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Comics: Der Tod der Superhelden

Neue Helden im Comic-Universum. Statt Superman und Hulk heißen sie nun Johnny Cash und Che Guevara. Sie nehmen Drogen und zetteln Revolutionen an. Sie retten nicht mehr die Welt, sondern erzählen ihre eigene Geschichte: düster, realistisch und hart.

Von Christian Weiß

Produzent Rick Rubin hat ihm ein musikalische Denkmal gesetzt, der Kinohit "I walk the Line" ein filmisches. Der deutsche Künstler Reinhard Kleist hat Johnny Cash nun in einem Comic verewigt: "Cash - I see a Darkness". In eindringlichen Schwarz-Weiß-Bildern schildert Kleist das bewegte Leben des "Man In Black", des Idols von Musik-Fans aller Generationen. Seine frühen Sessions mit Elvis, seine Drogenexzesse, das Konzert im Folsom Prison, das Cash Ende der 60er Jahre zu einer der berühmtesten Stimmen Amerikas machte, die Liebe zu June Carter, bis hin zu seinem spektakulären Comeback an der Seite von Rubin.

Die gezeichnete Lebensgeschichte liegt im Trend. Beim Verlag Carlsen Comics sind in diesem Jahr zahlreiche Comicbiografien erschienen - darunter "Che", "Martin Luther King" und "Houdini". Der alljährlich in Erlangen stattfindende Comic-Salon wartete mit einer Vielzahl von Comicromanen auf, einer Spielart der sogenannten Graphic Novels, in denen Erzählung und Zeichenkunst gleichen Stellenwert besitzen. Epische Breite und suggestive Bilder erwarten den Leser dieser Werke, die in den letzten Jahren auf dem deutschen Comic-Markt zunehmend Anhänger finden. Über 10.000 Mal hat sich "Cash" bisher verkauft - eine unglaubliche Stückzahl für einen Comic.

Lebensgefährliche Geschichten

Schon in der Roman-Biografie ist die objektive Darstellung des Lebens ohne persönliche Einmischung schwierig. Im biografischen Comic ist sie nahezu unmöglich. "Es war ein Auftrag, den wir erfüllen mussten", sagt etwa Enrique Breccia, der einzige noch lebende der drei Künstler, die das Leben des Revolutionsführers Che Guevara in Bilder gefasst haben. "Che" von Alberto und Enrique Breccia, sowie Szenenschreiber Héctor Oesterheld, erschien erstmals 1968. Pünktlich zur Revolution.

Es war eine idealisierte Darstellung der argentinischen Geschichte - damals brach das Buch alle Verkaufsrekorde. Selbst nach seinem Verbot nach dem Scheitern der Revolution wurde es unter der Ladentheke erfolgreich weitervertrieben. Das erstaunte, denn der realistische Schwarz-Weiß-Stil der Bilderbiografie zeigte auch den Schrecken der Revolution.

Die Neuauflage vierzig Jahre später ist aufgrund des langanhaltenden Hypes um die Ikone Che nicht verwunderlich. "Che" ist wohl beides - ein außergewöhnlicher Comic und ein Zeitdokument, das die Stimmung und auch die Illusionen der 60er Jahre widerspiegelt. Den Schreiber Oesterheld hat das Buch das Leben gekostet. 1977 wurde er von Militärtruppen entführt und hingerichtet: weil er "das schönste Buch über Che Guevara geschrieben hat", sagen seine Anhänger.

Auch mit der grafischen Erzählung "Martin Luther King" hofft Carlsen auf den Jubiläumsbonus 1968. Der Autor und Zeichner Ho Che Anderson präsentiert auf 248 Seiten die Lichtgestalt der Schwarzenbewegung und zeigt den Menschen hinter dem Mythos. Mit "Elvis. Die illustrierte Biographie" setzt der Verlag zielstrebig auf das gleiche Pferd, unter anderem mit "Cash"-Zeichner Reinhard Kleist. Diesmal wechseln sich jedoch realistische Bilder mit bewusst comichaften Zeichnungen ab. Beide dienen der Geschichte.

Holocaust als Comic?

Die Geister scheiden sich an dem Begriff "Graphic Novel". Für die einen ist es ein Phänomen einer neuen Ernsthaftigkeit, für die anderen schlicht und einfach Marktstrategie. Dennis Scheck, Literaturkritiker und Übersetzer, verbindet mit "Graphic Novel" nicht automatisch Comic-Hochliteratur - falls so ein Begriff überhaupt Sinn mache, sagt er. Die Tatsache, dass Comic immer mit lustig gleichgesetzt werde, umgehe man durch die Kennzeichnung entsprechender Bücher als "Graphic Novel". Kleist habe mit "Cash" ja eigentlich keine "Graphic Novel" schreiben wollen, diese Kennzeichnung kam erst später auf das Buch, so Scheck. Mittlerweile lässt sich "Cash" auch in der Musikecke der Buchhändler finden.

Die Wahrnehmung des Comics in den Medien verändern diese Biografien immer mehr. Als eines der bekanntesten Beispiele für das geschichtliche Erzählen gilt die viel diskutierte Tierfabel "Maus", in der Autor Art Spiegelman versucht, die Geschichte seines Vaters, eines Holocaust-Überlebenden, in Bilder zu fassen. Durch die Darstellungsform der Charaktere mit Hilfe von Tiermetaphern, gelingt es Spiegelman, persönlichen Abstand zum erzählten Grauen zu halten. Juden werden zu Mäusen, Deutsche Nazis zu Katzen, US-Amerikaner zu Hunden, Franzosen zu Fröschen und Briten zu Fischen. Umstritten ist "Maus" deshalb bis heute. Rita Süssmuth wollte es in Deutschland auf dem Index sehen - in den USA gewann Spiegelmann den Pulitzer-Preis.

Comic-Biographien hatten bisher aus zwei Gründen keinen allzu guten Ruf. Sie wirken auf den ersten Blick subjektiv, unseriös und schmuddelig - in den USA locken solche Porträts meist in Heftchenform gerne mit dem Blick durchs Schlüsselloch. Andererseits gelten biografische Comics als dröge, belehrend und ästhetisch unaufregend. Als Vorlage für Verfilmungen dienen sie trotzdem: "300", "Sin City", "V wie Vendetta" oder "Road to Perdition" nahmen sie zum Vorbild.

Mit Cash in die Feuilletons

In Deutschland war es dagagen fast eine Premiere. Kleist gewann mit "Cash" den Preis für das "Beste deutschsprachige Album" auf einer der wichtigsten Veranstaltungen Deutschlands, dem "Internationalen Erlanger Comic Salon". 30.000 Comicinteressierte strömten durch die Hallen und bescherten den Veranstaltern einen Besucherrekord. Nur ein Mal hat in den letzten Jahren ein vergleichbares Werk gewonnen: 1996, Hugo Pratts "Saint-Exupéry - Sein letzter Flug".

Der aufstrebende deutsche Zeichner Kleist hat offensichtlich die richtigen Töne getroffen. Mal im Stile des Film Noir wie bei "Cash", mal verspielt wie in "Elvis": "Für mich steht besonders das Thema der Freiheit des einzelnen Menschen im Vordergrund eines jeden Bandes", sagte Kleist jüngst im Interview. "Die Suche nach Freiheit steckt in jedem Leben."