Gay Talese Blut und Ehre


Neugierig auf die Paten des "Paten"? Das Mafiaporträt des amerikanischen Journalisten Gay Talese ist nicht nur spannend, sondern auch noch wahr.
Von Stephan Maus

Die Macht der Mafia ruht auf jenem Gesetz des Schweigens, das die Paten Omertà nennen. Als Erster knackte der amerikanische Journalist Gay Talese diesen Kodex. Mitte der 60er Jahre gewann er das Vertrauen von Bill Bonanno, dem Sohn des berühmt-berüchtigten New Yorker Mafiabosses Joseph "Joe Bananas" Bonanno. Es war die Zeit, als Bonannos 450 Mann starke Verbrecherorganisation sich gerade in einem blutigen Krieg gegen rivalisierende Familien aufrieb. Erst traf Talese Bill in Restaurants, wo immer ein Tisch für den Juniorpaten frei war. Doch bald schon lud der Mafioso den Journalisten zu sich nach Hause ein. In Bonannos Haus auf Long Island stolperten die Kinder morgens über schlafende Bodyguards. Talese erlebte eine Familie in permanentem Ausnahmezustand. Sechs Jahre recherchierte er im Herzen des Verbrechens und reiste sogar zu den Wurzeln der Bonannos nach Sizilien.

Taleses journalistisches Programm war ehrgeizig: "Ich möchte die fiktionale Strömung unter dem Strom der Wirklichkeit aufspüren." Wie ließe sich eine solche Vision besser verwirklichen als bei einer Mafiarecherche? Taleses 1971 erschienenes und jetzt neu aufgelegtes Buch liest sich wie klassischer Tragödienstoff. Es scheint, als hätten die italienischen Einwanderer die antiken Dramen aus ihrer sizilianischen Heimat nach New York importiert.

Da Bonanno jr. entweder auf der Flucht oder im Gefängnis war, finanzierte Talese Bills Kindern mit seinen Bucherlösen die Ausbildung. Für Bill Bonanno war die Mafia am Ende ein überholter feudaler Lebensstil, den nur noch senile Senioren praktizieren, die allein von TV-Serien wie "Die Sopranos" am Leben gehalten werden.

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