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Interview

"They Called Us Enemy": George Takei: Vielfalt, nicht Rassismus, ist die Stärke der Menschheit

Als Kind japanischer Abstammung musste George Takei während des Zweiten Weltkriegs in den USA mit seiner Familie in ein Internierungslager – für insgesamt vier Jahre lebte er hinter Stacheldraht. Diese Zeit seines Lebens erschien nun als Graphic Novel.

George Takei sagt im September 2019 bei den 45. Saturn Awards im Avalon Theater in Los Angeles mit dem Vulkaniergruß seines "Star Trek"-Kollegen Mr. Spock Hallo

George Takei sagt im September 2019 bei den 45. Saturn Awards im Avalon Theater in Los Angeles mit dem Vulkaniergruß seines "Star Trek"-Kollegen Mr. Spock Hallo

Getty Images / AFP

"Ich neige dazu abzuschweifen, setzen Sie mir Grenzen!", warnt George Takei in einem Zoom-Videocall, der auf 30 Minuten begrenzt ist. Bei dem Mann, den "Raumschiff Enterprise"-Fans als den Navigator Lieutenant Hikaru Sulu kennen, der an der Seite von Mr. Spock, Scotty und Uhura im Jahr 2200 unter dem Kommando von Captain Kirk durch die unendlichen Weiten des Weltraums flog, ist es 10.30 Uhr morgens, er lebt in Los Angeles.

Anlass dieses Gesprächs ist sein neuestes Buch, das just als Graphic Novel erschienen ist, "They Called Us Enemy". Es erzählt von der Kindheit des heute 83-jährigen Amerikaners, von jenen Jahren nach dem 7. Dezember 1941, als die Japaner Pearl Harbour angegriffen haben. Das war der Tag, nach dem plötzlich alle in den USA lebenden Menschen japanischer Abstammung zum Feind des Landes erklärt worden sind. Mehr als 120.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen und wurden an Orte transportiert, die Takei Konzentrationslager nennt. "Dabei sind nach Pearl Harbour alle jungen Japaner genau wie alle jungen Amerikaner zu den Rekrutierungsstellen gelaufen, um sich freiwillig beim US-Militär zu melden. Es war ein patriotischer Akt, der mit einem Schlag ins Gesicht beantwortet worden ist."

Cover

"They Called Us Enemy – Eine Kindheit im Internierungslager" von George Takei, Justin Eisinger, Steven Scott und Harmony Becker (Illustration), Cross Cult, 208 Seiten, 25 Euro, hier bestellbar.

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Kindheit hinter Stacheldraht

George Takei war damals fünf Jahre alt. "Ein Kind!", sagt er. "Und plötzlich Enemy Alien." Dass seine Mutter in Sacramento zur Welt und sein Vater bereits als Kind nach Amerika gekommen und dort aufgewachsen war, spielte keine Rolle. Es gab kein Gerichtsverfahren, kein Urteil. "Das einzige Verbrechen, das wir begangen haben, war, dass wir aussahen wie die Leute, die Pearl Harbour bombadiert hatten." Takei zeigt auf seine Augen, als er das sagt. "Die USA waren auch mit Deutschland und Italien im Krieg, aber den Menschen konnte man ihre Herkunft nicht ansehen." Der Kampf gegen Rassismus prägt Takeis Leben bis heute.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Takei vor allem damit, seine Social-Media-Popularität für seine politischen Ziele zu nutzen. Er macht sich über den US-Präsidenten Donald Trump lustig und teilt über sein Format "Oh Myyy!" auf allen Kanälen von Youtube bis Facebook Inhalte, die ihn bewegen. Mehrere Millionen Fans folgen ihm in den sozialen Medien, was seinem Engagement als Aktivist große Reichweiten verschafft.

Die Deportation beginnt

Die Familie musste, wie alle anderen Betroffenen, ihr Haus verlassen, der Vater, der ein Reinigungsgeschäft betrieb, musste es aufgeben. Das Auto konnte er noch für fünf Dollar verkaufen. "Das war besser, als es einfach irgendwo stehen zu lassen", sagt Takei. Soldaten kamen, um die Eltern mit ihren drei Kindern abzuholen, Takeis Bruder war vier, seine Schwester noch ein Baby. Mit sich nehmen durften sie nur, was sie tragen konnten. Mit vielen anderen Japanern mussten sie in L.A. in einen Zug steigen und wussten nicht, wohin sie gebracht werden würden. Vier Tage lang würden sie unterwegs sein.

Die Familie sitzt nebeneinander im Zug, die Eltern schauen besorgt

Eine Reise in eine ungewisse Zukunft

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Illustration eines Zuges, der Japaner und eines Soldaten

Ein Soldat befiehlt den Menschen, wieder einzusteigen

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Das erste Ziel war das Internierungslager Rohwer im Südosten von Arkansas, knapp 3000 Kilometer von L.A. entfernt, Luftlinie. Obwohl sich die Familie ein Zimmer in einer Baracke teilen musste, in der keine Möbel standen und für die der Vater erst Armeepritschen organisieren musste, damit sie Betten hatten, fühlte Takei sich dort wohl. Für den Fünfjährigen erscheinen die anderthalb Jahre dort wie ein Abenteuer. "Es war ein feuchtes Klima, wie im Sumpf. Man hörte draußen die Tiere komische Geräusche machen. Eine Junge erzählte mir, das seien Dinosaurier."

"Rohwer habe ich in bester Erinnerung", sagt er. Sein Vater hatte sich schnell zurechtgefunden ein gutes Verhältnis zu dem Leiter des Camps. So konnte er sich eines Tages einen Jeep ausleihen. "Wir machten einen Ausflug – außerhalb des Stacheldrahtzauns!", erzählt Takei. "Wir fuhren zu einer Schweinefarm, ich dachte erst, das wären die Dinosaurier. Es waren die größten, stinkigsten und hässlichsten Tiere, die ich je gesehen hatte!"

Ein schicksalhaftes Formular

Weil die USA militärischen Nachwuchs brauchte, mussten die Eltern einen "Loyalitäts"-Zettel ausfüllen, der über ihr weiteres Schicksal entscheiden sollte. Sie sollten darin zwei Fragen beantworten: Würden sie für die USA in den Kampf ziehen? Und: Würden sie dem japanischen Kaiser in keiner Weise treu sein? Da Takeis Eltern beide Fragen unsinnig und auf ihr Leben nicht zutreffend fanden, verneinten sie sie. "Wir waren Amerikaner, für uns gab es keine Loyalitätsfrage!", empört sich Takei. Ihre Antworten aber machte seine Eltern zu sogenannten "Nein-Neins", auf die ein neues Lager wartete. Im Mai 1944 ging es für die "Illoyalen" nach Nordkalifornien.

Statt von einem war das Lager Tule Lake von drei Stacheldrahtzäunen umgeben, 18.000 Menschen waren dort untergebracht. Die Soldaten waren nicht zu Scherzen aufgelegt, sondern kampfbereit. Auf den Wachtürmen gab es Maschinengewehre, sechs Panzer patrouillierten um das Gelände. "Panzer gehören in den Krieg und nicht an einen Ort voller unschuldiger Amerikaner!", schimpft Takei. "Manche Inhaftierte haben sich deswegen radikalisiert und marschierten um den Block. Ich bin von ihren 'Wah Shoi'-Rufen aufgewacht." Daraufhin wurden Baracken, meist mitten in der Nacht, gestürmt – und oft die Falschen festgenommen. "Frauen und Kinder haben geschrien, der ganze Aufruhr war furchterregend." Nicht ohne Grund beschäftigt Takei dieses Kindheitstrauma bis heute.

Takei blickt in einer Illustration über seine Schulter

Kindheitstrauma Konzentrationslager: George Takei beschäftigen seine Erlebnisse als Kind bis heute

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Aufklärung für die heutige Jugend

2017 hat Takei am Broadway ein Musical aufgeführt hat, "Allegiance". Junge japanische Amerikaner sind im Anschluss hinter die Bühne gekommen und wussten "nichts über die Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs in Internierungslagern inhaftiert worden waren", nicht einmal, wenn ihre eigenen Angehörigen betroffen gewesen waren. In den Familien wurde das Thema ausgespart, es war zu schmerzlich. Takeis Vater allerdings war eine Ausnahme und diskutierte nach ihrer Heimkehr nach L.A. nach dem Abendessen gern und oft mit seinem Sohn darüber, wie wenig verfassungskonform das Vorgehen damals war.

Takei hofft, mit seiner biografischen Graphic Novel auch junge Menschen zu erreichen, die von dem Unrecht an Japern während des Zweiten Weltkriegs noch nie gehört haben. Es soll ihnen zeigen, dass das aktuelle Vorgehen Trumps gegen Menschen aus Mittel- und Südamerika und auch etwa gegen Muslime ebenso vorurteilsbehaftet und unethisch ist, wie der Rassismus vor 80 Jahren.

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"Das Raumschiff 'Enterprise' war eine Metapher für das Raumschiff Erde"

Der Produzent Gene Roddenberry nutzte das Fernsehen mit "Star Trek" bereits für eine solche Aufklärung, sagt Takei. Während ansonsten nur Game Shows und Werbung liefen, zeigte er mit seiner Science-Fiction-Serie, worin das Vermögen der Menschheit liegt. "Das Raumschiff 'Enterprise' war eine Metapher für das Raumschiff Erde und ihre Stärke bestand darin, Vielfalt zusammenzubringen. Wir nannten es IDIC, infinite diversity in infinite combinations. Man sah es an der Besatzung: In den 1960er Jahren gehörte eine afrikanische Frau zum Führungsteam oder auch Sulu, ein asiatischer Mann. Zudem war es die Zeit des Kalten Krieges und wir hatten einen Russen, der stolz auf seine Herkunft war und mit russischem Akzent sprach. Der Captain war Nordamerikaner und Europa wurde durch einen schottischen Ingenieur repräsentiert. Und ein Teil davon zu sein, machte mich sehr, sehr stolz."

Unmittelbar nach der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten gewinnt die Haltung Roddenberrys und Takeis auch viele Jahrzehnte später wieder an Aktualität. Und die fesselnde Lektüre von "They Called Us Enemy" lohnt sich nicht nur für Amerikaner.