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Neue Spenden-Logik: Wieso dein Banker mehr Leben retten kann als dein Arzt

"Ich spende 10 Prozent meines Einkommens". Effektive Altruisten meinen: Wer viel verdient und viel spendet, hilft mehr Menschen als ein Arzt. Klug oder kühl?

Von Jean-Pierre Ziegler

Zoe Cremer hilft mit ihrer Spende nur Projekten, die nachweislich viel bewirken

Früher verkaufte Zoe Cremer, 22, fair gehandelten Kaffee. Heute hilft sie mit ihrer Spende nur Projekten, die nachweislich viel bewirken

Es gibt eine alte Zoe Cremer und eine neue. Die alte Zoe verkaufte fairen Kaffee und spendete den Erlös. Zoe war eine Schülerin, die Junkies ins Gymnasium einlud, damit sie von ihrer Sucht erzählten; in der Pause verkaufte sie alkoholfreie Cocktails wie Kiba-Saft. Zoe wuchs in einer linken Ecke auf, wie sie sagt. Auf einem Hof in einem Dorf bei Marburg, wo es Hasen und Hunde gab. Und Pferde. Als sie zwölf war, kümmerte Zoe sich um die kranken Tiere, auf denen niemand mehr reiten wollte.

Heute ist Zoe 22, und manchmal sagt sie Sätze, die sehr erwachsen klingen: "Ich will alles einmal intellektuell gekostet haben", ist so einer. Für interessiert sie sich nicht mehr. Auch das Suchtprojekt in der Schule habe nicht viel gebracht, sagt sie. Fairen Kaffee trinkt sie nur noch selten, ihren Kaffeeverkauf bezeichnet sie als ineffektiv. Schließlich habe sie Projekte unterstützt, ohne zu prüfen, was mit dem Geld passiert.

Mit Moskitonetzen Leben retten

Inzwischen weiß sie: Sie kann Leben retten, wenn sie für Moskitonetze spendet. Sie will kein soziales Unternehmen mehr gründen, denn die lösen nur kleine Probleme. Zoe denkt groß: Sie will in die Wissenschaft. Sie ist jetzt eine Effektive Altruistin.

Effektive Altruisten (EA) so nennen sich die Anhänger einer jungen sozialen Bewegung, die nachrechnet, um besser zu helfen. Mit Daten, Formeln und Zahlen sezieren die Aktivisten einen Akt, der sonst eher vom Bauchgefühl gesteuert wird: Wohltätigkeit. Mit provozierenden Ergebnissen Geld für Fair Trade kann man sich sparen, ein Börsenhändler kann mehr Menschenleben retten als ein Arzt, sagen sie. Ihr Vordenker heißt William MacAskill, ist 30 und lehrt Philosophie in Oxford. Er hat das Manifest der Bewegung geschrieben: "Gutes besser tun". Von England und den USA aus verbreitete sich die Idee, in Deutschland machen etwa 2000 Menschen mit. Sie alle eint ein Ziel: ihre Zeit und ihr Geld so einzusetzen, dass sie möglichst vielen Menschen helfen. Effektive Altruisten sagen, dass jeder von uns Dutzende Leben retten kann. Mit der richtigen oder dem richtigen Job.

Zoe sitzt auf dem Boden in dem kahlen Raum einer Münchner Stiftung, den Rücken gegen die Wand gelehnt. Auf ihren ausgestreckten Beinen ruht das Macbook. Es ist Freitagabend, heute trifft sich die Münchner EA-Gruppe. Drei Vorträge sind geplant, auch Zoe wird sprechen. Sie geht noch einmal ihre Notizen durch, guckt konzentriert auf den Laptop.

Aufregend sei es, wenn sie das Gefühl habe, etwas zu bewegen, sagt Zoe, hier bei einem Treffen Effektiver Altruisten in München

Aufregend sei es, wenn sie das Gefühl habe, etwas zu bewegen, sagt Zoe, hier bei einem Treffen Effektiver Altruisten in München

Alles nur eine Illusion?

Zoe sagt, dass sie immer ganz aufgeregt wird, wenn sie das Gefühl hat, etwas zu bewegen. Auch früher ging es ihr so, doch dann kamen Zweifel: Habe ich vielleicht nur die Illusion, etwas zu bewirken? Leben kann man mit fairem Kaffee doch bestimmt nicht retten.

Der Effektive Altruismus dockte an dieses Unwohlsein an. Sie erfuhr über einen guten Freund davon, auf einer Konferenz in vor zwei Jahren. Ein extrem nachdenklicher Philosophiestudent sei das gewesen, der sich vorher nie sozial engagiert hatte. Doch nun interessierte er sich für den Effektiven Altruismus und erzählte Zoe davon. Sie diskutierten in Cafés, Zoe las Artikel über das Thema. In ihr Notizbuch schrieb sie Gegenargumente und Fragen. Sie erkannte, wie schwer es ist zu helfen. Und sie erkannte, wie viele Projekte kaum etwas bringen.

Nur elf Cent für den Kleinbauern

Geht es nach William MacAskill, ist diese Kritik berechtigt. Denn die Wirkung vieler Hilfsprojekte sei nicht in Studien nachgewiesen trotzdem geben wir dafür unser Geld aus. Gibt es doch Untersuchungen, sind die Ergebnisse manchmal ernüchternd. Beispiel Fair Trade: MacAskill zitiert mehrere Studien, nach denen nur zwischen einem und elf Prozent des Aufschlags für den Kaffee bei den Herstellern ankommen. Von einem Euro, den wir mehr für den Kaffee ausgeben, erhält der Kleinbauer also höchstens elf Cent. Es gibt bessere Arten, Armen zu helfen, sagen Effektive Altruisten. 100mal bessere.

Im Mai fand Zoe keine Gegenargumente mehr. Sie saß am Schreibtisch in ihrem Zimmer, vor sich den Laptop. Auf dem Bildschirm stand der Schwur: "Ich verspreche, mindestens zehn Prozent zu spenden, für den Rest meines Lebens." Zoe sah nach rechts zu ihrem Regal, zu den Büchern von den Philosophen Peter Singer und William MacAskill. Sie ging im Kopf all die Artikel durch, die Blogeinträge und Diskussionen. Dann klickte sie auf "Confirm".

Effektive Altruisten spenden einen festen Teil ihres Einkommens. Das Versprechen gab Zoe online ab, auf der Website von Giving What We Can. MacAskill hat die mitgegründet, sie überprüft Hilfsprojekte. Eine andere, noch aktivere NGO ist Give Well, gegründet von zwei ehemaligen Hedgefonds-Managern aus den USA. Im Team sind Physiker, Politikwissenschaftler und Ökonomen. Sie rechnen aus, wo ein Dollar die meisten Menschenleben rettet. Die Prüfer suchen nach Studien, befragen die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und sehen sich vor Ort an, wie diese arbeiten. Am Ende bekommen Hilfsprojekte ein Preisschild, wie ein Investment.

Moskitonetze sollen vor Malaria schützen

Moskitonetze sollen vor Malaria schützen

Die Against Malaria Foundation etwa, die Moskitonetze verteilt, gilt als eine der besten Hilfsorganisationen, weil sie so günstig Leben rette wie kaum eine andere. Bei ihrer Rechnung berücksichtigen die Experten viele Parameter, darunter die Lebensdauer und die Kosten der Netze oder die Wahrscheinlichkeit, an Malaria zu erkranken. Am Ende einer langen Excel-Tabelle, in Zeile 74, steht der Wert 3000. So viel Dollar muss man für die Netze ausgeben, um einen Menschen vor dem Tod durch Malaria zu bewahren, schätzt Give Well.

Alles dreht sich um den "Impact"

Beim Effektiven Altruismus geht es um Effektivität - mit welchem Job hat man den höchsten "Impact"?

Beim Effektiven Altruismus geht es um Effektivität - mit welchem Job hat man den höchsten "Impact"?

In München geht es jetzt um den "Impact", das Lieblingswort der Bewegung. Ein Mitstreiter von Zoe steht vor der Gruppe und spricht darüber, mit welchem Job man als Naturwissenschaftler am meisten bewirken kann. Dazu nutzt er Folien einer NGO, die Jobberatung anbietet: 80.000 Hours MacAskill benannte sie nach der Zahl der Stunden, die ein Mensch arbeitet, wenn er 40 Jahre lang Vollzeit beschäftigt ist. Eine der Empfehlungen auf den Folien: quantitative Trader. Das sind Händler, die dafür sorgen, dass Fonds mehr Geld machen. Trader verdienen oft schon im ersten Jahr 150.000 Dollar, steht auf der Folie. Und je mehr man verdient, desto mehr kann man spenden.

In der EA-Logik kann man auf die Weise sogar mehr Gutes tun als Ärzte: Die retten im Schnitt 20 Leben in ihrer gesamten Karriere, haben Effektive Altruisten ausgerechnet. Ein Trader, der jährlich zehn Prozent seines sechsstelligen Gehalts für Moskitonetze spendet, schafft das in wenigen Jahren.


Ein Altruismus-Superheld aus St. Gallen

So gesehen ist Adrian Hutter, 30, ein Superheld. Er ist ein "Quant" , wie die Händler im Jargon heißen. Er kommt aus St. Gallen, seine Stimme klingt ruhig. Er überlegt am Telefon manchmal so lange vor seiner Antwort, dass man glaubt, er habe aufgelegt. Adrian hat in Quantenphysik promoviert. Bei einer Tradingfirma in London programmiert er Algorithmen, die gute Geschäfte im Aktienmarkt erkennen. Sein Gehalt ist sechsstellig, etwa 20 Prozent davon spendet er, wie er sagt. Es sind mehrere Zehntausend Euro im Jahr nach Rechnung der Effektiven Altruisten rettete er in den vergangenen zwölf Monaten ein Dutzend Menschenleben, da er für Moskitonetze spendete.

Adrian Hutter, 30, verdient als Trader im Jahr eine sechsstellige Summe. Davon etwas abzugeben erschien ihm naheliegend

Adrian Hutter, 30, verdient als Trader im Jahr eine sechsstellige Summe. Davon etwas abzugeben erschien ihm naheliegend


Hutter sagt, dass er null Interesse an Statussymbolen habe. Das meiste Geld gebe er für seine Wohnung und Flüge nach Basel zu seiner Freundin aus. "Ich bin mir bewusst, wie privilegiert ich bin und wie viel Leid es anderswo gibt." Etwas von seinem Gehalt abzugeben erscheine ihm naheliegend.

Wie bringt man jemanden wie Adrian Hutter dazu, so viel zu spenden? Vielleicht mit einer anderen Sprache. Vor allem Naturwissenschaftler engagieren sich im Effektiven Altruismus, die Besucher in München studieren Physik, promovieren in Ökonomie oder machen einen Master in Robotics. Man könnte sagen: Nun interessieren sich auch Physiker für Armut, nicht nur Politikwissenschaftler. Zoe formuliert es so: Effektiver Altruismus schaffe es, dass sich Menschen engagieren, die das sonst nicht getan hätten. Hilfsorganisationen werben mit Fotos, Effektive Altruisten mit Formeln. Vielleicht sind Formeln besser als das x-te Bild eines traurigen Kindes mit Kulleraugen? Effektive Altruisten zielen auf unseren Kopf, nicht nur auf den Bauch. Sie fordern, dass wir über unsere Spende nachdenken.

Kritiker bemängeln EA-Hilfsprojekte

Trotz all der Analysen gibt es Kritik an den Hilfsprojekten, die das Siegel "Effektiv" tragen. So auch an den Moskitonetzen. Dass sie Infektionen vermeiden, ist nachgewiesen. Doch nicht immer landen sie dort, wo sie hingehören. Laut einem Bericht der "New York Times" benutzen Menschen in Zambia die Netze, um zu fischen. Einer der Fischer sagt, er wisse, dass das nicht richtig sei, doch er müsse eben essen. Zwar soll es sich dabei um Einzelfälle handeln, doch sie zeigen: Es ist schwer zu sagen, was effektiv ist.

Wo rettet eine Spende die meisten Leben? Wissenschaftliche Analysen sollen das zuverlässig beantworten

Wo rettet eine Spende die meisten Leben? Wissenschaftliche Analysen sollen das zuverlässig beantworten

Auch den Vorschlag, viel zu verdienen und zu spenden, kann man kritisieren. Denn haben lukrative Jobs nicht oft selbst negative Effekte? Gerade der Bankensektor, den Effektive Altruisten empfehlen, hat seit der Finanzkrise einen miesen Ruf Banken wurden schließlich mit Milliarden aus Steuergeld gerettet. Adrians Firma handelt nach eigenen Angaben täglich mit Fondsanteilen im Wert von über fünf Milliarden Dollar. Er sagt selbst, dass die Transaktionen anonym ablaufen. Wie sicher kann er da sein, dass er mit seinen Fähigkeiten nicht den falschen Firmen hilft? "Der indirekte Effekt meiner Arbeit ist zumindest neutral" , sagt Adrian. Durch die Spenden sei der Effekt auf jeden Fall positiv.

Eine der lautesten Kritikerinnen des Effektiven Altruismus ist Amia Srinivasan, 32. Sie ist eine Oxford-Philosophin, genau wie MacAskill. In einer ausführlichen Buchrezension wirft sie ihm vor, nicht auf die Gründe für die weltweite Ungerechtigkeit einzugehen. Effektiver Altruismus lasse alles so, wie es ist. "Das ist ohne Zweifel angenehm für diejenigen, die vom Status quo profitieren" , schreibt sie. Und das erkläre wohl auch den Erfolg der Bewegung.

"Die Alternative wäre nicht zu spenden"

Den Vorwurf, dass sie nicht die Ursachen der Probleme bekämpfe, kennt Zoe. Sie dagegen findet, dass die Kritiker es sich zu einfach machen. "Man kann sich dann auf die kleinen Dinge besinnen und sagen: Na ja, ich werde meine Ernährung ändern, in den Wald gehen und ohne Plastik leben." Doch ist das beim Effektiven Altruismus nicht ähnlich? Zehn Prozent spenden das ist alles? Die Alternative wäre, nicht zu spenden, sagt Zoe. Doch was bleibt, wenn man das Spenden abzieht?

Für Zoe ist der Effektive Altruismus eine Methode, um über die Probleme der Welt nachzudenken. Wie bekämpfe ich Armut? Was ist wichtiger: der Kampf gegen den Klimawandel oder der gegen Massentierhaltung? Soll ich für Katastrophenhilfe spenden? Für diese Fragen findet Zoe bei der Bewegung Denkanstöße.

Auch bei der Suche nach dem richtigen Job hat EA Zoe geholfen. In Deutschland berät die Stiftung für Effektiven Altruismus bei der Berufswahl und kooperiert dabei mit 80.000 Hours. Die Beratung läuft manchmal über Monate, mittels Skype-Gesprächen, E-Mails oder Diskussionen bei Facebook. Die Berater fragen nach Interessen und Fähigkeiten, vermitteln Ansprechpartner aus der Branche und verweisen auf Studien zur Arbeitszufriedenheit in verschiedenen Jobs. Am Ende empfehlen sie meist einen von vier Wegen, auf denen man viel bewirken kann.

Zoes Weg führt in die Neurobiologie

"Professionelle Spender" helfen mit Geld, darunter fallen etwa Softwareentwickler oder Banker. Als Wissenschaftler kann man gerade auf vernachlässigten Feldern viel erreichen. Wer direkt helfen will, dem empfiehlt die Stiftung getestete Organisationen wie die Against Malaria Foundation. Auch die Arbeit in der Politik und Verwaltungen steht auf der Liste, da man dann Geld in wirksame Projekte umleiten oder die Gesetzgebung gestalten kann. Die Beratung bei 80.000 Hours bestärkte Zoe darin, in der Neurobiologie zu forschen, vielleicht in der Alzheimerforschung. Adrian Hutter glaubt, als Trader mehr zu bewirken.

Doch ist Spenden aus sicherer Entfernung wirklich das Gleiche wie Helfen? Es wäre unfair, den Effektiven Altruisten Weltfremdheit vorzuwerfen. Zoe weiß, wie Armut aussieht, seit sie nach Ghana und Indien gereist ist. Adrian brachte Grundschülern in Ecuador Englisch bei. Auch schließt Spenden ja nicht aus, dass man sich im Alltag anderen direkt zuwendet. Trotzdem scheinen die Aktivisten manchmal weit weg von der Welt, die sie retten wollen.

In München diskutieren die Besucher nach den Vorträgen weiter. Sie sprechen über ethische Investmentfonds und Utilitarismus, über künstliche Intelligenz und darüber, wie wahrscheinlich ein Kometeneinschlag ist. Um Menschen geht es kaum. Was wohl die alte Zoe dazu sagen würde?


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