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Elke Heidenreichs "Weiterlesen!": Die Prechtisierung der Buchszene

Nach dem Erfolg von David Prechts "Wer bin ich, und wenn ja, wieviele?"prechtet es im Bücherwald, dass sich die Hirne biegen. Elke Heidenreich schlägt eine Schneise durch die Neuerscheinungen - und landet bei dem berühmten Philosophen Thomas M. Stein, bekannt aus "Deutschland sucht den Superstar."

Mein Gott, was hat sich das gelohnt, Richard David Precht mit seinem Buch "Wer bin ich, und wenn ja, wieviele?" damals in "Lesen!" zu loben und denen zu empfehlen, die mal das Denken versuchen möchten! (Übrigens, der weiterführende Entwurf bei Piper: "Wo leben wir eigentlich, und wenn ja, wie oft?", irgendwas über Paralleluniversen, wird beworben mit "Der Precht für Physik". Klar, unter Precht geht nix mehr.) Überall prechtet es, es wird gedacht, dass sich die Hirne biegen, und wer es nicht allein kann, dem hilft zum Beispiel bei Diogenes "Denken mit Schiller". Die neuen Kataloge der Verlage bersten geradezu vor Denkangeboten. Und sie geben gern zu, woher sie es haben: "Nicht denken macht auch nicht schön!" heißt ein Buch bei Bastei Lübbe, "empfohlen für alle, die seit Richard David Precht Spaß an der Philosophie haben." Der Autor heißt Cave und beweist, dass man schön und schlau sein kann, aber das hat ja Precht eh schon bewiesen.

Bei dtv ist man sich nicht ganz sicher: "Ich denke, aber bin ich auch?" fragt ein Autor namens Fearn, der Verlag empfiehlt: "Für Leser von 'Wer bin ich - und wenn ja, wieviele?'" Ja, bin ich denn nun, oder nicht? Im Verlag namens Riemann beschwört ein Autor namens Ramo trotzig "Das Zeitalter des Undenkbaren". Alles ist so kompliziert, wir können nicht einfach mehr so weiterdenken wie bisher! Der Beck Verlag warnt denn auch: "Fallstricke. Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft." Das brauchen Sie, wenn Sie eine Marssonde bauen, damit Sie sich nicht - wie 1999 die Amerikaner - bei der Umlaufbahn um 170 Kilometer verrechnen, was dann schon mal locker 320 Millionen Dollar kostet. Und das kann ja niemand wollen. Eine Denkhilfe für den Hausgebrauch also.

Für jeden Trottel was dabei

Bei Fischer gibt es schon eine Anthologie, in der die klügsten Wissenschaftler der Welt uns Undenkbares vordenken, und ebenfalls bei Fischer will man letztlich nicht wissen, wieviele ich bin, sondern "wie viel von mir bin ich?", Autor: Mary E. Pearson, Buch: "Zwei und Dieselbe". Und nun wird's ganz kompliziert, denn wenn ich nicht mal mehr weiß, wer ich bin, weiß ich natürlich auch nicht, wieviel davon... ach, lassen wir das. Kopf hoch, es ist für jeden Trottel was dabei: "50 Rätsel für taktisches Denken", "50 Rätsel für visuelles Denken" und "50 Rätsel für schnelles Denken", alles von einem Autor namens Phillips, alles bei Ariston. Mann, kann der Mann denken!

Aber es gibt ja auch schon den Mann, der weiß, was wir denken: ein Autor namens Havener, noch schöner als Precht, der denkt nicht nur, sondern sieht direkt in meinen armen dummen Kopf: "Ich weiß, was du denkst" bei rororo, und zusammen mit einem Herrn namens Dr. Spitzbart (der heißt wirklich so, ist aber nicht annähernd so schön) hat er gleich noch ein Buch hinterher geschoben: "Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten!" Und was soll ich Ihnen sagen? Schon denke ich an einen blauen Elefanten! Vertrackt, das alles.

Und damit auch die Kleinen mithalten können, bietet Dressler an: "Auch Monstern will gelernt sein." Also, erst werde ich Monster, dann lerne ich denken, und weil Richard David Precht schon wieder einen Schritt weiter ist und über die Liebe als "ein unordentliches Gefühl" nachdenkt, springen bereits die Ersten ganz schnell auch auf diesen neuen Zug auf: "Alles ist möglich, nur die Liebe nicht mehr!" preist Klett-Cotta den Autor namens Hillenkamp an, dessen Buch denn auch heißt: "Das Ende der Liebe."

Kurzum: Wer sich in diesem Sommer nicht endlich selbst findet und mit der Liebe ein für allemal Schluss macht, dem ist nicht zu helfen. Letzter Tipp: "Wer bin ich? Was hat mich geprägt?" Ein Autor namens Schimmel erklärt uns im Wolf Jobst Siedler jr. Verlag unsere "Identität". Wer aber weder denken kann noch sich kennt oder findet und auch nicht weiß, wieviele er ist und ob er nun liebt oder nicht, der kann ja immer noch Hobbyphilosoph werden wie jener Thomas M. Stein, der in der ersten Superstar-Jury saß, durch Humorfreiheit auffiel und nun bei Ehrenwirth seine Memoiren (?) geschrieben hat. Darin philosophiert "Onkel Stein": "Die Erinnerung ist das einzige Gefängnis, aus dem man nicht entlassen wird."

Schön gesagt, aber bei Jean Paul war es eben doch noch schöner, nämlich: "Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann." Wir empfehlen "Onkel Stein": Einfach mal selber denken. Es gibt doch soviele schöne Ratgeber! Und wenn's nicht klappt, kochen wir nach dem Rezept von Rosalie Tavernier (Thiele Verlag) "Mutmach-Marmelade".