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Energie: Claassen krempelt die EnBW um

Gemischte Bilanz nach 100 Tagen: Der neue Chef des Energie-Konzerns setzt seinen Projekten gerne konkrete Daten und setzt sich so unter Druck. Bis 2006 will er die Kosten des Konzerns um eine Milliarde Euro senken.

Utz Claassen liebt "Zeitachsen". Gern verpasst der neue Chef des Energie-Konzerns EnBW seinen Projekten konkrete Daten und setzt sich selbst unter den Druck, den einer wie er wohl braucht. So auch mit der magischen 100, an der normalerweise nur Politiker gemessen werden. Seit 100 Tagen führt der 40-Jährige den drittgrößten deutschen Energieversorger. Der Eifer, mit dem der Jungmanager den Karlsruher Konzern umkrempelt, hat viele überrascht.

Yello muss bis Ende 2005 profitabel sein

Der defizitäre Entsorger Thermoselect GmbH beispielsweise bekommt eine letzte Bewährungsfrist bis Jahresende. Die Billigstrom-Tochter Yello muss bis Ende 2005 schwarze Zahlen schreiben. Bis 2006 will Claassen die Kosten des Konzerns um eine Milliarde Euro senken. Alle «Verlustbringer» sollen besser heute als morgen ihre Rentabilität beweisen. Der Neue greift durch - und eben meist mit Datum.

Probleme beim Salamander-Verkauf

Dass solche "Zeitachsen" aber auch schnell zum Bumerang werden können, muss Claassen jetzt beim schleppenden Verkauf der Salamander AG (Kornwestheim) erfahren. "Ich wäre sehr enttäuscht, wenn wir nicht in den ersten 100 Tagen meiner Amtszeit ein schlüssiges Konzept für den Umgang mit Salamander vorlegen könnten", hatte Claassen noch im Mai verkündet. "Das ganze Drama bei Salamander" sei aber "viel größer als bisher gedacht", musste Claassens Pressesprecher Hermann Schierwater jetzt eingestehen.

EnBW soll zurück zur Kernkompetenz

Claassens Ankündigung, den Konzern auf seine Kernkompetenz Energie zu fixieren und 143 der knapp 400 Beteiligungsgesellschaften zu verkaufen oder zu verschmelzen, betrifft vor allem die rund 100 Salamander-Töchter. Bisher ist lediglich der Großteil der Schuh- Sparte verkauft.

Unternehmen soll börsenfähig sein

"Er dürfte keine andere Wahl haben", kommentiert Wolfgang Kiener, Analyst der Bayerischen Landesbank, das entschlossene Vorgehen Claassens in den ersten 100 Tagen. Schließlich solle das Karlsruher Unternehmen irgendwann einmal "börsenfähig" sein. Claassen hatte nach seiner Amtsübernahme angekündigt, möglichst rasch alle "Hausaufgaben" zu erledigen, um mittelfristig doch ein größeres Aktienpaket an der Börse platzieren zu können.

Nägel mit Köpfen

Claassen macht Nägel mit Köpfen. Inzwischen ist er selbst Finanzvorstand, hat bei Thermoselect eine neue Geschäftsführung eingesetzt und Yello in die Hände seines engen Vertrauten und Vertriebs-Vorstands Detlef Schmidt gelegt. Zudem verpflichtete er kürzlich den Unternehmenssanierer Kajo Neukirchen.

Verlust im laufenden Geschäftsjahr

Zwar wehrte sich Claassen anfangs heftig, als es hieß, sein Vorgänger Gerhard Goll habe ihm eine "Baustelle" hinterlassen. Inzwischen spricht er aber selbst von "Altlasten" und "Sanierung". Wohl auch zum Selbstschutz rechnet er mit einem Verlust in seinem ersten Geschäftsjahr. Analysten gehen von bis zu 500 Millionen Euro aus. Und Claassen werde versuchen, möglichst viele Belastungen in die laufende Bilanz einzubringen. Er weiß: Alles Negative, was er jetzt ans Tageslicht bringt, wird nicht ihm, sondern noch seinem Vorgänger zugeschrieben.

Kosten runter

Laut Branchenkennern macht die EnBW jetzt unter Claassen genau das mit, was die Großen (RWE und E.ON) schon hinter sich haben. Der eher politische Vorstandschef Goll hatte eine andere Sicht auf das Unternehmen als der Vollblut-Manager und Sanierer Claassen, der vor allem das Konzernergebnis im Blick hat. Und dafür müssen die Kosten runter. Allein im Personalbereich sollen bis 2006 rund 350 Millionen Euro gespart werden. Wie viele Arbeitsplätze das kostet, sei noch nicht absehbar, so Schierwater. Geplant seien auch Regelungen zum Frühruhestand, zur Kürzung oder Streichung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes und zum Auslaufen befristeter Verträge. Ohne betriebsbedingte Kündigungen wird es wohl trotzdem nicht gehen.