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Akte Grass: Eine Anfrage hätte gereicht

Spät, allzu spät hat Günter Grass eingeräumt, dass er in der Waffen-SS war. Und spät, allzu spät forschen Historiker und Journalisten nach. Offenbar wollte keiner von beiden das geliebte Bild des moralischen Übervaters zerstören.

Von Lutz Kinkel

Die Deutsche Dienststelle, die sich immer noch WASt abkürzt, weil sie während des zweiten Weltkriegs "Wehrmachtsauskunftstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene" hieß, ist ein ruhiger Ort. Ein Archiv eben. Akten, Tische, Historiker. Doch mit der Ruhe ist es nun vorbei. Er müsse das Gespräch beenden, sagt der stellvertretende Leiter Peter Gerhardt. Ein japanisches Kamerateam stünde vor der Tür. Selbst in Asien will man wissen, was in der Akte Günter Grass steht.

Es ist nicht viel. Nur ein Dokument, das mit "Vorläufige Erklärung des Kriegsgefangenen" betitelt ist. Darauf hatte der junge Grass Anfang 1946 notiert, dass er während der letzten Kriegsmonate in der SS war. Diesen Fakt zu unterschlagen, war ihm damals nicht in den Sinn gekommen. "Er hatte vielleicht die Angst, dass die Amerikaner nachforschen würden und er Nachteile erleiden könnte", sagt Peter Gerhardt im Gespräch mit stern.de. In jedem Fall gab es nun ein Dokument, das in der WASt lagerte. Jahrzehnte lang. Aber niemand interessierte sich dafür. Die einzige Anfrage, die sein Institut jemals in Sachen Grass erreicht habe, sei von der BfA 1993 gestellt worden, erklärt Gerhardt. Es ging um Grass' Rentenansprüche.

"Der Trick ist bekannt"

Der Danziger war unterdessen weltberühmt geworden, seine "Blechtrommel" gehörte längst zur Pflichtlektüre an deutschen Schulen. In der Öffentlichkeit hatte sich Grass zu einer moralischen Instanz aufgeschwungen, unerbittlich geißelte er die Nazisünden seiner Gegner. Grass war dabei so glaubwürdig, weil er nie einen Hehl daraus machte, dass er in seiner Jugend selbst ein Anhänger Hitlers gewesen war. Wohin ihn diese Begeisterung geführt hatte, zu dieser Frage verbreitete Grass allerdings zwei Versionen. Während er unter befreundeten Schrifstellern offenbar schon vor zwanzig Jahren einräumte, bei der SS gewesen zu sein, gab er sich in der Öffentlichkeit als ehemaliger Flakhelfer aus.

"Der Trick ist bekannt: Das eine zugeben, um nicht mehr zugeben zu müssen", sagt Michael Jürgs, ehemaliger Chefredakteur des stern und Biograph des Literaturnobelpreisträgers. Dennoch glaubte er, ebenso wie alle anderen, die über Grass schrieben, den geschönten Ausführungen seines Gegenübers. Es wäre einfach "absurd" gewesen, eine tiefere Verstrickung zu vermuten, so Jürgs. Zumal Grass in den gemeinsamen Gesprächen "nicht die geringste Andeutung" habe fallen lassen. Offenbar waren beide - Grass und die Öffentlichkeit - so sehr in das Bild des moralisch integren, politisch aktiven Intellektuellen verliebt, dass erst gar keine Zweifel aufkamen. Dabei hätte allein die Prüfung, ob Grass tatsächlich Flakhelfer war, zielsicher zur WASt und der "Vorläufigen Erklärung des Kriegsgefangenen" geführt, so Peter Gerhardt.

Verlag nutzt Medienrummel

Viel weiter allerdings nicht. Sowohl das Bundesarchiv in Berlin als auch die Behörde für die Stasi-Unterlagen (BStU) haben nach ersten Recherchen keine weiteren Dokumente zu Grass' SS-Mitgliedschaft im Bestand. Es gäbe zu Grass nur eine sogenannte "Sachakte", in der die Stasi Zeitungsausschnitte und anderes Material gesammelt habe, sagt BStU-Sprecherin Ilona Schäkel auf Nachfrage von stern.de. Diese Akte sei schon 2003 an einen interessierten Politologen herausgegeben worden. Dass keine neuen Dokumente auftauchen und Erkenntnisse gewonnen werden können, wollen jedoch weder Gerhardt noch Schäkel beschwören. Nachdem sich die erste Welle der Anfragen gelegt hat, werden Historiker und Journalisten nachbohren.

Diesen Prozess angestoßen zu haben, bleibt das (zweifelhafte) Privileg des Schriftstellers selbst. Die Vermutung, dass er seine SS-Mitgliedschaft nur deshalb publik gemacht habe, um den Absatz seiner Autobiografie zu fördern, weist Grass als "abenteuerlich" zurück. Sein Verlag jedoch nutzt den aktuellen Medienrummel offensiv: Der Erscheinungstermin von "Beim Häuten der Zwiebel" wurde vom 1. September auf diese Woche vorgezogen. In dem Buch erzählt Grass unter anderem von seiner Zeit als SS-Mitglied. Zumindest seine Version der damaligen Geschehnisse. Es wird nicht die einzige bleiben.

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