Das neue linke Lebensgefühl (Teil 3) Marx war kein Marxist


Karl Marx war lange Zeit kein Thema. Doch nun erleben seine Theorien eine Renaissance. Vor allem im Wissenschaftsbetrieb schlagen immer mehr junge Akademiker bei dem alten Bartträger aus Trier nach. Der Politologe Michael Krätke erklärt, was sie dort finden - und was nicht.
Von Mark Stöhr

Lange war er nur der "rote Terror-Doktor". Stichwortgeber für monströse kommunistische Staatsgebäude, die Millionen Menschen die Freiheit und das Leben gekostet haben. Als hätte er schon zu Lebzeiten geahnt, was aus seinen Lehren irgendwann werden könnte, rief Karl Marx seinen französischen und russischen Anhängern einmal zu: "Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin." Er sah sich selbst mehr als Forscher und Philosoph und nicht als Stifter einer geschlossenen Weltanschauung.

Kein Oberpostdirektor in der Abteilung ‘Ewige Wahrheiten‘

"Der ‘Marxismus‘ erst hat aus dem historischen Marx jenen humorlosen Langweiler und Oberpostdirektor in der Hauptabteilung ‘Ewige Wahrheiten‘ gemacht, als den ihn viele heute wahrnehmen", schreibt der deutsche Politikwissenschaftler Michael R. Krätke in einem Text. Er trägt den schönen Titel: "Brauchen Sie Marx?". Krätke würde die Frage ohne zu zögern mit Ja beantworten. Und immer mehr würden das ebenso tun, sagt der 58-Jährige.

Krätke lehrt als Professor Politikwissenschaft und Ökonomie an der Universität von Amsterdam. Zudem ist er an der Marx-Engels-Gesamtausgabe, der so genannten MEGA, beteiligt, einem gigantischen "Ausgrabungsprojekt", das nach der russischen Oktober-Revolution begann und unter Stalin vorübergehend eingestellt wurde.

Gesucht: Der wahre Marx

Um die 70 Wissenschaftler werten heute den riesigen Berg der nachgelassenen Schriften von Marx und Engels aus, die zu 80 Prozent in Amsterdam und zu 20 Prozent in Moskau liegen. Sie suchen den "authentischen Marx". "Wir sind ein sehr internationaler Kreis", sagt Krätke. "Meine Kollegen kommen aus Frankreich, Dänemark, Japan, einige auch aus China. Gerade in China gibt es ein großes Interesse an Originalmanuskripten, die frei sind von dogmatischen und parteilichen Inbesitznahmen. Die staatlichen Stellen verfolgen das mit einigem Misstrauen."

Denn Marx‘ Kapitalismuskritik trifft nicht nur den liberalen Markt der westlichen Welt, sondern ebenso seine staatsautoritären Wiedergänger. "Wie kaum ein anderer hat Marx die Entwicklung des Kapitalismus zum wirtschaftlichen Weltsystem studiert", so Krätke. "Gerade am Beispiel der USA zeigte er sehr genau, wie eine Nation durch die Industrialisierung ihrer Landwirtschaft zum globalen Marktführer auf diesem Gebiet wurde."

Eine verkehrte Welt von verrückten Ideen

Das Aufkommen der Finanzmärkte, die frühen Gehversuche des Freihandels, die erste dicke Weltwirtschaftskrise Mitte des 19. Jahrhunderts: Marx war dabei und hat alles akribisch aufgeschrieben und analysiert. "Er entwirft das Bild einer verkehrten Welt von verrückten Ideen, vom Shareholder Value bis zur Ausbeutung der Natur." Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil. Das macht Marx vom alten Graubart wieder zum lesbaren Zeitgenossen.

Der Philosoph aus Trier wurde schon einmal wiederentdeckt. Die Akteure der 68er-Bewegung kannten ihr "Kapital" so gut wie jeder Pfarrer seine Bibel. "Damals war alles, was schick und fortschrittlich war, links", sagt Krätke. Das ist vorbei. Er kenne einige Doktoranden, die gerne ihre Promotionsarbeit über Marx schreiben würden. Sie lassen es, weil ihre Universitätskarriere damit gestorben sei.

Den Menschen in die Wirtschaftstheorie zurückholen

In der offiziellen Wirtschaftswissenschaft herrscht nämlich seit mehr als zwei Jahrzehnten das Gesetz des freien Wettbewerbs. Ihr immer gleiches Credo lautet: Der Markt wird es schon richten, wenn man ihn nur lässt. Dagegen regte sich im Jahr 2000 Widerstand an den Grand écoles, den französischen Eliteunis. Pariser Wirtschaftsstudenten gründeten eine Bewegung, die sich "post-autistische Ökonomie" nannte und rasch in vielen Ländern der Welt Nachahmer fand. Sie holten den Menschen zurück in das abstrakte Modell vom Markt, der als eine Art Naturgesetz über allem steht. Das Bewusstsein bestimmt das Sein, sagen sie - das hätte selbst dem alte Marx sauer aufgestoßen. Aber die Wirtschaftsrebellen aus Paris haben ihn zumindest gelesen.

Marx steht heute nicht mehr für ein politisches All-Inclusive-Rezept, sondern ist ein Bestandteil in einem vielfältigen linken Medikamentenmix. Die zahlreichen Marx-Kongresse, die in den letzten Jahren entstanden sind - die "Historical Materialism Conference" in London etwa oder die "International Marx Conference" in Paris - werden denn auch weniger von graumelierten Steinzeit-Marxisten besucht als von jungen Marx-Interessierten. "Die beschäftigen sich ernsthaft mit seinen Theorien, ohne ideologische Scheuklappen", sagt Krätke. Und sie erwarten keine Wunder von ihm. "Die Liebe!", spöttelt Krätke. "Auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat."

In Teil vier unserer Serie erklärt Ted Gaier, Gitarrist und Texter der Polit-Band "Die Goldenen Zitronen", warum er mit der bürgerlichen Presse eigentlich nicht mehr spricht - und es dann doch wieder getan hat.


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