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Harry Mulisch: Der "Entdecker des Himmels" wird 80

An Ruhm und Erfolg mangelt es dem niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch sicher nicht. Im In- und Ausland regnete es Auszeichnungen für den Autor von Romanen wie "Der Anschlag" und "Die Entdeckung des Himmels", der jetzt 80 wird.

Die vielen Orden, darunter das Bundesverdienstkreuz, bewahrt Mulisch nach eigener Aussage in einer Art Schuhkarton auf. Andere Ehrungen hängen bei ihm zu Hause in einer Ecke, von der nur Freunde wissen. Für eine Urkunde ist dort wohl noch Platz: Mulisch eiferte schon im jugendlichen Alter Nobelpreisträgern nach, bekannte er in einem Interview - auf diese Würde musste er allerdings bislang verzichten. Mehrfach galt er als "heißer" Anwärter auf den Literaturnobelpreis, doch die schwedische Akademie entschied sich stets für andere. Wenn er ihn bekäme, sagte er, "dann wäre das in den Niederlanden ein nationaler Feiertag".

"Ich bin der Zweite Weltkrieg, diese Zeit steckt mir im Blut"

Mulischs Mutter Alice Schwarz war Jüdin, sein Vater ein aus dem Sudetenland stammender ehemaliger Offizier, der in die Niederlande ausgewandert war. 1936 ließen sich die Eltern scheiden. Während der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg arbeitete der Vater für eine Bank, die mit beschlagnahmtem jüdischen Eigentum arbeitete. Dank seiner Position konnte er seine frühere Frau und den bei ihm lebenden Sohn vor der Deportation bewahren. Mulisch fasste die Kindheit in dem Satz zusammen: "Ich bin der Zweite Weltkrieg, diese Zeit steckt mir im Blut."

In seiner Kindheit und Jugend zog der in Haarlem geborene Mulisch häufig um. Er war kein Musterschüler, interessierte sich aber sehr für die Wissenschaft - eine Leidenschaft, die er bis heute pflegt und die sich auch in seinen Werken ausdrückt. Molekularbiologe wolle er am liebsten werden, sagte er in seinem Dankeswort für die Ehrendoktorwürde der Universität von Amsterdam.

Und doch zog es ihn schon früh zur Schriftstellerei. 1937 schrieb er die Erzählung "Wie Jan geheilt wurde" und schickte sie an das Kinderwochenblatt "Doe mee" ("Mach' mit") - jedoch noch ohne Erfolg. Mit 19 Jahren veröffentlichte er eine Geschichte in der niederländischen Wochenzeitung "Elsevier". 1951 erschien sein Debütroman "Archibald Strohhalm".

"Die Entdeckung des Himmels" ist der teuerste Film der Niederlande

Mit vielen weiteren Werken machte er sich in der Heimat rasch einen Namen, doch im Ausland blieb er lange unbekannt. "In den Niederlanden bin ich weltberühmt", kommentierte Mulisch. Der internationale Durchbruch kam 1983 mit "Das Attentat", einem Roman über eine Vergeltungsaktion der Deutschen nach einem Anschlag. Knapp zehn Jahre später erschien "Die Entdeckung des Himmels", eine mystische und gesellschaftskritische Chronik der vergangenen Jahrzehnte. Der Roman wurde von Jeroen Krabbé in Szene gesetzt - im bis dahin teuersten niederländischen Film.

Die Erinnerung an Krieg und Nationalsozialismus hat auch Mulischs politisches Engagement geprägt. In den 60er Jahren orientierte er sich weit links und pries den kubanischen Revolutionär Fidel Castro. Von konservativer Seite wird er deswegen noch heute geschmäht, obwohl er sich inzwischen sehr zurückhält: "Ein Schriftsteller hat nur eine Aufgabe: Schöne Bücher zu schreiben", sagte er kürzlich dem "NRC Handelsblad".

Dennoch mischt sich der Senior weiter in die Politik ein. Im Wahlkampf des vergangenen Jahres unterstützte er die neu gegründete Partei für die Tiere. "Bei den anderen geht es vor allem ums Geld", stellte er fest. Aber Tiere, so befand der Besitzer eines Dackels, seien "heilig".

Thomas P. Spieker/DPA / DPA