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Bücher: Auf den Inseln der Verdammten

In diesem Herbst suchen gleich vier Schriftsteller das Menschliche im Unmenschlichen. Dazu erschaffen sie Welten voller Klone, mörderischer Wasserwesen und Seuchen.

Kazuo Ishiguro ist ein ordentlicher Mann. Er wohnt in einem schlichten weißen Haus auf einem schlichten grünen Rechteck im Norden Londons, in Golders Green. Gerade war die Putzfrau da. Sie hat in seinem Wohnzimmer Barbies, Wachsmalstifte, CDs und Bücher zu kleinen Häufchen aufgeschichtet, die er jetzt wieder auseinander nimmt. So ist das immer. Die Putzfrau macht Häufchen, er verteilt.

Er verteilt auch die Kekse auf dem Porzellanteller. Schüttelt, guckt, schüttelt noch mal. Bis die Kekse so liegen, wie es ihm gefällt. Das ist wichtig, sagt er. Die Dinge müssen so liegen, wie es zu ihnen passt. Und dann sagt er noch: "Ordnung muss man nicht sehen. Ordnung muss man fühlen." Pause. Der Mann ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Literaturwissenschaftler.

Kazuo Ishiguro ist ein ordentlicher Mann. Er wohnt in einem schlichten weißen Haus auf einem schlichten grünen Rechteck im Norden Londons, in Golders Green. Gerade war die Putzfrau da. Sie hat in seinem Wohnzimmer Barbies, Wachsmalstifte, CDs und Bücher zu kleinen Häufchen aufgeschichtet, die er jetzt wieder auseinander nimmt. So ist das immer. Die Putzfrau macht Häufchen, er verteilt.

Er verteilt auch die Kekse auf dem Porzellanteller. Schüttelt, guckt, schüttelt noch mal. Bis die Kekse so liegen, wie es ihm gefällt. Das ist wichtig, sagt er. Die Dinge müssen so liegen, wie es zu ihnen passt. Und dann sagt er noch: "Ordnung muss man nicht sehen. Ordnung muss man fühlen." Pause. Der Mann ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Literaturwissenschaftler.

Bevor er anfängt zu schreiben, sagt Ishiguro, fühlt er eine Frage. Und nach der ordnet er dann seine Romanstruktur. Dieses Mal hat er sich gefragt, was vom Menschen übrig bleibt. Ein kurzer Blick prüft, ob die Pointe angekommen ist - "Was vom Tage übrig blieb" heißt sein berühmtester Roman. Er hat sich also gefragt: "Was bleibt vom Menschen übrig, wenn er sich nicht fortpflanzen kann, keine Herkunft hat und weiß, dass er spätestens mit 30 sterben wird?"

Mit dieser Frage ist Kazuo Ishiguro nicht allein: In diesem Herbst haben noch drei weitere Schriftsteller den Menschen in fremde Welten versetzt, um sein wahres Wesen freizulegen. Der lauteste von ihnen ist der Franzose Michel Houellebecq mit seinem Klon-Sekten-Roman "Die Möglichkeit einer Insel". Die anderen sind der US-Amerikaner Jeff Talarigo und der Spanier Albert Sánchez Pi-ol. Vier Bücher, die sich auf unterschiedliche Weise mit einem ganz alten Thema beschäftigen: Was ist denn nun des Pudels Kern? Was macht den Menschen aus?

Ishiguro entwirft als Antwort in seinem Buch "Alles, was wir geben mussten" ein Internat für Organspende-Klone. Abgeschirmt von der Außenwelt, wachsen die kleinen Wesen auf, basteln und pubertieren ein wenig und erreichen - quasi zum Schulabschluss - das Alter, in dem ihnen ein Organ nach dem anderen entnommen und ihrer menschlichen Kopiervorlage eingesetzt wird. So lange, bis sie "abschließen" - also sterben.

Die Klone kommen

aus dem Reagenzglas, sind unfruchtbar und wissen: Der Tod ist der Sinn ihrer Existenz. Aber: Als Wesen mit original-menschlichem Genmaterial entwickeln sie Gefühle, Erinnerungen, Freundschaften, Liebesbeziehungen, Hoffnung - all die Dinge also, die Individualität und Seele ausmachen. Und die Seele, so Ishiguro, lässt sich weder kopieren noch transplantieren. Sie bleibt. Ishiguro spricht einfach und konzentriert. Wie in seinem Buch: Eine unpathetische Sprache, die das grausame Schicksal seiner Protagonisten als banale Notwendigkeit erscheinen lässt - das macht die bedrückende Faszination dieses Romans aus.

Was stört, ist das Grundgerüst. Die Geschichte will eine Parabel sein, und das merkt man leider auch. Der Literaturwissenschaftler schaut ein bisschen amüsiert, ein bisschen genervt, aber sehr freundlich. Und natürlich klappt es. Wenn einer schweigt, redet der andere weiter.

Also, Herr Ishiguro, zumindest gegen Ende kommt es doch ein bisschen dick: Zwei der Organspende-Klone glauben, ihrem Schicksal entfliehen zu können, weil sie einander lieben. Das ist doch irgendwie - kitschig. Man erlebt die Klone als Teil eines Systems, das sich nicht mit seinen Fehlern auseinander setzt und niemanden entkommen lässt. Keiner widersetzt sich, alle kapitulieren aus Ohnmacht - ein sehr dringlicher Aufruf zur Interpretation, oder nicht?

Das Gespräch endet ohne Einigung. Über Bücher soll man streiten, sagt Ishiguro. Und vielleicht ist es auch das, was uns Menschen von seinen Klonen unterscheidet: dass wir zweifeln.

Frankreichs Bestsellerautor

Michel Houellebecq stabilisiert in diesem Jahr sein Image als Skandalautor ebenfalls mit Hilfe der Retorte - allerdings weit weniger subtil. Auf 443 Seiten voller "Muschis" und männlicher Impotenz geschieht im Wesentlichen das: Protagonist Daniel wird vom traurigen Clown zum depressiven Klon. Auch der ist isoliert von der Außenwelt, auch hier will der Autor zeigen, was im Menschen steckt. Und siehe da: Der "Neo-Mensch" der Zukunft lebt zwar ewig, hat aber keinen Spaß mehr daran. Er leidet an Gefühlsarmut - so etwas wie die Seele wurde ihm nämlich weggezüchtet. Und so träumt das Produkt der High-Tech-Evolution von der "Möglichkeit einer Insel" - einem Ort, an dem Liebe, Hass, Schmutz und Sehnsucht noch möglich sind. Eine ebenso schlichte wie romantische Botschaft.

Ob "Robinson Crusoe",

"Der Herr der Fliegen" oder "The Beach" - Schriftsteller haben den Menschen schon immer gern auf Inseln verfrachtet, um seine wahre Natur aufzuspüren. Das Jahr 2005 verdreht die gute alte "Insel-Utopie" ins Negative - und dass man dazu nicht unbedingt futuristisch werden muss, beweisen zwei andere Neuerscheinungen: "Die Perlentaucherin" von Jeff Talarigo und "Im Rausch der Stille" von Albert Sánchez Pinol.

Talarigo stellt dieselben Fragen wie Ishiguro: Was bleibt vom Menschen übrig - ohne Familie und ohne Zukunft? Die Antwort sucht er in der historischen Realität: Sein Buch spielt im Jahr 1948. Eine japanische Perlentaucherin erkrankt an Lepra und wird - dem Gesetz entsprechend - von ihrer Familie und den Dorfbewohnern auf die Insel Nagashima verbannt. Die Inselbewohner sind Aussätzige. Sie müssen ihre Vergangenheit und sogar ihre Namen zurücklassen, ihre Kinder werden direkt nach der Geburt getötet oder gewaltsam abgetrieben; sie gelten für den Rest der Welt als tot - und doch leben sie weiter, 20 oder 30 Jahre lang - und versuchen, ihre Zwangsgemeinschaft so angenehm wie möglich zu gestalten.

Was bleibt, so Talarigo, ist die innere Stärke des Menschen, die ihn dazu befähigt, seine Würde zu behalten - auch unter unmenschlichen Bedingungen.

Der Katalane

Albert Sánchez Pinol macht es sich mit seiner Kernaussage noch einfacher: Er schreibt sie direkt in den ersten Satz. "Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken." Dann geht's zur Sache. Ein ehemaliger irischer Freiheitskämpfer hat alle Illusionen verloren und sich als Wetterbeobachter auf eine Insel am Südpol zurückgezogen. Einziger Mitbewohner ist ein feindseliger Leuchtturmwärter, der sich bereits mit den Besonderheiten der Insel auskennt: Nacht für Nacht steigen blaue froschartige Wesen aus dem Meer und greifen die Menschen an.

Hass, Horror, Überlebenskampf - die Lager zwischen Freund und Feind vermischen sich, genau wie die Stilebenen im Roman: Mal Action, mal Tiefgang, ein paar Platitüden und viel Besessenheit führen dazu, dass man Seite um Seite weiterliest. Auch wenn sich einem angesichts der geballten Abstrusität - wie etwa der Vergewaltigung eines vor Wonne jauchzenden "Froschweibchens" - die Haare sträuben. Im Kampf gegen das vermeintlich Böse wird der Mensch eben schnell zum Tier - und am Ende bleibt offen, wer nun zivilisierter ist, die "Froschwesen" oder ihre Gegner.

Ishiguro, Houellebecq, Talarigo, Pinol - vier Autoren auf der Suche nach dem, was den Menschen im Innersten zusammenhält. Es ist die Seele, sagt Ishiguro. Es ist die Würde, sagt Talarigo. Es sind die Triebe und Gefühle, sagt Houellebecq. Es ist die Ungewissheit, sagt Pinol.

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