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Bücherherbst: Geplatzte Träume vom persönlichen Glück

Liebe, Familie, Freundschaft - vor allem darum geht es in den Romanen in diesem Herbst. Dabei setzt sich der Trend fort, diese persönlichen Themen in einen gesellschaftspolitischen Rahmen zu stellen.

Neben neuen Büchern von Ian McEwan und Peter Handke darf man auch auf das Debüt des polnischen Autors Mark Z. Danielewski gespannt sein. Von ihm stammt nicht nur der mit über 900 Seiten umfangreichste, sondern wahrscheinlich auch der kühnste Roman dieses Herbstes. In Amerika wurde "Das Haus" bereits mit überschwänglichen Lobeshymnen bedacht. Danielewski erzählt die unheimliche, vielfach gebrochene Geschichte eines renommierten Autors, in dessen neu erworbenem Haus sich immer mehr Räume auftun - einer furchteinflößender als der andere.

Abgründe der Intimität

Furcht bestimmt auch in Ian McEwans Roman "Am Strand" ein junges Paar, das Anfang der sechziger Jahre im prüden England seiner Hochzeitsnacht entgegensieht. Der englische Autor, der mit seinem Roman "Abbitte" Weltruhm erlangte, zeigt präzise, wie die ersehnte sexuelle Erfüllung in Fremdheit umschlägt. Dabei wirft er ein Licht auf die leisen Abgründe der Intimität.

Um diese in ihren drastischen Formen geht es in dem Erzählband "Der zerbrochene Schmetterling" von Yôko Ogawa. Die japanische Schriftstellerin, bekannt für ihren unnachahmlich rätselhaft-magischen Ton, beschreibt, wie uns unser Begehren mit Ungeheuerlichkeiten konfrontiert, die wir kaum meistern können.

Eher spielerisch erzählt Martin Mosebach in seinem Roman "Der Mond und das Mädchen" eine nur auf den ersten Blick leichte Liebesgeschichte. Der diesjährige Büchnerpreisträger nimmt ein junges Paar in Frankfurt in den Blick, dem das Glück anfangs zu Füßen liegt, das sich aber nach und nach, zunächst unmerklich, in sein Verhängnis verstrickt.

Zwischen Krieg und Terror hat die Liebe es nicht leicht

Anders hatte sich auch der Held in A.L. Kennedys Roman "Day" sein Leben vorgestellt: Der Bomberpilot glaubt, dass er sein Liebesglück gefunden hat; doch als er nach dem Zweiten Weltkrieg in seine Heimat zurückgekehrt, findet er sich nicht mehr zurecht. Die politisch engagierte schottische Autorin zeigt, wie die Brutalität des Krieges das fragile Geflecht der Liebe zerstört.

Dieses über das Persönliche hinausgehende Thema beleuchtet auch Don DeLillo in seinem Roman "Falling Man": Der in New York lebende Autor beschreibt, wie sich ein Mann zwar aus dem brennenden World Trade Center retten kann, danach aber nicht mehr in ein gemeinsames Leben mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn zurückfindet.

Auch Annette Pehnt hat längst das Feld des rein biografischen Schreibens hinter sich gelassen. Mit "Mobbing" legt sie wie schon zuvor mit "Das Haus der Schildkröte" einen Gesellschaftsroman vor, in dem sie jetzt das persönliche Schicksal eines Büroangestellten auf eine soziale Dimension hin öffnet.

Auch die aktuelle Debatte um den Wert der Familie ist an den, überraschender Weise vor allem männlichen, Autoren nicht spurlos vorbeigegangen. Fast schon zu erwarten war dies bei John von Düffel. Mit seiner Familiensaga "Houwelandt" ist er 2004 groß herausgekommen. In seinem neuen Roman "Beste Jahre" erzählt er gewitzt von einem Paar im mittleren Alter, das Kapriolen zu schlagen beginnt, weil plötzlich der Wunsch nach einem Kind aufkommt.

Im Vergleich zu Liebe und Familie wird Freundschaft von der Literatur eher stiefmütterlich behandelt. Bodo Kirchhoff widmet ihr jetzt einen eigenen Roman. Unter dem Titel "Eros und Asche" erzählt der 1948 geborene Autor autobiografisch von einer lebenslangen Freundschaft. Diese rückt durch den frühen Tod des begabten Freundes, der den bürgerlichen Konventionen abgeschworen hat, in ein neues Licht.

All diese persönlichen Lebensdramen lässt Doris Lessing mit ihrem Roman "Die Kluft" hinter sich. Darin kehrt die fast neunzigjährige englische Autorin zu den mythischen Anfängen der Menschheit zurück und schildert eine noch heile, rein weibliche Welt, die dann allerdings doch mit der ersten Geburt eines Jungen aus den Fugen gerät.

Um was es in der Erzählung "Samara" von Peter Handke geht, der am 6. Dezember seinen 65. Geburtstag feiert, darüber macht der Autor nur vage Andeutungen: Die Geschichte spielt in einem Boot irgendwo auf dem Balkan. Der Titel ist ein arabisches Wort und bedeutet: "Ich habe die ganze Nacht geplaudert."

Thomas Oser/DPA / DPA