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"Satanische Verse" in Berlin: Nackte Haut unterm Tschador

Echte Gefahr oder bloßer Werbecoup? Bei der Uraufführung der "Satanischen Verse" am Potsdamer Theater bewachte die Polizei Publikum und Schauspieler. Denn Salman Rushdies Buch gilt als explosiver Stoff, der regelmäßig Proteste empörter Muslime auf sich zieht.

Von Anja Lösel

Wo sind sie nur, die Muslime? Nichts zu sehen am Sonntagnachmittag in Potsdam. Nicht einmal ein winziges Transparent oder Protestplakat. Dabei werden doch die "Satanischen Verse" von Salman Rushdie uraufgeführt, angeblich das gefährlichste Buch der Welt. Seinem Autor hat es eine Fatwah eingebracht, das Todesurteil muslimischer Religionsführer. Deshalb wurde das Potsdamer Hans-Otto-Theater schon vor der Premiere zu "Deutschlands mutigstem Theater" erklärt und unter Polizeischutz gestellt.

Nun patrouillieren zwei einsame Polizistinnen am Ufer des Tiefen Sees, gefilmt von zahlreichen Fernsehteams. Was sollen sie auch sonst filmen? Kein einziger Muslim ist zu sehen, kein Protest, kein Skandal. Nur brave Theaterbesucher, die sich wundern über die vielen Kameras und Mikrofone, die sich ihnen entgegenrecken.

Salman Rushdie verkaufte Rechte, aber kam nicht

Intendant Uwe Eric Laufenberg, groß, bärtig, stattlich, steht vor der Theaterkasse und genießt den Aufmarsch der Presse. Die Bühnenfassung der "Satanischen Verse" stammt von ihm und Marcus Mislin. Laufenberg hat sich in den Roman verliebt, weil darin so viel Humor steckt, und sich bei Salman Rushdie um die Rechte bemüht. Das sei kein Problem geswesen, "als der merkte, dass ich es ernst meine und nicht auf einen Skandal aus bin", sagt Laufenberg.

Zur Uraufführung des Stücks kam Autor Rushdie trotzdem nicht. Angst? Schließlich musste er wegen der Morddrohung neun Jahre lang ein Leben im Verborgenen führen. Oder einfach nur Desinteresse? Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, bezeichnet die Bühenfassung der "Satanischen Verse" schon mal vorab als Provokation. "Es wird offenbar immer mehr Mode, den Islam zu beleidigen", sagte er.

Ein paar Sexszenen mit Gestöhne

Eine geschickte Werbekampagne des Theaters also? Laufenberg sagt, er wolle einfach nur, dass ein großes Kunstwerk endlich einmal angeschaut und angehört wird. Und wovon auch sollte man provoziert sein? Von der verschleierten Terroristin, die ein Flugzeug entführt und unter ihrem Tschador nur nackte Haut und zwei Sprengstoffgürtel trägt? Von den paar Sexszenen mit Gestöhne und Champagnergespritze? Von schlägernden Polizisten auf der Bühne? Einer Teufelin in roten Lacksteifeln? Oder doch eher vom Muslim Salman, der zugibt, den Koran gefälscht und den Propheten getäuscht zu haben? Alles kein Sprengstoff, der protestierende Muslime auf die Straße treiben könnte. Dabei sind das schon die gewagtesten Szenen. Der Rest ist brav, unaufgeregt und manchmal ziemlich zäh. Vier Stunden können sehr lang werden. Aus einem mittelmäßigen Buch ist hier leider kein exzellentes Theaterstück geworden.

Aber worum geht es eigentlich? Zwei indische Schauspieler, Saladin und Gibril, treffen sich in einem Flugzeug von Bombay nach London. Die Maschine wird von Terroristen entführt und in die Luft gesprengt, die beiden Hauptpersonen erfahren Wiedergeburt und Wandlung und leben als Satan und Erzengel Gabriel weiter. Der eine im silbernen Glitzeranzug, der andere mit Bockshörnern, Hufen und monströsem Gummipimmel.

Gigantische Schauspielerleistung

Man spricht über Religion und Moral, Glaube und Zweifel, Liebe und Erlösung, Migration und das Leben in unterschiedlichen Kulturen. Auch um die "Satanischen Verse" geht es natürlich, die aus dem Koran entfernt werden mussten, weil sie von drei Göttinnen handeln. Für Intendant und Regisseur Laufenberg ist das Stück die Ergänzung zu Goethes Faust, den er in Potsdam einen Tag zuvor zur Premiere brachte: Faust und Mephisto - Gabriel und Satan. Bewundernswert die Leistung einiger Schauspieler, die in beiden Vier-Stunden-Stücken spielen: Tobias Rott als Mephisto und Saladin, Caroline Lux als Gretchen und in einer Doppelrolle als indische Geliebte Zeeny und großartige Teufelin Hyacinth. Aber auch sie reißen das Stück nicht raus.

Am Ende erschießt sich der verzweifelte Gibril, während Saladin sich mit seinem Schicksal arrangiert, denn die Welt ist wirklich; wir müssen hier leben, weiterleben. "Komm, machen wir, dass wir hier wegkommen", sagt Zeeny zu Saladin, und sie marschieren durchs Publikum aus dem Theater hinaus.

Ja, schnell, nichts wie weg hier. Übrigens: Noch besser als ein Theaterstück würde ihm eine Verfilmung der "Satanischen Verse" gefallen, erklärte Uwe Eric Laufenberg kurz vor der Premiere. Im Stil von Bollywood und vielleicht sogar mit dem indischen Filmstar Shah Rukh Khan. Ach nein, das sollte er doch lieber bleiben lassen.