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"Rehe am Meer": Riss in der Realität

Mit Romanen aus dem Bergarbeiter-Mileu wurde er bekannt. In zwölf neune Erzählungen blickt der Schriftsteller hinter die Lebensentwürfe seiner Protagonisten - und entdeckt dort Verlust, Trauer, aber auch Hoffnung.

Sie haben wenig zu lachen, die unspektakulären Alltagshelden in diesen zwölf faszinierend präzisen Erzählungen. Wie mit einem Stethoskop horcht Ralf Rothmann die mühsam zurechtgezimmerten Lebensentwürfe seiner Protagonisten ab - und entdeckt dahinter Trauer, Verlust, Sprachlosigkeit und eine kleine, scheinbar verrückte Hoffnung auf das ganz Andere.

Seltener Zauber

Da lassen ein paar Spatzen, die in einer Pfütze baden, den verzweifelten Chef einer ostdeutschen Bauarbeitertruppe plötzlich innehalten und über die Zeit sinnieren. Oder eine Frau, die soeben ihren 45-jährigen Mann verloren hat, erfährt unverhofft Trost von einem Fremden. Ein Mädchen, deren Mutter gestorben ist, wird zur Hüterin ihres jüngeren Bruders. Eine einsame Studentin in einer verlotterten Mietskaserne in Berlin schreibt den rätselhaft schönen Satz: "Tiere sind die Schatten unserer Seele - und die Seele unseres Schattens". Diesen Erzählungen haftet etwas Unerklärliches an, ein in der modernen Literatur selten gewordener Zauber, der sich nicht rational auflösen lässt.

So macht sich ein junger Bursche aus einem Zirkus mit seinen Lamas eines Tages auf den Weg, weil er die tagtägliche Tierquälerei und Ignoranz einfach nicht mehr erträgt. "Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte, klar, aber das war auch egal. Die Tiere standen still in meiner Nähe, stolze Umrisse vor der blauen Nacht, und ich konnte alles in ihren Augen sehen, Alter, den ganzen Weg."

Lakonisch knappe Geschichten

Niemals gibt es einfache Lösungen in diesen lakonisch knappen Geschichten, aber oft scheint die triste, freudlose Realität einen winzigen Riss zu bekommen. Etwas Metaphysisches scheint durch, längst nicht immer so offensichtlich wie in der fast unheimlichen Erzählung "Gethsemane", die schon im Titel auf die Passionsgeschichte Jesu anspielt. Und immer wieder erzählt Rothmann, wie auch schon in seinem letzten Roman "Junges Licht" (2004), aus der Perspektive von Jugendlichen.

Da wird ein Junge fuchsteufelswild, weil seine Mutter ihr idyllisch an einem See in der Uckermark gelegenes Haus im Sommer vermietet - und die Familie campiert im Garten. Es sind nicht zuletzt die Missverständnisse und die Sprachlosigkeit zwischen West- und Ostdeutschen, die Ralf Rothmann, dieser Meister der Nuancen, ganz nüchtern konstatiert.

Johannes von der Gathen/DPA

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