Bücher Zweimal null gleich null


Bald werden Sie im Laden die neuen Romane der Großschriftsteller Philip Roth und Tom Wolfe finden. Besser liegen lassen!

Philip Roths Roman "Verschwörung gegen Amerika" beginnt mit einer guten Idee: Wie wäre es, fragt der Autor sich und uns, wenn 1940 nicht der liberale Franklin D. Roosevelt, sondern der Ozeanflieger und Nazi-Freund Charles Lindbergh zum Präsidenten gewählt worden wäre? Wäre ein Antisemitismus deutscher Art in Amerika möglich gewesen?

Eine akzeptable literarische Spielerei und zunächst ganz spannend: Lindbergh erringt die Macht - nicht mit judenfeindlichen Slogans, sondern dem Versprechen, keine US-Soldaten im Weltkrieg zu verheizen. Kaum im Amt, verschickt er sofort jüdische Familien über den Kontinent, damit sie am Aufbau des Landes mitwirken, und zerschlägt so gewachsene Strukturen jüdischen Lebens - Antisemitismus light sozusagen.

In diesen Passagen funktioniert Roths aufs Allernötigste reduzierte Sprache, eben weil sie keine Position bezieht und den Leser entscheiden lässt. Im Rest des Romans aber bleibt der für Roth untypische Verzicht auf Ironie, auf Bilder, auf Stilmittel jeglicher Art rätselhaft - und dem Leser das Gefühl, um Liebgewonnenes betrogen zu werden.

Dann verlässt Roth die Lust an der eigenen Idee: Während wir gespannt warten, was in Roths Fiktion passiert, wenn die USA nicht in den Krieg eintreten - verschwindet Lindbergh. Entführt? Tot? Man weiß es nicht. Jedenfalls werden von einer Seite zur nächsten mörderische Pogrome entfesselt, der massiv faschistische Vizepräsident ruft den totalitären Staat aus. Gott sei Dank wehren sich brave Bürger, Roosevelt muss nur eine tolle Rede halten, und schwups ist er wieder Präsident, gerade rechtzeitig, um Soldaten nach Übersee zu schicken. Der Leser bleibt zurück und fragt: "Was war denn das?" Ein Autor, der aus seiner Geschichte keinen Ausweg findet.

Am Ende verkommt der Roman zur Groteske - Roth muss nämlich Lindberghs Verschwinden noch erklären. Also bitte: Lindberghs Baby ist gar nicht - wie im wirklichen Leben - entführt und ermordet worden, nein, die Nazis haben sich des Kindes bemächtigt und ziehen es in Deutschland zu einem arischen Recken groß. Und Lindbergh? Ist von Himmler erpresst worden: Wenn du nicht Präsident wirst, darfst du dein Kind nicht mehr sehen. Wenn du nicht pünktlich verschwindest, dann töten wir es. Von der Geschichtsfiktion zum drittklassigen Thriller - dieses Ende mit Schrecken macht kein Leser mit.

Der Schluss von Tom Wolfes Roman "Ich bin Charlotte Simmons" ist versöhnlicher: Der Autor bedankt sich bei seinen Kindern, dass sie ihn vor Ausrutschern in Sachen Jugendslang bewahrt haben. Leider haben sie ihm die Story nicht ausreden können: Das Mädchen Charlotte Simmons kommt aufs College und schlägt sich da so durch - genug Stoff für einen 800 Seiten langen Roman, findet Wolfe.

Ist es aber nicht, und erschwerend kommt hinzu: Ort und handelnde Personen haben mit der Realität sehr wenig zu tun. Charlotte Simmons hat, bevor sie den Sündenpfuhl College betritt, von folgenden Sachen noch nie etwas gehört, geschweige denn probiert: Sex, Alkohol, Drogen, Rap - um im Amerika der Gegenwart so unbeleckt zu sein, hätte sie ihr bisheriges Leben in einem Erdloch verbringen müssen.

Dafür treiben es die Studenten bei Wolfe umso doller: Entweder sind sie konstant saufende, sporadisch vergewaltigende Burschenschaftler oder hirnentkernte Sportler, was ungefähr dasselbe ist, nur ohne Saufen. Und bei den Mädels? Entweder steinreiche, sexsüchtige Zicke oder Charlotte Simmons, deren eindimensionale Moralität auch noch den Sieg davonträgt.

Dieses Buch verharrt weithin auf dem Stammtischniveau jener "Dokumentationen", die jährlich zum "Spring-Break", den Uni-Frühjahrsferien, zu einschlägigen Zeiten gezeigt werden: Saufen, Sex und Wet-T-Shirt-Wettbewerb inklusive. Der TV-Unsinn hat einen Vorteil: Er ist schneller vorbei.

Stephan Draf print

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