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Peter Handke: Die Akademie pfeift auf Political Correctness – darf so einer den Literaturnobelpreis bekommen?

Peter Handke ist umstritten. Seine Haltung zum Balkankrieg brachte ihm viel Kritik ein. Trotzdem erhält er jetzt den Literaturnobelpreis. ARD-Kritiker Denis Scheck hält das für eine "überfällige Rückkehr zu ästhetischen Kriterien".

Video: Literaturnobelpreisträger reagieren überrascht

Peter Handke war zuhause, als er den Anruf der Akademie erhielt: "Er war sehr, sehr gerührt. Erst hat er kaum ein Wort herausbekommen." Dann habe der Österreicher auf Deutsch gefragt: "Ist das wahr?", berichtet der Vorsitzende des Nobelkomitees, Anders Olsson. Olga Tokarczuk hat der Anruf im Auto überrascht. Sie sei auf einer Lesetour in Deutschland und habe erstmal rechts ranfahren müssen, um die Botschaft entgegenzunehmen, sagte der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm.

Der Literaturnobelpreis für das Jahr 2019 geht an den Österreicher Peter Handke. Zugleich erhält die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk den nachgeholten Literaturnobelpreis für das Jahr 2018. Dies teilte die Schwedische Akademie in Stockholm mit. Damit werden in diesem Jahr zwei Europäer mit der renommierten Auszeichnung geehrt. Im Fall von Handke ist die Entscheidung nicht unumstritten. Grund: Seine pro serbische Haltung im Balkankrieg.

Peter Handke gibt nach der Bekanntgabe der Akademie eine Pressekonferenz in seiner Wahlheimat Chaville bei Paris.

Peter Handke gibt nach der Bekanntgabe der Akademie eine Pressekonferenz in seiner Wahlheimat Chaville bei Paris.

Literaturkritiker Scheck lobt die Wahl der Akademie

Der Literaturkritiker Denis Scheck hat die Vergabe der Nobelpreise Handke und Tokarczuk begrüßt. Es sei ein großer Tag für die Literatur, sagte der Fernsehkritiker ("Druckfrisch") der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Es sei eine sehr mutige Entscheidung. Die Auswahl - bei der zwei Europäer zum Zuge kamen -  sei eine überfällige Rückkehr zu ästhetischen Kriterien.

"Die politische Korrektheit hat eine krachende Ohrfeige erhalten, eine Niederlage erlitten", sagte Scheck mit Blick auf Handke. Dieser sei einer der großen Provokateure - er beweise, dass man sich politisch total verlaufen könne und gleichzeitig Weltliteratur schreiben könne. Handke sei ein "würdiger Preisträger", so Scheck.

Als Einstieg in dessen Werk empfiehlt er "Wunschloses Unglück". Darin geht es um den Suizid von Handkes Mutter. Als Theaterstück sollte man sich seiner Meinung nach "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" nicht entgehen lassen.

Peter Handke

Handke stand für seine Haltung im Balkan-Konflikt in der Kritik

Der Schriftsteller Handke war für seine Haltung im Balkan-Konflikt heftig kritisiert worden. Er stand auf der Seite Serbiens, verurteilte die Nato für ihre Luftschläge und hielt 2006 bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milosevic eine Rede.

Auch Olga Tokarczuk, die Preisträgerin 2018, hält Scheck für eine gute Wahl. Sie sei eine große, sensible Erzählerin der Migration, des Unterwegs-Seins. Von Tokarczuk empfiehlt er die Werke "Ur und andere Zeiten" sowie "Unrast" in der Übersetzung von Esther Kinsky.

mai/DPA