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"Indie Travel Guide": Abhängen mit den Stars

Ein Bier trinken, wo die Kaiser Chiefs abhängen? Die Klamotten dort kaufen, wo sich Maximo Park stylish einkleiden? Die Sportfreunde Stiller im Restaurant treffen? Im "Indie Travel Guide" stellen Rockbands ihre Heimatstädte vor - und verraten ihre Lieblingsorte.

Von Carsten Heidböhmer

Die nordenglische Band Maximo Park stellt ihre Heimatstadt Newcastle vor

Die nordenglische Band Maximo Park stellt ihre Heimatstadt Newcastle vor

Das Problem mit den gängigen Reiseführern ist: Selbst der findigste Journalist ist doch ein Fremder in der Stadt, die er gerade beschreibt. Auch wenn er sich noch so viel Mühe gibt - sein Wissen über den Ort ist angeeignet, nicht wirklich erlebt. Die empfohlenen Restaurants, Bars, Geschäfte können also keine wirklichen Geheimtipps sein.

Was liegt also näher, als die Menschen zu befragen, die sich in den Städten Europas am besten auskennen, den urbanen Königen dieses Kontinents: Indie-Rockstars kennen ihre Heimatorte wie kein Zweiter. Sie verkehren in Ecken, wo sich der Normalbürger nicht hintraut. Auch die dunklen Winkel sind ihnen nicht fremd, dort, wo die städtischen Bohemiens und Lebenskünstler verkehren. Indie-Rocker kennen Hinterhofkaschemmen und Läden, die abseits der großen Straßen und Verkehrswege liegen.

Städte mit anderen Augen sehen

Kurzum: Sie sind die idealen Stadtführer für alle, die gerne alternativ reisen und Orte mit anderen Augen sehen wollen. Wer also ihm unbekannte Städte neu oder altbekannte Städte anders kennen lernen möchte, findet in dem gerade erschienenen "Indie Travel Guide - UK & Europa" reichlich Anregungen. Bands wie die Kaiser Chiefs, The Kooks, Editors, Manic Street Preachers oder Maximo Park stellen ihre Heimatstädte vor und geben dem Leser Tipps, wo er essen und trinken gehen, ihre Klamotten einkaufen, woher sie ihre Platten beziehen oder in welchen Club sie zum Tanzen gehen. Zudem haben sich die Musiker auch mit dem Fotoapparat umgesehen und Bilder zu ihren Tipps beigesteuert. Zusammen mit selbst gemalten Stadtansichten und Plänen erhält das Buch eine sehr persönliche Note.

Da viele der Bands auf den britischen Inseln zuhause sind, nehmen Großbritannien und Irland einen großen Teil des Buches ein. Allein der Großraum Londons wird mit knapp 50 Seiten bedacht. Sehr interessant auch die Geheimtipps zu den deutschen Städten: Jürgen Vogel und Tomte-Sänger Thees Uhlmann stellen Berlin vor, durch Hamburg führen Musiker von Kettcar und Tocotronic. Aber auch Hannover, München, Köln, Bonn, Frankfurt am Main, Dresden Nürnberg, Freiburg und Augsburg bekommen eine kundige Erwähnung. Abgerundet wird das Buch durch ausgewählte Städte in Skandinavien, Österreich, der Schweiz, den Benelux-Staaten, Frankreich und Spanien.

Obskure Orte stehen neben Touristenmagneten

Ein Buch, das zum Herumblättern einlädt, auch wenn man nicht gerade plant, zu verreisen. Man erfährt viel über die Städte, aber auch über die Musiker und ihre Vorlieben. Mitunter empfehlen verschiedene Künstler identische Plätze: Sowohl Olli Schulz als auch Kettcar-Gitarrist Erik Langer hängen in Hamburg bevorzugt im Golden Pudel Club ab. Und wer den Plattenladen Michelle Records betritt, könnte dort Olli Schulz oder Niels Frevert treffen. Obskure Orte wie die im Schatten der Reeperbahn liegende Metal-Kneipe Steppenwolf stehen neben Touristenmagneten wie dem Hamburger Hafen, den gleich mehrere Musiker zu ihren Lieblingsplätzen zählen - und damit sogar über seinen Indie-Schatten springen.

Nicht immer sind die Tipps auf dem aktuellen Stand. So wird das pfälzische Lokal "Hatari", das vor einem halben Jahr innerhalb von Hamburg umgezogen ist, noch immer unter der alten Adresse aufgeführt. Dennoch: Der "Indie Travel Guide" bietet zu jeder der vertretenen Städte eine überbordende Vielfalt an Empfehlungen, sodass man ein verzogenes Lokal gut verschmerzen kann, denn hinter der nächsten Ecke lauert schon wieder der nächste Geheimtipp.

Ab November soll ein weiterer Reiseführer dieser Art erscheinen: Nach Europa steht dann "Amerika & mehr" auf dem Programm. Dann kann man auch Übersee die Erfahrung machen, die Hard-Fi-Sänger Richard Archer im Vorwort in Aussicht stellt: "Wer weiß, vielleicht kommt besagter Star auch zufällig vorbei und lädt dich auf einen Drink ein".