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Petra Federau gegen Ulf Claassen: Eklat bei der AfD - eine Dokumentation über fünf Minuten Hass

"Skrupellos", "hinterhältig", "vernichtend": So sprach AfD-Politikerin Petra Federau über ihren Kollegen Ulf Claassen. Der stern dokumentiert die Rede, die einen seltenen Einblick in die Partei bietet und juristische Konsequenzen haben könnte.

Petra Federau auf dem Landesparteitag des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern der AfD

Petra Federau nutzte ihre fünf Minuten Redezeit für eine Abrechnung mit AfD-Parteikollegen Ulf Claassen (Archivfoto)

Sonntag, später Nachmittag, ein Hotel bei Wismar, die AfD Mecklenburg-Vorpommern hält ihren Landesparteitag ab. 200 Parteifreunde, wenige Journalisten, wenig Aufregung. Bis zu den Wahlen der Beisitzer des Landesvorstands. Auftritt Petra Federau. Die Schwerinerin wurde bundesweit bekannt, als Medien berichteten, sie habe einen Escort-Service betrieben. Da stand Federau schon auf der Kandidatenliste für die Landtagswahl und besaß beste Aussichten auf ein Mandat. Eilig sorgte die AfD auf einem Sonderparteitag in Binz auf Rügen dafür, dass Federau nachträglich von der Liste gestrichen wurde.

Federau ist Mitglied des Vorstands des AfD-Kreisverbands Mecklenburg-Schwerin. Wie dort die beiden Kreis-Chefs Thomas de Jesus Fernandes und Ulf Claassen mit Menschen mit brauner Vergangenheit gemeinsame Sache machen, berichtet der stern in seiner aktuellen Ausgabe.

Einblick ins dunkle Innere der AfD

Nun, beim Parteitag, kandidiert Federau als Beisitzerin. So darf sie fünf Minuten sprechen. Sie nutzt die Zeit, um mit dem Vize-Kreischef Ulf Claassen und am Rande auch gleich mit dem Kreischef und Claassen-Vertrauten Fernandes abzurechnen.

Der stern dokumentiert Federaus Rede, der es nicht an Deutlichkeit fehlt und die auf bemerkenswerte Weise Einblick in parteiinternes Handeln gewährt. Sie zeigt, was für Charaktere sich in der AfD tummeln und wie Machtkämpfe mithilfe neuer Mitglieder stattfinden. Die Anmerkungen ohne Kursivschrift in Klammern hat die Redaktion zum besseren Verständnis eingefügt.

Fünf Minuten Hass

"Liebe Parteifreunde, Mitstreiter und Weggefährten, mit dem, was ich heute sage, riskiere ich, dass man mir noch mehr antut. Dieses Risiko muss ich aber eingehen, um zu verhindern, dass hier Leute, die nicht das Wohl der AfD und des Volkes im Sinne haben, weitere Macht an sich reißen.

Ulf [gemeint ist Ulf Claassen, Anfang 50, Kriminaldirektor] hat bereits beispielhaft bewiesen, dass er keinerlei Führungsqualitäten besitzt, außer man strebt eine skrupellose Diktatur an. Dieser Mann hinterlässt überall, wo er wirklich wirken kann, verbrannte Erde. Dieser Mann hat sich häufig nicht unter Kontrolle und cholerische Ausbrüche, die ihn auch handgreiflich werden lassen.

Dieser Mann agiert hochgradig parteischädigend und boykottierte beispielsweise mit Fernandes die Arbeit der Stadtfraktion in Schwerin. Aus purem Hass zu meiner Person verschaffte man sich Zugang zu der von mir erstellten Fraktions-Webseite und löschte diese sowie die seit zwei Jahren bekannten E-Mail-Adressen von uns Stadtvertretern. Damit hat man der Arbeit der AfD-Stadtratsfraktion schweren Schaden zugefügt.

Bedauerlicherweise hatte aber auch der Landesvorstand mal wieder keinen Mumm, spätestens nach dieser parteischädigenden Aktion ein Machtwort zu sprechen.

Auch das Fälschen von Protokollen und das Verschwindenlassen von Wahlunterlagen, welches dann auf kriminelle Art und Weise anderen untergeschoben werden sollte, gehört mit zu seinem charakterlosen Gebaren. Ein Vorstand muss sich immer daran messen lassen, wie sein Verband, welchen er anführt und leitet, funktioniert. Der Kreisverband Mecklenburg-Schwerin, in welchem Ulf stellvertretender Vorsitzender ist, ist tief gespalten. Und dieses wird durch den Vorsitzenden Fernandes und seinen Stellvertreter Ulf verursacht und immer weiter befeuert.

Gerade die Vorsitzenden hätten für Zusammenarbeit sorgen müssen. Stattdessen haben sie gehetzt, manipuliert und intrigiert und die Mitglieder gegeneinander ausgespielt. Gewählten Vorstandsmitgliedern werden willkürlich ihre Rechte entzogen, sie werden von Informationen abgeschnitten, ihnen werden die Mitgliederaufnahme sowie die Teilnahme an Aufnahmegesprächen untersagt. Sie werden sogar vor Antragstellern wie ein räudiger Hund aus der Versammlung geschmissen. Ihnen werden Auskünfte über die Mittelverwendungen des Kreisverbandes untersagt, trotz mehrfacher schriftlicher Aufforderung.

Mitglieder werden fast nur aufgenommen, wenn man sie auf der richtigen Seite wähnt, man sich also ihrer Wählerstimme sicher ist. Mittlerweile ist man schon fast verdächtig, wenn man aus Schwerin kommt und die Namen Petra Federaus oder Dirk Lerche kennt (Zum Kreisverband zählen auch zahlreiche Mitglieder aus Süd-Mecklenburg, darunter auch Mieter des früher extrem Rechten Philip Steinbeck; der Landtagsabgeordnete Dirk Lerche zählt der Rede nach offenbar nicht zum national-patriotischen Flügel der AfD Mecklenburg-Vorpommern). Ohne Kommentar werden hier die Antragsteller abgelehnt oder deren Aufnahme exorbitant zeitlich verzögert.

Selbst der Eingriff in die Familien, das Ausspionieren, öffentliches Denunzieren, Verächtlichmachen und Ausgrenzen gehören zu ihrem Repertoire. Sätze wie: 'Wir werden dafür sorgen, dass du alles verlierst', sind von Fernandes und Claassen nicht nur so dahin gesagt, sondern todernst gemeint.

Ulf plant aber manchmal die Konfrontation und hat die AfD damit bereits mehrfach in erhebliche Schwierigkeiten gebracht. Erwähnt sei dabei unter anderem die Pfefferspray-Attacke. (Dabei hatte Claassen an einem AfD-Wahlstand mit Reizgas zwei Konfettiwerfer angegriffen. Er wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt.) Und genau das ist es, was mich sehr beunruhigt und mich fragen lässt: Warum tut er das? Gerade er, der es von Berufs wegen besser wissen müsste.

Hat das tatsächlich nur mit seiner Psyche zu tun oder geschieht dieses vorsätzlich? Er, der Meister der Verwandlung, des Verstellens, mal als seriöser Beamter, dann im Clownskostüm, dann wie ein Angler oder getarnt ganz in schwarz mit Basecap und dunkler Sonnenbrille. Auf der einen Seite der gebildete, wortgewandte Beamte, der einem zum Munde redet, wenn es in sein Schema passt, der so charmant und ausgleichend sein kann. Auf der andere Seite der skrupellose, hinterhältige, verschlagene, manipulierende und vernichtende Mensch, der einem droht, ohne dass man es ihm nachweisen kann.

So erhielt ich auf der Hinfahrt zum unsäglichen Abwahlparteitag in Binz eine SMS von Ulf. Dass man Fernandes Informationen über mich angeboten hätte, Ulf ihm aber davon abgeraten hatte (diese Informationen zu veröffentlichen), es aber sicher andere Leute gebe, die nicht so nett wären. Ich sollte klug handeln und mir genau überlegen, was ich heute sage. Anderen Parteimitgliedern schickte er als Scherz getarnte Warnungen in Bildform: eine junge Frau in der Notfallambulanz, liegend, mit einem Pfeil im Kopf. Dazu die Bemerkung: 'Du magst doch lustige Bilder.'

Vermutlich werde ich jetzt überhaupt nicht mehr sicher sein und denkbar ist auch, dass mir jetzt von jemandem, der an der Quelle sitzt, noch mehr unterstellt und untergeschoben werden soll. Aber wie ich eingangs sagte, ich bin mir dessen bewusst. Für mich war es jetzt einfach nur wichtig, über die Machenschaften dieser Person aufzuklären. Dafür brauchte ich diese Redezeit. Ich ziehe hiermit meine Bewerbung zurück."


Von Claassen wurde beim Parteitag kein öffentliches Statement zu den Vorwürfen bekannt. Er hatte auch als Beisitzer für den Landesvorstand kandidiert, wurde aber nicht gewählt.

stern