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"Pippa Lee": Rebecca Millers Emanzipation vom Übervater

Rebecca Miller hat ihren ersten Roman geschrieben. Und zeigt Daddy Arthur posthum, was sie neben Malen, Schauspielern und Regie-Führen noch alles kann. In "Pippa Lee" erzählt sie von familiären Tragödien hinter der heilen Fassade - im Stil von "American Beauty".

Von Tanja Beuthien

Mehr Glamour geht nicht in der literarischen Welt: Rebecca Miller, Tochter des Schriftstellers Arthur Miller und der Magnum-Fotografin Inge Morath, veröffentlicht ihren ersten Roman. Selbstverständlich hat sie, wie sich das für eine Künstlertochter gehört, schon als Malerin und Schauspielerin gearbeitet, bevor sie ihre ersten Short-Stories selbst verfilmt und dafür den großen Preis der Jury auf dem renommierten Sundance-Festival abräumt. Zufällig lernt sie den Schauspieler Daniel Day-Lewis im Haus ihres Vaters kennen. Die beiden heiraten, sie bekommt zwei entzückende Söhne (heute sechs und zehn), er den Oscar (für "There Will Be Blood") und zusammen wohnen sie in einem perfekten Landhaus in Irland. Und, ach ja, gerade führt die 45-Jährige mal wieder Regie bei der Verfilmung ihres Erstlings. Das Staraufgebot reicht von Julianne Moore über Monica Bellucci, Winona Ryder und Keanu Reeves. Interessiert sich da noch irgend jemand für das Buch?

Das hässliche Leben hinter der Fassade

Niemand tut das. Aber da es der Anlass ist, sich wieder einmal mit Rebecca Miller als Künstlerin und Tochter und Gattin zu befassen, nimmt man es dann doch in die Hand. Und erlebt eine Überraschung. Denn hinter dem poppig-bunten Hippie-Cover mit dem poppig-peppigen-Pippi-Titel verbirgt sich ein ambitionierter Roman über Schein und Sein und das richtige Leben im falschen.

"Pippa Lee" handelt - wie auch sonst - von der Ikone einer Künstlergattin, gerade 50 Jahre alt, "ausgeglichen, großzügig, intelligent, schön", einer begnadeten Köchin, bezaubernden Gastgeberin, liebevollen Ehefrau. Zusammen mit ihrem Mann Herb, einem knapp 80-jährigen Verleger-Papst, zieht sie in die amerikanische Rentner-Retortenstadt Marigold Village mit Shopping-Center, Schwimmbad und Sexualtherapeuten. Hier soll Herbs erfülltes Leben ein ruhiges Ende nehmen. Doch man ahnt es, spätestens als die wasserstoffblonde Nachbarin Dot mit einem Nervenzusammenbruch in Pippas Küche landet: Hinter der Spießer-Idylle lauert das mühsam niedergerungene, wilde und hässliche Leben.

Rauschhafte Jugend

Im Fall von Dot personifiziert es sich in ihrem durchgeknallten, tätowierten Sohn Chris. Und Pippa gerät selbst immer mehr außer Kontrolle: Nachts schlafwandelt sie zwischen Küche und Shopping-Center, hinterlässt gierig angehäufte Teller mit Schokoladenkuchen und Erdnussbutter. Und erinnert sich tagsüber an ihre lang verdrängte, rauschhafte Jugend in Soho. Als sie mit 16 beim Sex mit einem Lehrer erwischt wird, flieht sie zu ihrer Tante Trish nach New York. Von da ist der Schritt nicht mehr weit zur lesbischen Gespielin einer Sado-Maso Braut und exzessivem Drogenmissbrauch.

Natürlich ist das alles etwas dick aufgetragen. Vor allem Pippas psychotisches Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer tablettensüchtigen Mutter Suky wird von Miller besonders liebevoll ausgemalt. Doch vor dieser Folie glänzt das Leben im Altersruhesitz "Runzeldorf" besonders steril, erklärt sich Pippas absoluter Wille zur perfektesten aller Ehefrauen und Mütter. "Die Ehe ist ein Willensakt", sagt sie zu ihrer Freundin: "Such dir irgendeinen Mann in diesem Raum aus, der vom Alter her passt, und ich könnte mit ihm verheiratet sein". Das kann ja nicht gut gehen - und wird es auch nicht.

Der Übervater Arthur

Millers Szenerien, die sich plastisch wie Filmsequenzen aus der Handlung schälen, erinnern an abgründige Filme wie "American Beauty" oder "Die Frauen von Stepford". Und trotz mancher Übertreibung schafft sie es, das psychologisch überzeugende Porträt einer Frau zu entwerfen, die sich aus dem Schatten ihres Mannes befreit und noch einmal neu erfindet. Mag sein, dass der Schatten des Übervaters noch posthum so schwer auf seine Tochter fällt, dass sich Miller als Malerin, Schauspielerin, Regisseurin und nun auch noch als Schriftstellerin beweisen muss. Doch Daddy darf ganz unbesorgt sein: Nicht Pippa Lee, sondern Rebecca Miller ist die perfekte Künstlerfrau.