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"Unwort des Jahres 2004": "Humankapital" folgt auf "Tätervolk"

Das "Unwort des Jahres 2004" heißt "Humankapital". Das Wort degradiert nach Auffassung der Jury nicht nur Arbeitskräfte, sondern Menschen überhaupt "zu nur noch ökonomisch interessanten Größen".

Die Expertenjury um den Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser gab in Frankfurt am Main die Wahl von "Humankapital" zum "Unwort des Jahres 2004" bekannt. Das Fachwort aus den Wirtschaftswissenschaften breite sich zunehmend im nichtfachlichen Bereich aus und fördere damit die "primär ökonomische Bewertung aller denkbaren Lebensbezüge". Davon werde auch die Politik immer mehr beeinflusst, kritisierte der Sprachwissenschaftler. Anlass für die Wahl ist demnach eine EU-Erklärung vom August 2004, worin der Begriff Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen von Personen definiert.

An zweiter Stelle wählte die Jury den Begriff "Begrüßungszentrum", womit Bundesinnenminister Otto Schily Auffanglager für afrikanische Flüchtlinge bezeichnet hatte. "Diese Wortbildung ist kongenial zu dem offiziellen Namen 'Ausreisezentrum' für Abschiebehaftanstalten", sagte Schlosser. An dritter Stelle kritisierte die Jury "Luftverschmutzungsrechte". Das Wort sei nicht nur ein ökologisches Unding, sondern trage auch dazu bei, so genannte Treibhausgasemissionen für unbedenklich zu halten, weil der Handel mit ihnen rechtlich geregelt werde.

Als wissenschaftlicher Terminus unbedenklich

"Humankapital" war von der Jury bereits 1998 als Bezeichnung für Kinder gerügt Worden. "Das Wort taucht eigentlich jedes Jahr auf", sagte Schlosser. Er betonte, dass das Wort in der Fachsprache durchaus einen Platz habe. "Ich will den Wissenschaftlern den Begriff nicht nehmen", sagte er. Es komme aber darauf an, in welchem Zusammenhang man ein Wort benutze. Dabei diagnostizierte der Professor ein "grundsätzliches Problem zwischen Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit".

Diskrepanz zwischen Wort und Sache ist entscheidend

Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gekürt. In den Vorjahren waren unter anderem "Ich-AG", "Wohlstandsmüll" und "Rentnerschwemme" zu der zweifelhaften Auszeichnung gelangt. Für die Wahl ist eine besonders krasse Diskrepanz zwischen dem Wort und der bezeichneten Sache entscheidend. Im vergangenen Jahr hatte die Jury den Begriff "Tätervolk" als schlimmsten sprachlichen Missgriff ausgemacht. Schlosser erklärte, dass die Reaktionen darauf besonders heftig waren. "Ich hatte Wochen mit Zuschriften zu tun", sagte er. Darunter sei Kritik sowohl von Links als auch von Rechts, aber leider auch viel antisemitische Polemik gewesen.

Die sechsköpfige Jury hatte bis zum Einsendeschluss am 9. Januar insgesamt 2.261 Einsendungen mit 1.218 Einzelvorschlägen erhalten. Die am häufigsten genannten Worte wie "Hartz IV" oder "Ein-Euro-Job" erfüllten allerdings die Voraussetzungen nicht, wie Schlosser betonte. Es handele sich dabei mehr um Undinge als um Unworte. Zu den Juroren gehören in diesem Jahr die Schriftsteller Volker Braun und der Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste, Friedrich Dieckmann.

DPA/Reuters / DPA / Reuters