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Serienkritik

HBO-Serie auf Sky: "The Plot Against America": Was, wenn im Zweiten Weltkrieg ein Nazi US-Präsident gewesen wäre?

Wenn die USA in den Vierzigern einen Rechten zum Präsidenten gewählt hätten, wenn die Amerikaner nie gegen Hitler gekämpft hätten – die Welt sähe wohl anders aus. Die Serie "The Plot Against America" entwirft dieses Szenario.

Sky-Serie The Plot Against America: Rabbi Finkelstein hält die Hand von Charles Lindbergh hoch

Präsidentschaftskandidat Charles Lindbergh (Ben Cole, l.) wird in seinem Wahlkampf auch von Rabbi Lionel Bengelsdorf (John Turturro) unterstützt

Im Zweiten Weltkrieg spielten die USA eine große Rolle. Lange hatten die Vereinigten Staaten sich aus dem Krieg, der vor allem in Europa tobte, herausgehalten. Präsident Franklin D. Roosevelt jedoch war durchaus offen dafür, sich auch militärisch gegen Hitler-Deutschland zu stellen. Roosevelt wurde im Januar 1941 wiedergewählt, wenige Monate später – nach dem Angriff auf Pearl Harbor – traten auch die USA in den Krieg ein. Vier Jahre dauerte es, bis die Alliierten Hitler und die Nazis besiegten.

So weit die Geschichte. Doch was, wenn alles anders gekommen wäre? In der HBO-Serie "The Plot Against America", die jetzt auch auf Sky läuft, kommt es anders. Der Luftfahrtpionier Charles Lindbergh tritt bei den Präsidentschaftswahlen gegen Roosevelt an. Sein Wahlversprechen: Er will keinen Krieg. Außerdem punktet der Mann, der als erster allein den Atlantik in einem Flugzeug überquert hat, beim Volk mit antisemitischen Parolen. Lindbergh gewinnt die Wahl und bleibt Deutschland gegenüber nicht nur neutral, sondern sympathisiert sogar mit den Nazis. Die USA rutschen in den Faschismus ab.

Serie auf Sky: Wachsender Antisemitismus in den USA

Die Story basiert auf dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Philip Roth aus dem Jahr 2004. Lindbergh, der Volksheld, der es ins Weiße Haus schafft, ist in der Serienadaption nur eine Nebenfigur. Zumindest tritt er selten persönlich auf, nur die Furcht vor ihm ist allgegenwärtig. Vor allem bei der jüdischen Familie, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden. Ihnen wird schnell klar, in welche Richtung sich das Land, in dem sie sich nie wirklich willkommen gefühlt haben, bewegt. Den wachsenden Antisemitismus in der Bevölkerung erfahren sie am eigenen Leib.

Warum das niemand rechtzeitig bemerkt, fragt man sich nicht nur in der historischen Betrachtung des Deutschen Reichs, sondern auch bei dieser alternativen Geschichtsschreibung der USA. Lindbergh als das zu erkennen, was er ist, fällt nicht einmal allen Juden leicht: Auch ein Rabbi unterstützt Lindbergh – "nicht obwohl, sondern weil ich Jude bin". Lindbergh verspricht Frieden, ein hohes Gut in jenen Zeiten. Und er hat Kredit beim Volk: Ein jüdischer Mann erinnert sich daran, wie er als Junge einst Lindbergh nach dessen Atlantiküberquerung zujubelte. Er wisse nun, wie der wahre Lindbergh aussehe, der Rest des Volkes aber schaue den Präsidentschaftskandidaten immer noch so an, sagt er – wie ein kleiner Junge den heldenhaften Piloten.

Alternative Geschichtsschreibung, angelehnt an Fakten

Nach seiner Wahl preist Lindbergh Hitler als Bekämpfer der Kommunisten und scheut sich nicht, sich selbst vor Hakenkreuz-Flaggen und mit Nazi-Größen zu zeigen. Die Juden in der Bevölkerung haben es immer schwerer. Der gesellschaftliche Wandel vollzieht sich eher latent, die Angst aber ist immer greifbar. Lindbergh macht alte Ressentiments wieder salonfähig und scheint damit nur das freizusetzen, was bei vielen Amerikanern ohnehin unter der Oberfläche schlummerte.

Das alles scheint weit weg zu sein, alternative Geschichtsschreibung zwischen Buchdeckel oder in Serienfolgen gepresst. Philip Roth allerdings hat als Vorlage für die jüdische Familie, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, seine eigene Familie genommen. Charles Lindbergh trat nie als Präsidentschaftskandidat an, seine Abneigung gegen Juden ist aber ebenso wie Treffen mit Nazi-Größen belegt. Von Hermann Göring wurde der Flugpionier sogar mit einem Orden ausgezeichnet. Tatsächlich sprach sich Lindbergh gegen den Kriegseintritt aus und bezeichnete die Juden als "Kriegstreiber", sein Ansehen in der Bevölkerung litt in der Realität allerdings unter diesen Äußerungen erheblich.

Die Ähnlichkeiten zu Trump sind unverkennbar

Das Gedankenspiel ist dennoch verlockend: Was, wenn die USA unter faschistische Herrschaft geraten wären? Die Welt, in der wir leben, sähe vermutlich ganz anders aus – zu sehen unter anderem in der Serie "The Man In The High Castle". "The Plot Against America" hat aber noch aus anderen Gründen einen aktuellen Bezug – die sechs Folgen scheinen fast mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit zu erzählen. Die Ähnlichkeiten zwischen dem Serien-Lindbergh und Donald Trump sind jedenfalls nicht zu übersehen.

Dass der Roman gerade jetzt verfilmt wird, dürfte somit kein Zufall sein. Ein Präsident, der die Bevölkerung spaltet bis in die Familien hinein, der geliebt und gehasst wird, mit Vorurteilen arbeitet und Bürger zweiter Klasse identifiziert – das Lindbergh-Amerika ist nicht weit weg von dem des Donald Trump. Ein Satz wie "Heute Abend haben wir Amerika zurückerobert" könnte auch von Trump stammen. Auch das war für Serienschöpfer David Simon, der zuvor die Erfolgsserie "The Wire" verantwortete, ein Grund, den Roman von Philip Roth zu verfilmen: "Dass der Roman bereits 2004 veröffentlicht wurde, lässt ihn nicht weniger weitsichtig erscheinen. Roth hat uns gewarnt, dass es hier passieren könnte – und er hatte Recht."

"The Plot Against America" ist in der deutschen Fassung ab dem 20. Mai im Fernsehen bei Sky Atlantic und online bei Sky Ticket zu sehen.