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Frankfurter Buchmesse: "Wir schlachten keine Menschen"

Vir Sanghvi ist Herausgeber der Hindustan Times, Fernsehmoderator und Buchautor. Mit stern.de sprach er über die Hintergründe des indischen Wirtschaftswunders und über die Eigenarten seines Landes.

Von Andrea Ritter

Herr Sanghvi, Sie haben viel über die rasche Entwicklung Indiens zu einer starken Wirtschaftsnation geschrieben. Sie erwähnen dabei aber auch, dass Indien unmittelbar nach seiner Unabhängigkeit von England im Jahr 1947 sehr nah dran war, in Armut und Korruption zu versinken - so wie viele afrikanische Staaten nach der Kolonialzeit. Was ist anders in Indien? Was hat das Land vor einem solchen Schicksal bewahrt?

Indien hatte den großen Vorteil, eine funktionierende Demokratie etablieren zu können - was in den meisten afrikanischen Staaten leider noch nicht gelungen ist. Anfangs gab es große Schwierigkeiten, aber etwa seit den 1980er Jahren erkannten besonders die Menschen am Rande der Gesellschaft, dass das demokratische System ihnen entgegen kommt - und die breite Masse begann, die Demokratie zu unterstützen. Bis vor wenigen Jahren konnte man zwar immer noch Stammtischforderungen nach einem starken Herrscher hören, aber inzwischen ist das vorbei. Es ist also eine Kombination aus Demokratie, Wirtschaftswachstum durch freie Marktwirtschaft und dem starken Streben danach, eins mit der Welt zu sein - das hat den Wandel für Indien beeinflusst.

War Indien auf die Demokratie besser vorbereitet als andere Ex-Kolonien?

Darüber habe ich lange nachgedacht. Weil man sagen könnte: Wir wurden von den Briten kolonisiert, die ein demokratisches System haben, deshalb hat es bei uns funktioniert. Aber in Afrika gab es auch britische Kolonien - und da funktionierte es nicht so reibungslos. Pakistan und Bangladesh gehörten früher auch zu Indien - aber ein demokratisches System hat trotzdem nicht funktioniert und nun herrscht dort quasi eine Militärdiktatur. Es muss also andere Gründe geben, und die liegen auch in der indischen Armee. Sie hat nie politische Macht ergriffen. Selbst wenn es Unruhen gab, hat das Militär nie die Führung übernommen. Warum das allerdings so ist - ich weiß es nicht. Das ist eines der großen Rätsel.

Sie sprechen auch von dem großen Optimismus, der sich durch breite Bevölkerungsschichten Indiens zieht. Worauf basiert er?

Zu einem großen Teil basiert er natürlich auf dem wirtschaftlichen Aufschwung, der wiederum die soziale Gerechtigkeit beeinflusst hat. Indien ist eines der kompliziertesten Länder was Minderheiten, Kasten und soziale Unterschiede angeht. Früher war die soziale Ordnung vorbestimmt: Wenn man in einer Kaste geboren wurde, folgte man dem Lebenslauf, der durch diese Kaste vorbestimmt war. Jetzt ist das nicht mehr so. Das soziale System ist beweglicher geworden, und das ist natürlich ein Verdienst der Demokratie. Bei den Wahlen ist die Stimme eines Millionärs genauso viel wert wie die Stimme eines Schuhputzers - und das ist gut. Allerdings gab es in den vergangenen zehn Jahren eine explosionsartige Bildung kastengebundener Parteien, was wiederum ein großes Problem ist. Wenn jede Kaste eine Partei hat, die sich um ihre jeweiligen Belange kümmern will, hindert das die indische Demokratie letztlich daran, sich voll zu entfalten, weil es zu kleinteilig wird.

Ist der Optimismus längerfristig gerechtfertigt?

Nun, er ist immer noch ausbaufähig. Indien ist Rekordmeister darin, sich sehr schnell an wechselnde Verhältnisse anzupassen. Wir sind sicher noch nicht so stark wie die Chinesen, wenn es darum geht, ausländische Investoren in das Land zu holen. Aber wenn man jetzt mal von China absieht, hat kaum ein anderes Land ein so großes wirtschaftliches Potenzial wie Indien. Und eigentlich ist Indien auch ganz zufrieden damit, hinter China zu liegen, denn immerhin respektieren wir demokratische Rechte, wir unterdrücken keine Kulturen und schlachten keine Menschen ab. Der Optimismus ist gerechtfertigt, weil er auf zwei Pfeilern ruht: Der verbesserten Wirtschaftslage und der sozialen Gerechtigkeit.

Sie würden also nicht sagen, dass Indiens gegenwärtiger wirtschaftlicher Aufschwung von den Entwicklungen in den westlichen Ländern abhängt?

Nein. China ist beispielsweise komplett abhängig von ausländischen Investoren. Dass es in Indien nicht so viel ausländische Investoren gibt, ist so gesehen sogar ein Vorteil, weil das Land sich um wirtschaftliche Unabhängigkeit von ausländischen Märkten bemühen musste.

Aber momentan basiert Indiens Aufschwung doch zu einem großen Teil darauf, dass westliche Firmen bestimmte Abteilungen dorthin ausgelagert haben, weil es extrem günstig ist. Teile der Produktion zum Beispiel, oder die berühmten Call Center, die in den vergangenen Jahren einen ganz neuen Markt geschaffen haben.

Der Outsourcing-Bereich wächst in der Tat sehr schnell. Aber prozentual macht er nur einen sehr geringen Teil der Gesamtwirtschaft aus. Dieser Bereich bekommt mehr Aufmerksamkeit, als er verdient hat. Wenn morgen alle Call Center schlössen und es auch sonst kein Outsourcing mehr gäbe, wäre das in einigen Städten ein Problem. Auf die indische Wirtschaft insgesamt hätte das jedoch keine Auswirkungen. Im Moment ist das eher ein Medien-Phänomen als ein wirtschaftliches.

Momentan scheint Indien ein strahlender Gewinner der Globalisierung zu sein. Doch davon profitiert nur ein Teil der Bevölkerung - was ist mit den anderen? Wird die Kluft zwischen reich und arm nicht einfach größer?

Nein, er wird geringer. Das belegt der UN-Index der Einkommensverteilung. Aber Sie haben Recht, was bestimmte Sektoren angeht - vor allem in der Landwirtschaft kommen die positiven Auswirkungen der Globalisierung nicht zum Tragen. Das ist eine große Tragödie; hunderte Bauern haben in den vergangenen Jahren Selbstmord begangen, weil sie kein Geld haben, um Pacht für die Ländereien zu zahlen zum Beispiel. Da muss sich eine Menge ändern. Sie müssen die Möglichkeit bekommen, Kredite aufnehmen zu können, damit sie nicht länger von lokalen Geldverleihern abhängen, die sie unterdrücken. Die vorherige Regierung hatte den Slogan "India is shining", aber der richtete sich vor allem an die städtische Mittelschicht. Die jetzige Regierung hat jedoch erkannt, dass Indien eben nicht aus dieser Bevölkerungsschicht allein besteht, sondern dass die Vorteile der Globalisierung auch die normale Bevölkerung auf dem Land erreichen müssen. Sie haben Sozialprogramme auf den Weg gebracht, die sich um die Landbevölkerung kümmern, damit kein Ungleichgewicht zustande kommt, wenn große Firmen sich nur in großen Metropolen ansiedeln. Das versuchen wir zu vermeiden.

Indien hat in der Vergangenheit viele unterschiedliche wirtschaftliche Systeme durchlaufen - und scheint sich sehr gut an Veränderungen anpassen zu können. Woran liegt das? Gibt's da etwas Spezielles in der indischen Mentalität?

Ja, ich glaube, Inder sind tatsächlich sehr geduldig und tolerant - vielleicht hilft das? Wir hatten aber auch über 2000 Jahre Zeit, Toleranz zu lernen. Wir wurden ständig erobert, von Alexanders Griechen über die Moslems bis zu den Moguln. Wer auch immer Indien erobert hat, ist Teil des Ganzen geworden, und Indien hatte immer die Tendenz, fremde Einflüsse zu akzeptieren statt sie zu bekämpfen. Es gibt also eine spezielle indische Art, die auf Geduld basiert. Vielleicht hat der Hinduismus was damit zu tun. Die Religionen aus dem mittleren Osten - also das Judentum, das Christentum und der Islam - gehen die Dinge sehr forsch an, während die aus Indien kommenden Religionen wie Hinduismus und Buddhismus sehr passiv sind.

Sie sagen, dass Indien mit all seinen unterschiedlichen Religionen, Sprachen und Traditionen eher mit Europa vergleichbar sei als mit dem amerikanischen "melting-pot". Gibt es etwas, dass die Europäische Union von Indien lernen kann?

Leute aus Europa fragen mich immer wieder: "Wie kriegt Indien das hin, mit seiner Heterogenität umzugehen? Warum haben wir damit so viele Probleme?" Ich habe das Gefühl, dass die Globalisierung in Europa zwei Dinge hervorgebracht hat: Angst vor billigen chinesischen Waren. Und Angst vor muslimischen Einwanderern. Europa hat große Schwierigkeiten mit seiner Vielfältigkeit umzugehen. Indien hat da einfach schon mehr Übung. Außerdem war Europa immer überwiegend christlich und nie besonders gut darin, mit religiösen Minderheiten klar zu kommen. Es gab in Europa immer das Antisemitismus-Problem, auch schon vor dem zweiten Weltkrieg und nicht nur in Deutschland. Europa kommt mit unterschiedlichen Einflüssen zurecht, wenn sie christlich sind, aber mit Multireligiösität hat es Schwierigkeiten - während wir immer eine multireligiöse Gesellschaft waren. Dafür muss man hart arbeiten, aber es geht.

Haben Sie andererseits das Gefühl, dass die Kluft zwischen dem Islam und anderen Religionen auch in Indien wieder größer wird - als eine Folge dessen, was im Irak und in Afghanistan passiert?

In Kaschmir haben wir jetzt seit 20 Jahren ein Fundamentalismus-Problem. Doch der durchschnittliche indische Muslim identifiziert sich nicht mit Muslims in Kaschmir. Weil der Kaschmir-Konflikt politisch ist und nicht religiös. Die indischen Muslime wurden dadurch nicht radikalisiert. Aber jetzt, seit dem "Krieg gegen den Terror" und der amerikanischen Haltung dem Islam gegenüber fühlen sich auch die Muslime in Indien unterdrückt - und das führt zu einer stärkeren Radikalisierung, die ich, offen gesagt, sehr beunruhigend finde für die Zukunft. Ich meine, wenn man zurück blickt, wird Ronald Reagan als der Mann in Erinnerung bleiben, der den Kalten Krieg beendet hat. Und George Bush wird der Mann sein, der einen neuen Kalten Krieg angefangen hat - gegen den Islam.