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Buch-Tipps: Literaturnobelpreis für Einsteiger: Was Sie von Peter Handke und Olga Tokarczuk lesen sollten

Peter Handke und Olga Tokarczuk haben den Literaturnobelpreis erhalten. Wer deren Werke noch nicht kennt, denen hilft stern-Autor Stephan Maus auf die Sprünge: Diese Bücher der beiden sollten Sie lesen.

Video: Literaturnobelpreisträger reagieren überrascht

Peter Handke ist ja eigentlich gar kein Schriftsteller, sondern so etwas wie ein indischer Heiliger. Er sitzt zwar nicht am Ganges auf einer Säule und lässt sich die Fingernägel wachsen, sondern weilt in einem Vorort von Paris und nimmt das Telefon nicht ab. Wenn ihn der Hafer juckt, geht er in den Wald, Pilze sammeln. Um sich an den sonderbaren Sound dieses seltsamen Asketen zu gewöhnen, muss man erst einmal in seiner Sprache heimisch werden. Das geht ganz gut mit den zwei folgenden Bänden:

"Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1970)

Hier kommt Handke einer klassischen Erzählung am nächsten. Der Monteur und ehemalige Torwart-Star Josef Bloch lässt sich durch Wien treiben, geht eine kurze Liaison mit der Kinokassiererin Gerda ein, die er nach einer gemeinsamen Nacht umbringt. Der kurze Roman erzählt von der Entfremdung seines schizophrenen Helden von einer kalten, durchgetakteten Welt.

"Der kurze Brief zum langen Abschied" (1972)

Ein junger Österreicher macht sich auf, seine Frau in den USA zu suchen. Als er sie findet, trennt er sich von ihr. Eigentlich ein Reisebericht. Aber Handke wäre nicht Handke, wenn es wirklich einer wäre. Der Text ist wie jedes Handke-Buch eigentlich eher die Skizze dessen, was gewöhnlich erwartet wird. Um die Erwartungen des Lesers zu enttäuschen und ihn aus seiner Tumbheit aufzuwecken (Sie erinnern sich: Indischer Guru!). Das wirklich Grandiose an diesem Büchlein: Bei aller Sprach- und Formzertrümmerung gelingt Handke hier tatsächlich ganz einfach eine schöne – man wagt es kaum zu schreiben: Liebesgeschichte. Jetzt ist es raus.

Olga Tokarczuk und Peter Handke

Olga Tokarczuk und Peter Handke treten in die Fußstapfen von Literaten wie Heinrich Böll und Elfriede Jelinek.

AFP

Wer sich mit diesen beiden kürzeren Werken eingelesen hat in den Handke-Sound, ist reif für das Opus Magnum (nicht vorher!): "Mein Jahr in der Niemandsbucht – Ein Märchen aus den neuen Zeiten" erzählt in radikaler Sprache davon, wie der Schriftsteller Georg Keuschnig versucht, das Wunder der Welt in Sprache zu verwandeln. Keuschnig scheitert, Keuschning ist verzückt, Keuschning hadert, Keuschning vibriert. Man darf nicht wirklich Handlung im eigentlichen Sinne erwarten. Das Monumentalwerk ist eher ein Versuch, sich langsam in einen Sprachrausch hineinzusteigern. Muss man sich ein wenig wie Meditation vorstellen: Wenn man sich darauf einlässt, hört man die Stille mit anderen Ohren.

Olga Tokarczuk ist eine große, sensible Erzählerin. Der Einstieg in ihr Werk sollte auch Literaturnobelpreis-Anfängern gelingen. Am besten mit diesen drei Büchern:

"Ur und andere Zeiten" (1996)

Das fiktive ostpolnische Städtchen Ur wird von den vier Erzengeln Raphael, Uriel, Gabriel und Michael bewacht. Aus Himmelsperspektive betrachten sie die polnische Geschichte von 1914 bis zum Ende des letzten Jahrhunderts. Alltag, Politik und Geschichte mögen toben und tosen, die Urbestandteile des menschlichen Daseins bleiben stets gleich: Liebe, Hass, Gewalt, Werden und Vergehen. Ein polnisches Jahrhundert aus Engelsperspektive.

"Taghaus, Nachthaus" (1998)

Olga Tokarczuk lebt in einem kleinen Dorf in Niederschlesien an der tschechischen Grenze. In ihrem Buch "Taghaus, Nachthaus" erkundet die Autorin ihre Heimat. In kurze Skizzen, Essays, Fragmenten und Geschichten verbindet sich Provinzalltag mit mythischer Überhöhung. So erschließt die Autorin eine vergessene Kulturregion wie einen ganz neuen Kontinent.

"Der Gesang der Fledermäuse" (2009)

Der Plot hat es in sich: Eine ehemalige Brückenbauingenieurin zieht sich in die niederschlesischen Berge zurück. Sie beobachtet Sterne und Tiere und verstrickt sich in immer verrücktere Theorien über Namen, Mystik und Verbrechen an Tieren. Dann kommt es auf dem sturmumtosten Hochplateau zu seltsamen Mordfällen, und die schrullige Heldin entpuppt sich als unfehlbare Ermittlerin. Unter dem Gewand eines Krimi-Parodie verbirgt sich eine gewitzte Zivilisationskritik.