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Talk bei Anne Will: "Zumwinkel - Liechtenstein - Mist gebaut"

Pleiten, Pech und Pannen: Bei Anne Wills Talksendung wurde zumindest ein bisschen im Dreck gewühlt - Klaus Zumwinkel sei dank. Letztlich blieben wenig konkrete Erkenntnisse übrig. Die Stunde der Moralisten hatte geschlagen.

Von Axel Hildebrand

Die Diskussionsrunde um Anne Will am Sonntagabend ähnelte ein wenig dem Besuch im Krankenhaus. Im Bett der Kranke, Bein gebrochen, Nase auch, alles ziemlich im Argen. Blöde Geschichte wirklich, aber: Er hätte ja beim Spielen nicht so leichtsinnig sein müssen. Also wirklich: Not tat das nicht. Das Mitleid mit dem Kranken hält sich in solchen Fällen in Grenzen. Und die Stimmung auch. Anne Will, ausgebildete Krankenschwester in Fällen öffentlicher Ärgernisse, hatte sich eine Truppe von Experten versammelt, die sich zum Fall, nennen wir ihn der Anschaulichkeit halber "Zumwinkel - Liechtenstein - Mist gebaut" alle eine Meinung gebildet hatten. Das hieß zunächst: Analyse der Lage.

Klaus Zumwinkel, bis vor kurzem Vorstandvorsitzender der Deutschen Post und einer der wichtigsten Manager des Landes, soll eine Million Euro Steuern hinterzogen haben. Klaus Zumwinkel sieht zurzeit ziemlich angeschlagen aus. Die Bilder zeigen einen älteren Herrn mit fahlem Gesicht, der entweder zur Vernehmung fährt oder von der Vernehmung kommt. Volker Kauder, Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag: "Ich kann mir schlecht vorstellen, dass da überhaupt nichts dran ist."

"Beihilfe zur Steuerhinterziehung"

Doch wer ist schuld an der Misere? Nur Klaus Zumwinkel? Oder auch das Fürstentum Liechtenstein? Oder gar die ganze Gesellschaft? Um diese Fragen innerhalb einer Stunde zu klären, hatten sich versammelt: Volker Kauder, Ottmar Schreiner von der SPD, der FDP-Generalsekretär Dirk Niebel, Utz Claassen, ehemaliger Vorstandschef des Energieversorgers EnBW und der Enthüllungsjournalist Hans Leyendecker.

In einem sind sich alle einig: Das alles geht so nicht. Utz Claassen hat "nicht ein Prozent Verständnis" und Volker Kauder ist schlichtweg "betroffen und enttäuscht." Aber nun zur Frage des Schuldigen. Wer gehört - außer Zumwinkel - noch dazu? Liechtenstein, das kleine Fürstentum, leiste "Beihilfe zur Steuerhinterziehung", findet Hans Leyendecker. Das heißt auch, dass irgendwas gefordert werden muss, Politiker fordern immer, und so sagt Ottmar Schreiner: "Das Treiben kann so nicht weiter hingenommen werden!". Das Bankgeheimnis in Liechtenstein decke die Steuerhinterziehung. Auch Leyendecker, der im Laufe der Jahre in so ziemlich jedem Misthaufen mit dem Beinamen Affäre herumgestiefelt ist, sieht eine "große Schweinerei" und "übelste Gestalten, die dort ihr Geld anlegen".

Deshalb wird das Ganze von Anne Will nun eine Ebene höher gehoben. Es geht jetzt nicht mehr um den konkreten Fall und die Mitverantwortung der Politik, die man auch näher hätte beleuchten könne, sondern um die ganz große Frage: Brauchen wir neue Werte, eine neue Moral in Deutschland?

Das "Betroffenen-Sofa"

Anne Will hat vielleicht selbst ein wenig in sich hineingegähnt, sie muss so etwas wohl fragen. Viel interessanter wäre es ja gewesen, beim konkreten Fall zu bleiben, der Steuerhinterziehung, die in einem selten gigantischen Maße gerade aufgedeckt wird. Dieter Ondracek, Vorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft, konnte dazu eine Menge beitragen. Er wies auf ein Grundproblem hin, nämlich dass die Steuerbeamten zwar von den Bundesländern finanziert werden müssten, der Bund aber die Hälfte der eingenommenen Summen kassiere und so den Anreiz der Länder, weitere Beamte einzustellen, mindere. Ondracek war jedoch auf dieser merkwürdigen Einrichtung "Betroffenen-Sofa" platziert, weit weg von der Runde - und konnte sich entsprechend wenig an der Diskussion beteiligen.

Also, zurück zur Frage der Werte: Alles geht den Bach runter, so der Tenor der Runde, die Manager hätten viel zu hohe Gehälter, die Löhne am anderen Ende seien dagegen viel zu niedrig. Am Ende könnte sogar die ganze Demokratie gefährdet sein. Auch Utz Claassen beklagte den Werteverfall, und nutzte die Gelegenheit, sein neues Buch anzukündigen. Thema: irgendwas mit neuen Werten.

Ach ist das alles depressiv, findet Anne Will am Ende der Sendung und rafft sich auf, die Schlussfrage an Hans Leyendecker zu richten. Wie könne man trotz dieser ganzen Affären noch optimistisch durchs Leben gehen? "Ich bin Rheinländer", sagt der und lacht.