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Britisches Nachwuchstalent: Die rätselhafte Miss Riley

Sie sieht aus wie Lolitas morbide Schwester, und ihre Sätze treffen ins Schwarze: Gwendoline Riley ist das hochgelobte Nachwuchstalent der britischen Literatur. Ein Besuch in Manchester.

Von Andrea Ritter

Das Kleid endet fünfundzwanzig Zentimeter über den Knien, und die Schühchen haben dunkle, regennasse Spitzen. Es ist Januar, und natürlich friert sie, aber das tun hier alle. Das ist Manchester. Und wie der Rest des Landes ist auch die einstige Metropole der Textilindustrie eine winterkleidungsfreie Zone. "In England strickt man seinen Haustieren Pullover, nicht sich selbst", sagt sie. Vielleicht sei Frieren den Engländern ein Grundbedürfnis, vielleicht sogar eine soziale Notwendigkeit. Denn wenn man ständig friere, auch zu Hause, wo die Wände kaum dicker als die T-Shirts sind, habe man einen guten Grund, in die Kneipe zu gehen. Und das sei schließlich wichtig, in England.

Sie - das ist Gwendoline Riley, 28, Schriftstellerin. Sie selbst würde sich allerdings nicht so nennen. Sie sagt: "Schreiben ist das, was ich den ganzen Tag tue. Ob mich das zur Schriftstellerin macht, weiß ich nicht." Punkt. Klingt ziemlich cool, wie sie redet. Wäre da nicht dieser Plastikbecher, der - knack - im Klammergriff ihrer Finger zerbricht. Siehst du, so was passiert dann, sagt ihr Blick. Sie mag das alles nicht. Rausgehen, mitten am Tag, reden, über sich. "Das Problem ist: Die Leute lesen meine Bücher und denken, das Mädchen darin sei ich", sagt sie. Und lächelt, ein bisschen zumindest.

Ihr Roman "Cold Water", der jetzt bei Schöffling erscheint, vereint das klammkalte Manchester mit der nicht minder klammen Gefühlswelt der Ich-Erzählerin Carmel McKisko. Die ist 20, schlägt sich mit ihren Freundinnen die Nächte um die Ohren, arbeitet in einer Bar, trinkt ziemlich viel und stolpert haltlos von einem Tag in den nächsten. So viel zur Handlung, denn die ist Nebensache. Es geht um dieses Gefühl Anfang 20: Nicht mehr ganz jung, aber auch nicht erwachsen. Ein Leben in der Warteschleife. Wenn man in der Großstadt aufwächst, schon einiges erlebt hat und die gestrauchelten Jugendlichen, von denen die Zeitungen berichten, plötzlich zum eigenen Freundeskreis gehören. Die Zukunft ist Nebel, die Vergangenheit hat erste Spuren hinterlassen. Und weil man nicht weiß, wo's langgeht, bleibt man erst mal stehen.

Treffsicher wie ein Bogenschütze

Hätte Gwendoline Riley diese Geschichte ausgebreitet, klänge sie wie ein typischer Coming-of-Age-Roman. Das Buch für die Generation irgendwas. Aber sie erzählt das Ganze verknappt: 160 Seiten, bei denen jedes Detail sitzt. Und trotzdem nicht jene Monotonie eintritt, die gern als "lakonisch" bezeichnet wird. Riley schreibt mit der Treffsicherheit einer Bogenschützin: ruhig, präzise und souverän.

In Großbritannien erschien "Cold Water" bereits 2002 und wurde als bestes Debüt des Jahres ausgezeichnet. Sie erinnere an Johnny Rotten, den Sänger der Sex Pistols, befand die Jury, weil sie so unerwartete und trockene Sätze formuliere. Auch der "Guardian" war begeistert: Gwendoline Riley sei "Manchesters Antwort auf Charles Bukowski".

"Ich hasse Bukowski. Dieses Mackertum ist unerträglich. Gefreut habe ich mich natürlich trotzdem. Komisch war nur, dass ich plötzlich als 'hip' galt. Weil ich jung war, in einer Kneipe gearbeitet habe und mein damaliger Freund in einer Band spielte." Die Bar war das "Night and Day Café", Treffpunkt von Manchesters Musikszene, die Band ihres Ex-Freundes ist Maximo Park. "Inzwischen gehe ich nicht mehr aus. Es langweilt mich." Statt dessen schreibt sie. Zwei weitere Romane haben bewiesen, dass "Cold Water" kein Zufallstreffer war. Und sie liest. Ihr Literaturkanon ist ähnlich gouvernantenhaft streng wie ihr Äußeres: Turgenjew, Dostojewski, Proust und - über allen anderen - F. Scott Fitzgerald. Erstaunlich, wie allein dieser Name ihre Nervosität wegwischt. Die Frau mit den Punkt-Sätzen fängt an zu schwärmen! Erzählt, wie sie sein Grab besucht hat. Wie warm sich der Stein anfühlte. Und wie unnachahmlich diese Worte seien. Dieser eine Satz, der den Sinn des ganzen Lebens einfange. Der letzte Satz des "Großen Gatsby":
"So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu."

Sie sei nie besonders extrovertiert gewesen, sagt Riley. Aber sie glaube, dass sich das Leben in Wellen bewege: "Cold Water" beschreibt die Orientierungslosigkeit. Eine Zeit, die sie "wilderness years" nennt. Danach werde erst mal alles noch schlimmer. Weil man feststelle, dass man nichts herbeiwarten könne. Und dann? "Dann fängt man an zu rudern. Und wer rudert, hat immerhin ein Boot. Einen halbwegs stabilen Ort." Es klingt, als würde sie außerhalb ihrer Romane noch danach suchen. Beim Schreiben hat sie ihn bereits gefunden.

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