auf 2,5 Millionen Euro geeinigt.

Das ist lustig ist, finde ich, wenn Sie sagen: "Finanzielle Dinge" standen bei Ihnen "nie im Vordergrund". Bei EnBW kassierten Sie jährlich dank Boni und Tantiemen 4,1 Millionen Euro – mehr als damals die Chefs von größeren Energiekonzernen.

Ich habe den Bonus bei EnBW nicht definiert. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Tantieme-Vorschlag für mich gemacht, und ich habe auch nicht die Pensionsregelung beschlossen. Den Bonus gab es, weil meine Leistung offenbar so gut war. Er war einfach Ausdruck der ganz ungewöhnlichen Zufriedenheit des Aufsichtsrats mit seinem Vorstandvorsitzenden. Ohne diese Zufriedenheit hätte der Aufsichtsrat ja schließlich nicht jedes Jahr mich mit einem Millionenbonus bedenken können und bedacht.

Puh! Wenn ein Arbeitnehmer viel Glück hat, also keine Auszeiten wegen Krankheiten oder Arbeitslosigkeit, wenn er heute nach 45 Jahren Arbeit in Rente geht, erhält er im 1270 Euro im Monat. Sie arbeiten vier Jahre extrem gut bezahlt und kriegen dann so viel Geld nachgeworfen.

Meine Kollegen bei E.ON und RWE haben zum Teil über mich gelacht, als sie hörten, was ich bekam und haben gesagt: "Was hast du für einen Scheiß-Vertrag dort unterschrieben?"

2,5 Millionen nach vier Jahren – dafür muss ein normaler Bürger über 80 Jahre arbeiten, also zwei Arbeitsleben lang. Eine simple Frage: Ist das gerecht?

Darüber kann man sicher streiten. Ein Manager, der eine gute Leistung bringt, ein Unternehmen rettet und es nach vorne bringt, dafür aber einige Millionen verdient, ist allerdings viel weniger problematisch als einer, der die Hälfte verdient und das Unternehmen und die Arbeitsplätze vor die Wand fährt.

Ganz so einfach ist es nicht.

Ich denke schon, dass wir diese Diskussion stärker in einem Kontext führen müssten, der leistungsbezogen und sinnstiftungsbezogen ist.

Sinnstiftungsbezogen?

Diese Frage kann man immer stellen: Wie viel Ungleichheit ist gerecht? Wir müssen aber dann auch zur Kenntnis nehmen, dass die relative Ungleichheit in diesem Land geringer ist als in den meisten anderen Ländern dieser Welt.

Auch darüber kann man streiten. In der Hauptstadt Berlin wächst fast jedes dritte Kind in Armut auf. Wenn Sie von sinnstiftend reden: Sie treten 2010, nach Ihrem Abgang von EnBW bei Solar Millennium an, einer, Entschuldigung, Klitsche, die gerade mal 73 Millionen Euro Umsatz machte – und Sie bekommen, vor Ihrem ersten Arbeitstag, ein "Antrittsgeld" von mehr als 9 Millionen Euro. Ist das sinnstiftend?

Es war genau wie bei EnBW: Ich bekam ein Vertragsangebot und habe es angenommen. Übrigens, ich  hatte es zunächst abgelehnt, weil ich an bestimmten Dingen im Unternehmen Zweifel hatte. Man hat mich dann aber fast angebettelt, es anzunehmen.

In Ihren Büchern verurteilen Sie Gier, loben Sie die Inder, wie fleißig die seien, wie billig die Löhne dort, und Sie klagen, dass "wir" hier "über unsere Verhältnisse leben". Und dann machen Sie einen Vertrag mit Solar Millennium: das unfassbare Antrittsgeld, 40 Tage Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle für ein ganzes Jahr, 100 000 Euro Gehalt pro Monat.

Ich habe nie ein Antrittsgeld gefordert, selbst die Idee dieser Einmalzahlung kam nicht von mir. Es war zudem kein Antrittsgeld, sondern eine Ausgleichszahlung.

Aha.

Nichts "aha". Weil ich dieses Angebot angenommen habe, habe ich an anderer Stelle bereits verdiente Bonusansprüche und sichere Einnahmen aufgegeben.


Was ist Geld für Sie?

Geld ist ein Mittel zum Leben. Man ist dankbar, wenn man ein Auto hat, ordentlich wohnen, essen und trinken und in Urlaub fahren kann. Geld per se hat für mich eine denkbar niedrige Bedeutung und…

Darf ich kurz unterbrechen?

Ja.

Vor ein paar Wochen führte Veronica Ferres, die Frau Ihres Freundes Carsten Maschmeyer…

Ich kenne Frau Ferres kaum, und Herr Maschmeyer ist nicht mehr mein Freund.

… in der „Bunten“ voller Stolz Ihre Wohnung in Hollywood vor: grau, steril, aber monumental, eine Luxusvilla mit fünf Schlafzimmern, sechs Bädern. Geht es bei dem vielen Geld darum – dass man so etwas vorzeigen kann?

Jeder darf entscheiden, was ihm Freude macht. Größe und Protz sind nicht mein Ding. Sie können nur in einem Bett schlafen, von einem Teller essen. Ich wohne in einem völlig unauffälligen Haus.  Als Gerhard Schröder zum ersten Mal bei mir zu Hause war, war er sehr überrascht, wie bescheiden es bei mir ist.

Wie ist denn das, wenn jeden Monat auf das Girokonto 100.000, 200.000, 500.000 Euro oder noch mehr kommen?

Ich kümmere mich wenig um solche Dinge. Ich kümmere mich auch kaum darum, wie mein Geld angelegt ist. Sie haben eine völlig falsche Vorstellung, was Geld für mich bedeutet. Ich sage Ihnen nochmals: Ich habe nicht ein einziges Mal in meinem Leben eine Gehaltsforderung gestellt, nie einen Tantieme-Vorschlag für mich gemacht. Das Einzige, was ich konstatieren würde, ist, dass Geld, wenn es um die Bonusfestlegung geht, ein Indikator für die Wertschätzung der geleisteten Arbeit ist. Wenn der Aufsichtsrat sagt, "wir geben dir das Doppelte oder Dreifache oder Zehnfache von dem, was wir deinem Vorgänger gegeben haben" – dann nimmt man das schon als Anerkennung wahr.

Und bei anderen schafft das Neid?

Ja. Bei einem Abendessen in München brachte ein ehemaliger E.on-Chef seine ganze Verzweiflung zum Ausdruck, dass der EnBW-Chef mehr verdiente als er.

Herr Claassen, Sie haben einen putzigen Vornamen: Utz.

Der Name Utz hat zumindest einen hohen Wiedererkennungswert.

Und Sie haben diesen Namen als Markenzeichen sichern lassen: "UC – Utz Claassen".

Das stimmt.

Als Markenrechte für so Dinge wie Uhren, Schmuck, Peitschen. Peitschen?

Es gibt keine Claassen-Peitschen, die wird es auch nie geben. Mir hat einfach mal jemand empfohlen, meinen Namen sichern zu lassen, und dann gibt es solche Markenklassen, und 30 oder 100 andere Sachen sind darin aufgelistet.

Aber dahinter steckt doch der Gedanke, alles Erdenkliche und Unerdenkliche zu Geld machen zu lassen.

Nein. Dieser Gedanke steckt dahinter: auszuschließen, dass andere damit Unfug anrichten, also um mich zu schützen. Sie glauben gar nicht, was auf der Welt alles geklaut wird, Sie müssen verdammt viele Sachen schützen lassen, um sich zu schützen.

Haben Sie Angst?

Ich bin grundsätzlich einigermaßen furchtlos.

Sie sind mit einem Leibwächter gekommen.

Mit meinem Fahrer, ja. Der macht ganz viele Sachen für mich, unter anderem ist er auch für meine Sicherheit zuständig.

Haben Sie als Manager gefährliche Situation erlebt?

Ja, vielfach.

In Ihrem Krimi "Atomblut" beschreiben Sie, wie auf eine Managerin geschossen wird. So wie Sie diese Managerin beschreiben, könnten Sie das sein.

Das Buch ist rein fiktiv, aber es ist ja nicht verboten, dass man Dinge, die man real erlebt hat als Inspiration nimmt.

Im Klartext: Auf Sie ist geschossen worden.

Ja. Das war in Spanien, als ich Finanzvorstand von Seat war.

Jemand wollte Sie ermorden.

Das weiß ich nicht. Vielleicht war es ein freundlicher Gruß.

Hatten Sie da Schiss?

Nein. Der Moment ist viel zu kurz, das geht ja sehr schnell. Das ist wie bei einem Autounfall – eine Schrecksekunde. Danach muss man überlegen, welche Schlüsse man daraus zieht.

Halten Sie böse Gerüchte aus?

Über mich wird soviel kolportiert, ich muss damit leben.

Sie können aufschreien, wenn es Ihnen zu viel wird: Es heißt, dieser Anschlag sei von Ihnen selbst inszeniert worden.

Wer so etwas kolportiert, ist krank.

Es heißt, Sie seien enttäuscht gewesen, weil Sie nicht mehr zu den 100 Leuten im VW-Konzern gehörten, den wirklich Wichtigen, denen Sicherheitsleute und eine gepanzerte Limousine zur Verfügung gestellt werden.

Das ist wirklich gehirnkrank! Wer so etwas streut, gehört im Grunde in eine geschlossene Anstalt. Wie pervers muss man sein, um sich so etwas auszudenken! Können wir mal kurz die Handys und die Aufnahmegeräte ausmachen?

Fünf Minuten später

So, jetzt können wir weitermachen. Ich habe den Vorfall weitestgehend aus meinem Leben ausgeblendet. Mein Auto hat sich mit etwa 80 Stundenkilometern bewegt. Ich saß auf dem Beifahrersitz, der Schuss ging in die B-Säule, ich bin um ein paar Zentimeter verfehlt worden. Das ist rechnerisch vielleicht etwas mehr als eine zweitausendstel Sekunde. Ich sag jetzt mal Folgendes: Ob es ein Mordversuch war oder nur ein Versuch, mich einzuschüchtern, ist nachrangig. Ich habe für mich nie versucht, diesen Vorgang zu bewerten. Ich wollte und will ihn vergessen.

Was waren die glücklichsten Momente in Ihrem Leben?

Die Zeit auf dem Boker.

Boker?

So heißen in Hannover die Bolzplätze. Bei meinen Eltern, direkt vor der Tür, war so ein Bolzplatz, ein Hartplatz mit Asche. Jeden Nachmittag habe ich dort als Jugendlicher verbracht. Eine glücklichere Zeit als die auf dem Boker kann ich mir kaum vorstellen. Es ist die Gemeinschaft. Die Unkompliziertheit. Eine Welt, wo jeder für den anderen da ist. Die Freude, sich auszutoben, zu kämpfen, sich anzustrengen, ein Tor zu schießen.

Ich nehme an, Sie waren Stürmer.

Ich war immer Stürmer. Ich war auf dem Hartplatz besser als auf dem Rasen. Ich war langsam, aber wendig und schussstark. Als Kind in Hannover-Linden – ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn wir nicht den Boker gehabt hätten. Ich hatte immer Freude am Wettbewerb. Fußball ist eine Metapher für mein Leben: Ich gebe immer alles, egal, ob es in einer Vorstandssitzung ist, vor Gericht, beim Kicken, beim Tisch-Fußball, beim…

Sie wollen immer alles geben, aber Sie dürfen nicht: Seit Ihrem Weggehen von EnBW haben Sie keinen Spitzenjob mehr, kein Dax-Konzern ruft nach Ihnen. Dabei haben Sie immer wieder viel angekündigt: 2013 sagten Sie: "Ich denke, ich werde in die Politik gehen, eine Partei gründen." Nichts ist passiert. Dann sagten Sie: "Ich werde noch mehr Romane schreiben." Keiner folgte. Vor einiger Zeit sagten Sie, dass ich "mal wieder Vorstandsvorsitzender werde, ist sehr wahrscheinlich". Nichts ist daraus geworden.

Falsch. Ich habe zudem heute die spannendste Aufgabe, die ich je hatte. Nämlich aus einem Start-up-Unternehmen, der Syntellix-AG in Hannover, einen Global Player zu machen.

Einen Global Player machen aus einer weithin unbekannten Firma?

Ja! Und diese Aufgabe, eine noch kleine, aber höchst innovative Firma in den Wettbewerb gegen Multi-Milliardenkonzerne zu führen, ist im Grunde wesentlich anspruchsvoller, als einen solchen Milliardenkonzern zu verwalten.

Sie leiten eine Minifirma, Sie haben knapp drei Dutzend Angestellte.

32 Angestellte in Hannover, ein hoch qualifiziertes und motiviertes Team. Wir stehen im Wettbewerb mit Konzernen, die zusammen etwa 400 Milliarden Dollar  Marktkapitalisierung haben.

Ihre Firma macht Millionenverluste.

Ja, klar. Tesla, die angeblich modernste Autofirma der Welt, ist auch immer noch im Minus. Sie können von einer Start-up-Firma, die sich der Entwicklung völlig neuer Technologien widmet, die in neue Märkte, neue Produkte massiv investiert, doch nicht erwarten, dass sie sofort Riesengewinne macht. Wir sind das einzige Unternehmen der Welt, das für ein bioabsorbierbares metallisches Implantat eine Zulassung für Europa, Singapur, Australien und viele andere Länder hat. Wir treten jeden Monat in ein bis zwei neuen Ländern an, wir wollen den Medizinmarkt revolutionieren.

Natürlich.

Ja, natürlich! Wir haben mit unserer Technologie eine Innovation in den Händen, die die Medizintechnik transformieren kann, weltweit.

Jetzt mal ganz konkret, bitte. Worum geht es?

Bisher werden bei Knochenbrüchen häufig Titanschrauben in einer Operation implantiert und mit einer weiteren Operation dann wieder entfernt. Bei diesen zwei Operationen besteht zweimal das Risiko von Infektionen. Unser Produkt hat faszinierende Vorteile für die Patienten: Es löst sich im Körper auf, mehr noch, es hilft sogar noch beim Knochenaufbau. Und es hat eine vergleichbare Stabilität wie Titanimplantate. Diese Technologie wird die Kosten deutlich reduzieren, sie kann die Risiken bei Operationen halbieren. Jedes Jahr sterben in Deutschland mehr Menschen durch Krankenhausinfektionen als im Straßenverkehr. Wenn sich unsere Technologie durchsetzt, können weltweit wir zig-Tausend Menschenleben retten, und zwar Jahr für Jahr.

Das hört sich gut an.

Es ist mehr als gut.

Aber wie so oft bei Ihnen: Es gibt Klagen über Sie, da gibt es einen Herrn Werner Scholz, der in Ihrer Firma war, und er wütet gegen Sie, er fühlt sich, sagt er, "um meine Geschäftsidee von Utz Claassen beraubt".

Falsch! Absurd! Grotesk!

Er sieht sich von Ihnen "um mein Wissen und geistiges Eigentum betrogen".

Besuchen sie doch mal Herrn Scholz auf den Kanaren! Für mich ist er ein Bankrotteur, da er in Deutschland Privat- und Firmeninsolvenz hingelegt hat. Er ist abgetaucht nach Gran Canaria. Sein innovativer Beitrag zu Syntellix war Null, sein operativer Beitrag hat sich nach meinem Eindruck im Wesentlichen in Untreuehandlungen erschöpft.

Er hält Ihre Vorwürfe für haltlos.

Fakt ist: Er hat sich bedankt, wie gnädig wir ihn behandelt haben. Denn auf eine strafrechtliche Verfolgung haben wir damals verzichtet.

Und dann gibt es da noch einen Streitfall: Ihr Ex-Freund und Ex-Kompagnon Carsten Maschmeyer hat gegen Ihre Frau und Sie eine Strafanzeige wegen Untreue  gestellt.

Dieser Vorgang, dass ein ehemaliger Freund, ah, ich schweige… Es war vielleicht der größte Fehler meines Lebens, Herrn Maschmeyer auf dessen Bewerbung hin als Aktionär in die Firma gelassen zu haben. Aber jetzt ist er ja draußen. Dass er meine Frau aber da mit hineingezogen hat, das ist für mich unverzeihlich. Meine Frau hat übrigens einen Strafantrag gegen Herrn Maschmeyer und seinen Anwalt gestellt, unter anderem wegen falscher Anschuldigungen.

Man verliert bei all der Hin- und Herklagerei, all dem Kuddelmuddel, fast den Überblick, aber nochmals zu Maschmeyers Vorwurf: Als Sie Präsident des Fußballclubs Real Mallorca waren, sponsorte Ihre Firma diesen Klub mit 120.000 Euro – als Ihre Firma gerade mal einen Umsatz von 750.000 Euro hatte. Das ist schon ungewöhnlich.

Sieben Fakten über Carsten Maschmeyer: Das müssen Sie über den neuen Juror von "Die Höhle der Löwen" wissen

Nein. Maschmeyers Vorwürfe und seine Strafanzeige waren so haltlos, dass die Staatsanwaltschaft sie verworfen hat, ohne überhaupt ein Ermittlungsverfahren einzuleiten und ohne meine Frau oder mich überhaupt anzuhören. Herr Maschmeyer hat dann dagegen Beschwerde eingelegt, aber auch diese wurde verworfen. Die wahre Ungeheuerlichkeit, der vielleicht unvorstellbarste Vorgang ist ein ganz anderer: Maschmeyers Vertrauter Klaus Schieble hat, als er noch dem Aufsichtsrat von Syntellix angehörte, geheimhaltungsbedürftige Informationen an einen unserer Hauptkonkurrenten  weitergegeben.

Das ist heftig, was Sie da sagen, das ist wirklich heftig, Herr Claassen, was Sie da behaupten.

Dass ich das öffentlich behaupten darf, hat das Landgericht Hamburg in einem schriftlichen Urteil ausdrücklich bestätigt.

Schieble will, sagt er, Revision gegen dieses Urteil einlegen.

Nur zu, soll er doch. Obendrein geschah dieser Geheimnisverrat mitten in der Nacht vor einer wichtigen Aufsichtsratssitzung. Und das ganz zufällig einen Tag nachdem der Chef dieses Hauptkonkurrenten Maschmeyers Villa am Starnberger See gekauft hatte.

Was wollen Sie damit insinuieren? Ist es eine Verschwörungstheorie oder ganz einfach: Zufall?

Ich glaube generell nicht an Zufall. Aber wie auch immer: Ein in der deutschen Industriegeschichte wohl einzigartiger Vorgang.

Maschmeyer und Sie – ein Duo infernale.

Nein. Maschmeyer ist der einzigartigste Mensch der Welt, den ich kenne. Mir ist bewusst, dass der Superlativ des Einzigartigen zwar sprachlich unsinnig ist, aber inhaltich erscheint er mir hier gerechtfertigt. Maschmeyer ist so einzigartigst, dass ich den Kontakt zu ihm nicht weiter intensivieren möchte.

Unzählige Mal standen Sie vor Gericht: als Kläger, Angeklagter, Beschuldigter – es ging um Bilanzen, Geld, den Ruf, die Ehre.

Und ich habe letztinstanzlich noch keinen einzigen für mich wichtigen Prozess verloren! Ich habe Ihnen am Anfang unseres Gesprächs gesagt, Wahrheit ist für mich das höchste Gut. Es gibt bei mir zwei Dinge, die man bei mir nicht darf: Man darf mich nicht belügen, man darf mich nicht verraten. Aber Sie können mir alles sagen und mich fragen, was Sie wollen, ich liebe Widerspruch.

Okay, dann sage ich Ihnen dies: Ihre zwei Kettchen am Arm finde ich unmöglich, Ihre Uhr peinlich protzig.

Armes Spießer-Deutschland! Man darf nicht von der Norm abweichen? Mir ist das wurscht. Vor zehn Jahre hatte ich ein Goldkettchen, jetzt sind es zwei. Das eine habe ich von meinen Eltern zum 25. Geburtstag bekommen. Nie würde ich es ablegen.

Das mag sein, aber man wächst doch aus diesem Zierrat raus.

Wieso denn? Es gab eine Situation, da wollte ein deutscher Dax-Konzern mich als Vorstand. Da kam das Armkettchen zur Sprache, und dass ich dieses Kettchen doch bitte nicht mehr tragen sollte. Es ging um einen Multi-Millionen-Job, aber ich habe die Gespräche dann beendet. Und das zweite Kettchen habe ich von meiner Frau und meiner Tochter bekommen – und das abzumachen, kommt auch nicht infrage.

Interview: Arno Luik