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Hay-Festival: Das Literaturfestival im Nirgendwo

Was machen Jimmy Carter, Gore Vidal, Ian McEwan, Cherie Blair, John Irving und Salman Rushdie auf einem Feld in Wales? Die Antwort ist ganz einfach: Sie besuchen das Hay-Festival, das größte Fest für Buchliebhaber in der englischsprachigen Welt.

Von Cornelia Fuchs, Hay-on-Wye

Es ist mal wieder soweit. Die weißen Zelte sind errichtet vor den Toren der kleinen, 1300-Einwohner-Stadt Hay-on-Wye, die Parkplatzschilder sind angebracht und jetzt können die Menschenmassen kommen. 130.000 waren es im vergangenen Jahr. Dieses Jahr werden es noch mehr werden, wie es jedes Jahr mehr geworden - seit 21 Jahren.

Da hat Peter Florence das erste Mal die Idee gehabt zu diesem Fest der Bücher im Nirgendwo zwischen England und Wales. "So was kann nur an einem solchen Ort funktionieren", sagt er mit Bestimmtheit. Er muss es wissen, ein ähnlicher Versuch in London ist erst vor wenigen Jahren gescheitert. Florence glaubt, dass es dieses Nirgendwo braucht, um den Diskussionen, den Ideen Raum zu geben. "Wir hatten hier einmal an einem Abend Bob Geldorf, Karen Armstrong, Stephen Fry und noch ein paar anderen. Die kannten sich alle nicht - beim Abendessen haben sie dann angefangen zu reden und bis sieben Uhr morgens nicht mehr aufgehört." Bill Clinton hat das Festival mal das "Woodstock des Geistes" genannt, und so passend ist dieses Bonmot, dass es jetzt in keinem Bericht über Hay fehlen darf.

1987 kam Arthur Miller

Der erste große Literat, den Florence von der Idee begeistern konnte, über seine Bücher auf einer schlammigen Wiese zu dozieren, war 1987 Arthur Miller. "Oh, gee", sagte der in seinem tiefen, langgezogenen US-Amerikanisch, "klar komme ich, macht mehr Spaß, als nach London zu fahren."

Seitdem ist Hay für zwei Wochen im Mai das Pilgerziel für alle, deren wahrhaftiger Lebensinhalt die Bücher sind. Dabei gibt Peter Florence gerne zu, dass nicht er und sein Festival den Ort zur "Stadt der Bücher" gemacht haben, wie sich Hay auf Straßenschildern stolz selber nennt.

Hay war schon seit den 70er-Jahren voller Buch-Antiquariate. Drei Dutzend säumen die kleinen Straßen, vom Spezialisten für Fachliteratur über Bienen bis zum Mord- und Krimi-Buchladen. Wie Hay zur größten Buchsammlung Großbritanniens geworden ist, ist inzwischen eine eigene Legende. Ein etwas skurriler Mann namens Richard Booth kaufte vor mehr als drei Jahrzehnten das alte Kino in der im Abschwung befindlichen Stadt und verwandelte es in ein riesiges Bücherlager. Um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, und wohl auch, weil er einfach Spaß daran hatte, setzte sich Booth außerdem eine Krone auf und ritt auf einem stattlichen Roß durch die Strassen, den königlichen Staat von Hay ausrufend. Seitdem kann man in Booths Läden Pässe des Landes zu Hay kaufen, und Bilder von ihm auf seinem Pferd sind, wie kann es anders sein, auf alten, ausgeblichenen Buchtiteln in Schaufenstern zu bewundern.

Und wie es sich für einen König gehört, bevölkerte auch Booth die Stadt mit seinen Abkömmlingen. In seinem Fall waren es Angestellte, die ihre eigenen Buchläden eröffneten. An jeder Straßen-Ecke stehen Buchregale, nur wenig geschützt gegen die oft nicht besonders freundlichen Elemente. "Ehrlichkeits-Buchläden" werden diese improvisierten Antiquariate genannt. Wer ein Buch mitnimmt, zahlt 50 Pence in einen Briefkasten.

Bed&Breakfast-Zimmer schon Jahre im Voraus belegt

Ganz so unbedarft funktioniert das Hay-Festival am Rande der Stadt natürlich längst nicht mehr. Und auch Richard Booth ist inzwischen ganz ernsthaft geworden. In seinem großen, mit wunderbaren alten Fliesen ausgelegten Buchladen spielt zum Beispiel der alte Schachgroßmeister Boris Spassky gegen 20 Gegner gleichzeitig, Anmeldung vorher unerlässlich. Und die Bücher werden ganz ordentlich an einer Kasse bezahlt. Viele Veranstaltungen des Festivals sind schon Wochen im Voraus ausgebucht, die wenigen Hotel- und Bed&Breakfast-Zimmer im kleinen Ort sogar schon Jahre zuvor von regelmäßigen Besuchern belegt. Aber zum Glück gibt es rund um den Nationalpark Brecon Beacons in der Nähe von Hay genügend andere Unterkünfte. Der Höhepunkt des diesjährigen Festivals wird wohl die Lesung Jimmy Carters sein, er spricht über Konflikt-Lösungen und Menschenrechte. Auch Salman Rushdie wird wieder hier sein, wie auch schon 1989, dem Jahr, in dem der iranische Ayatollah Khomeini mit der Fatwa ein Todesurteil über Rushdie ausgesprochen zu haben schien. Rushdie musste aus der Öffentlichkeit verschwinden, wurde jahrelang rund um die Uhr bewacht.

Das Hay-Festival hat er auch in diesen Zeiten nicht verpasst. Er wurde zwar nicht offiziell angekündigt, aber dann stand er 1989 plötzlich in einem der Zelte, seine Bodyguards bewachten alle Ausgänge. Und dann sprach er über seinen Roman "Die satanischen Verse", in aller Ruhe auf einem Feld in Wales. Woanders, da hat Peter Florence wohl Recht, wäre das nicht möglich gewesen.