HOME

Eric-Emmanuel Schmitt: Guter Hitler, böser Hitler

Was wäre passiert, wenn "der Führer" Künstler geworden wäre? In seinem neuen Roman offenbart der französische Bestsellerautor Eric-Emmanuel Schmitt ein skandalöses Geschichtsbild

Man rechnet damit, in einen Elfenbeinturm vorgelassen zu werden, und dann steht man inmitten einer quirligen Kommandozentrale. Das Hauptquartier des französischen Erfolgsschriftstellers Eric-Emmanuel Schmitt befindet sich im ersten Stock eines Brüsseler Stadtpalais: Designer-Schreibtische, geschäftig summende Rechner, Glastrennwände. Diese Öffentlichkeitsabteilung einer Literaturwerkstatt sieht aus wie eine Werbeagentur: Smarte, junge Angestellte - eine Libanesin, eine Portugiesin, eine Flämin und ein Franzose - sitzen in stilvollem Ambiente, verwalten Schmitts Rechte und koordinieren seine PR-Termine. An einer Wandtafel stehen die Abgabetermine für die laufenden Projekte des Chefs. Hier wird geplant und organisiert.

Zu verwalten gibt es viel bei Schmitt. Mit gut gemeinten Rührstücken hat sich der 47-Jährige - für Erleuchtete kurz EES - in die Riege der weltweit erfolgreichsten Autoren geschrieben. Sein Mini-Melodram über einen sterbenden Jungen, "Oskar und die Dame in Rosa", landete 2003 unter den 15 meistverkauften Büchern der Welt. Im selben Jahr verhalf Elke Heidenreich in ihrer allerersten "Lesen!"-Sendung Schmitts Roman "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" zu Rekordauflagen. Schmitts Erfolgsrezept ist eigentlich die Zweit-und Drittverwertung des spirituellen Erbes sämtlicher Weltreligionen. Umso mehr überraschte er schon 2001 die französischsprachige Leserschaft mit einem politischen Roman über Adolf Hitler. Doch obwohl Schmitts Bücher gerade in Deutschland besonders erfolgreich sind, ist das 500-Seiten- Werk bei uns immer noch nicht erschienen. Schmitts Schweizer Verleger Egon Ammann verschiebt schon seit Monaten immer wieder die Veröffentlichung des Textes, der in Fahnen seit Mai 2007 unter dem Titel "Adolf H. Zwei Leben" vorliegt. Erscheinungstermin ist jetzt voraussichtlich der 12. Februar. Auf die Frage nach dem Grund für diese Verzögerungen deutet Schmitt an, sein Verleger habe wohl Angst.

Was wäre, wenn...

Verständlich, denn der Roman ist ein Skandal. In abwechselnden Kapiteln erzählt Schmitt zwei Geschichten: Die eine ist historisch verbürgt und schildert den Aufstieg Hitlers vom gescheiterten Künstler zum Diktator. Die andere entwickelt sich aus einem kindischen Gedankenspiel: Was wäre passiert, wenn Hitler an der Wiener Kunstakademie 1907 und 1908 etwa nicht wegen mangelnder Begabung zweimal abgewiesen, sondern angenommen worden wäre? Laut Schmitt hätte sich unser Führer als Kunstschüler zu einem sympathischen Burschen entwickelt, den der Autor "Adolf H." tauft. Unter Schmitts Feder wird dieser Adolf H. zu einem der Erfinder des Surrealismus, schwingt in der Pariser Boheme seinen Pinsel, empfängt von Surrealistenpapst André Breton die Weihen, heiratet eine jüdische Parfümeuse und wird ein glücklicher Vater, der sich nicht sattsehen kann am Wunder seines Nachwuchses. Zur Freude diverser Musen und seiner Parfümeuse ist dieser pinselnde Adolf nur im Bett eine Kanone. Dieses Gedankenspiel klingt nach einer Schnapsidee, die einen übermütigen Romancier nach einem feuchtfröhlichen Abend kurz vor dem Wegdämmern überkommt: Was wäre, wenn Nero gefeierter Konzertharfenist geworden wäre? Wenn Saddam Hussein einen Waldorf-Kindergarten besucht hätte? Um sich am nächsten Morgen tatsächlich an einen solchen Roman zu setzen und zum Beispiel den GröFaZ zur größten Romanfigur aller Zeiten zu machen, muss man schon an einer ziemlich bedrohlichen Form der Selbstüberschätzung leiden.

Was hat sich Schmitt bei seinem "Führer"-Epos gedacht? Er habe Hitler nicht etwa sympathischer machen wollen, sondern zeigen wollen, wie viel Hitler in jedem von uns steckt; dass unter gewissen Umständen jeder zu einem Monster werden könne. Aufnahmeprüfung versemmelt, sechs Millionen Juden ermordet, so schnell kann’s gehn. "Ich bin ein humanistischer, moralischer Schriftsteller. Ich wollte unsere extreme Nähe zum Monströsen zeigen. Das heißt: Es ist eine unserer Möglichkeiten." Dieser Gedanke ist nicht neu - wie kein einziger Gedanke Schmitts: Thomas Mann hat ihn schon 1938 in seinem Essay "Bruder Hitler" ausgeführt, allerdings sehr viel präziser. Mann zeigt, wie sehr Hitlers Größenwahn dem eines modernen Künstlers ähnelte. Vor diesem Hintergrund hofft man nun wenigstens auf ein handfestes Künstlerbekenntnis: "Wo fühlen Sie sich denn ,unserem Führer‘ besonders nahe, Monsieur?" - "Wenn man aufhört zu analysieren. Wenn man aufhört, das Komplexe zu begreifen." Tatsächlich gehört Komplexität nicht zu Schmitts Stärke. Schematisch montiert er seine fiktiven Szenen neben die historisch verbürgten: guter Hitler, böser Hitler. Mit verblüffender Blauäugigkeit spiegelt er das Böse über die Y-Achse seiner Einfalt hinein ins Gute.

Politische Utopie ohne Hitler

Mit von der Partie: Vulgärpsychologie und wilde Spekulation. Verglichen mit dieser Psycho-Schmonzette lieferten Kujaus Hitler-Tagebücher ein stimmiges Psychogramm des Diktators. Wie kann aus einem neurotischen Monster ein erfüllter Künstler werden? Für Schmitt kein Problem: Er lässt den jungen Hitler von Sigmund Freud persönlich therapieren und schenkt ihm eine nymphomanische Bettgespielin, die ihn in den schärfsten Casanova östlich der Maginot-Linie verwandelt. Drei Kumpel bescheren ihm herrliche Männerabende: Ein Paradeschwuler lehrt ihn sexuelle, ein Kommunist politische Toleranz; vor den Werken eines hochbegabten Malerkumpans erkennt er seine kreativen Grenzen und findet zu künstlerischer Demut. Hitler, Surrealismus, Freud: Schmitt würzt diesen Cocktail mit einer ordentlichen Prise unfreiwilliger Komik: "Sein Urin besprengte machtvoll das Steingut, er pinkelte mit dickem Strahl, er fühlte sich unverwundbar." So strullt nur der "Führer". Nun könnte dieses hanebüchene Boulevardstück einfach nur peinlich für seinen Autor sein. Aber mit seiner Hitler-Groteske offenbart Schmitt ein skandalöses Geschichtsbild. In seiner Erzählung über den Künstler Adolf H. entwirft Schmitt eine politische Utopie von Deutschland ohne Hitler. In dieser Fiktion lässt er sich zu der These hinreißen, ohne Hitler hätte es weder Holocaust noch Zweiten Weltkrieg gegeben. Das hitlerfreie Deutschland führt nur einen kleinen Krieg mit Polen.

"Meinen Sie wirklich, ohne Hitler kein Holocaust?" - "Das ist meine feste Überzeugung. War Deutschland zur Barbarei verdammt? Ich sage Nein." Verdammt nicht. Aber auch nicht verführt vom Dämon Hitler. Wer die Nazi-Barbarei auf die Verkorkstheit eines einzigen Individuums reduziert, spricht ihm alle Verantwortung für die Verbrechen zu. Und befreit damit Deutschland und alle kollaborierenden Mächte vom Großteil ihrer Schuld. Diesen Vorwurf hat Schmitt noch nie gehört. Schnell echauffiert er sich. Ihm sei es gerade darum gegangen, dass jeder von uns Hitler werden könne. Er zischt: "Man ist nahe bei Hitler, wenn man aufhört, das Komplexe zu akzeptieren, um eine Lösung zu finden, einen Sündenbock." Aber genau das hat er getan: Schmitt hat Hitler zum Sündenbock für Holocaust und Zweiten Weltkrieg stilisiert. Wie in all seinen vorangegangenen Werken hat sich der notorische Dickbrettbohrer wieder ein Abiturthema herausgepickt und auf die wackeligen Planken seines Boulevardtheaters gebracht.

Obszöne und einträgliche Grusel-Quickies

Während die Geschichtswissenschaft schon seit über hundert Jahren versucht, Geschichte nicht mehr nur als Produkt der Taten und Untaten einiger weniger Mächtigen zu sehen, sondern als komplexes Zusammenspiel von Politik, Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Institutionen, tritt Schmitt hinter diese Entwicklung und führt die gesamte Nazi-Barbarei auf die Figur von Hitler zurück. Obwohl er mit seinem psychologisierenden Roman den "Führer" entdämonisieren wollte, hat er genau das Gegenteil erreicht: Wieder steht Hitler als Dämon da, der Europa in die Apokalypse führt. Plötzlich sind die Deutschen nicht mehr Täter, sondern Opfer. Ich bin’s nicht, Adolf Hitler ist’s gewesen. Jahrzehntelang war das die windige Entschuldigung der Großväter. Das Verdienst der 68er Bewegung war es, sich gegen genau dieses Geschichtsbild aufgelehnt zu haben. Und nun konstruiert ein französischer Autor mit elsässischer Großmutter und deutschem Nachnamen einen 500-seitigen Bestsellerkandidaten daraus.

In seiner ungenierten Verwertung des Nazi-Horrors folgt Schmitt einem aktuellen Trend in der ulturindustrie. In jüngster Zeit finden sich in allen Kunstformen immer mehr Beispiele für ein Phänomen, das der Historiker Wulf Kansteiner treffend als "Geschichtspornografie" bezeichnet hat. Spielbergs "Schindlers Liste" gehört ebenso dazu wie Hirschbiegels "Der Untergang" oder Guido Knopps Historien-TV. Das Dritte Reich ist offensichtlich schon so fern, dass die Scham sinkt, seine Grauen nun einfach als sicheren Garant für die stärksten Publikumsemotionen zu missbrauchen. Die Verbrechen der Großväter werden zum Abenteuerersatz ihrer Enkel. So wird neben Schmitts Nazi-Kitsch im Februar 2008 auch die deutsche Übersetzung des französischen Bestsellers "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell erscheinen. Der über tausendseitige französische Mega-Seller, für dessen Rechte der Berlin Verlag auf der Frankfurter Buchmesse 2006 die Rekordsumme von 450.000 Euro zahlte, präsentiert sich als die Lebenserinnerungen eines fiktiven schwulen SS-Obersturmbannführers, der seine Hegel-Lektüre nur unterbricht, um Juden zu schlachten. Diese manipulativen Nazi-Horror-Picture-Shows ringen dem Grauen des Faschismus keine neuen Erkenntnisse ab - wie auch? Es ist unfassbar -, sondern missbrauchen es, um beim Publikum eine schnelle und oberflächliche Erregung zu erzeugen. Auch Schmitts Hitler-Schocker ist auf solche obszönen und einträglichen Grusel-Quickies aus. Schmitt wünscht sich eine Debatte anlässlich der deutschen Veröffentlichung seines Romans. Das ist der einzige Punkt, in dem man ihm uneingeschränkt beipflichten kann. Selbst wenn das vor allem die PR-Abteilung in Schmitts Stadtpalais freuen wird.

print