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Immanuel Kant: Zauber der Vernunft

Seine Ideen haben die Welt verändert, er selbst bewegte sich kaum aus seiner Heimatstadt Königsberg hinaus. Vor 200 Jahren starb Immanuel Kant - Aufklärer, Stubenhocker und keuscher Frauenliebling.

Von Gerda-Marie Schoenfeld und Ute Mahler (Fotos)

Was für eine romantische Verabredung. "Treffen wir uns abends bei Kant", schlägt der Professor vor. Dann steht er wartend und frierend vor der Universität in Kaliningrad: Leonard Kalinnikow, 67, Präsident der russischen Kant-Gesellschaft. Hinter ihm ragt auf einem Sockel, mit Gehrock und Spazierstock, der berühmteste Flaneur der Stadt: Immanuel Kant. Im Schnee sieht der gusseiserne Mann am hübschesten aus. Die winterliche Strenge steht ihm besser als ein heiterer Sommertag.

In dieser Woche, am 12. Februar 2004, ist Kants 200. Todestag. Der Philosoph, 1724 in Königsberg geboren, gilt als einer der größten Denker des Abendlandes. Lange vergessen, ungeliebt oder an den Rand gedrängt, wird er inzwischen international wiederentdeckt. Ein Glück, dass die nahe Königsberg geborene ostpreußische Gräfin Marion Dönhoff 1992 für ein neues Kant-Denkmal in Kaliningrad sorgte. Sonst stünde auf dem Sockel heute noch der deutsche Kommunist Ernst Thälmann. Und "Treffen wir uns bei Thälmann" ist einfach nicht sexy.

Seit mehr als vierzig Jahren beschäftigt sich Leonard Kalinnikow mit Kant. Seit zehn Jahren hat er ihn verstanden. Das ist ebenso ermutigend wie tröstlich. Denn kein Denker der Aufklärung hat seine Leser so ratlos gelassen und so gequält mit Endlosklammersätzen, Fußnoten und komplizierten Gehirnwindungen wie der große Königsberger. Seine wichtigsten Bücher, "Kritik der reinen Vernunft" von 1781 und "Kritik der praktischen Vernunft" von 1788, sind wahrlich keine Coffeetable-Books. Kants philosophisches Werk, so sein Biograf Manfred Kühn, "ist so kompakt, schwer verständlich und fachlich, dass es schwierig ist, es dem Durchschnittsleser näherzubringen." Das schreckt ab. Doch hat man sich erst mal durchgeackert, wird man belohnt mit verborgenen Schönheiten.

"Kant hatte eine außerordentliche Fantasie", so der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Kant-Forscher Volker Gerhardt, 59, Mitglied des Nationalen Ethikrates. Seit 1969 ist er intensiv mit Kant beschäftigt. 1974 glaubte er, er habe den Meister verstanden. Das war ein Irrtum. Denn Gerhardt fand immer wieder Neues. Auch nach 200 Jahren sei der Philosoph aus Königsberg ein Schatzkästlein für Politik und Wissenschaft; Ökonomen und Juristen "haben Kant nun als einen Vordenker des sozialen Liberalismus entdeckt". Einen radikalen Umstürzler nennt der Berliner Denker den berühmten Kollegen. Und: "Dass Moral bei Kant möglich ist ohne Religion, ist eine ganz große Errungenschaft der kritischen Philosophie."

Hochaktuell ist auch Kants berühmte Schrift aus dem Jahre 1784: "Was ist Aufklärung?" Den modernen Sozialpolitikern und ihrer internationalen Helferindustrie müssten die Ohren flattern, würden sie nachlesen, was der so weitsichtige Mann schon damals postulierte: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen... dennoch gerne zeitlebens unmündig bleibt; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein ... Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."

Das sitzt. Jedes Wort. Besser als der Kantsche kategorische Imperativ: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Das ist edel, aber sehr gravitätisch. Als volkstümliche Übersetzung mag durchgehen: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Also: Der Mann ist radikal, ein Aufsteiger aus dem Kleinbürgertum, kränklich, flachbrüstig, ein Genie. Aber ist er auch sympathisch? "Oh ja, Kant ist was fürs Herz", sagt Volker Gerhardt entschieden. Über Kant privat ist viel gelästert worden. "Die Lebensgeschichte des Immanuel Kant ist schwer zu beschreiben, denn er hatte weder Leben noch Geschichte", ätzte Heinrich Heine. Dabei hatte Kant durchaus ein dramatisches Leben. Allerdings im Kopf. Verheiratet war er nie, und vermutlich ist er jungfräulich gestorben. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Kant je eine unbekleidete Frau gesehen hat. Als ich die Frauen brauchte, konnte ich sie mir nicht leisten, und als ich sie mir leisten konnte, brauchte ich sie nicht mehr, soll er in seinen späteren Jahren gesagt haben.

Schon früh schrieb er: "Ich habe mir die Bahn vorgezeichnet, die ich halten will. Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen." Erstaunliche Sätze für einen mittellosen 22-Jährigen. Und so unendlich vernünftig. Da der Vater, ein Königsberger Riemermeister, zwar viele Kinder, aber kein Erbe hinterlassen hatte, beschloss der Sohn, sich eine Verfassung zu geben, und die hieß: keine Experimente. Kant hatte nie Sehnsucht nach Abenteuer, Grenzerfahrung, Absturz. Keine Sucht, die er sich erlaubt hätte. Keine Affäre, die ihn an den Rand des Abgrunds getrieben hätte. Ehepaaren gestand er selbstverständlich "den wechselseitigen Genuss der Geschlechtsteile" zu. Er selbst aber fürchtete offenbar, die Kontrolle zu verlieren über die "Hunde im Souterrain" (Thomas Mann). Und so blieb Kant keusch. Erst aus Not. Dann aus Neigung.

Das war höchst attraktiv

für die Königsberger Damen, die dem "eleganten Magister", der er inzwischen geworden war, nachstellten. Denn Kant, der Partylöwe, der charmante Dandy, galt als VIP in den Salons. Klein, ein bisschen verwachsen, Professor, berühmt, mit wachen blauen Augen und schnellem Witz, die Damen charmierend, aber jeden sexuellen Vollzug vermeidend; kein nackter männlicher Waschbrettbauch kann so erotisch sein wie die Kunst der Verweigerung bei Kant. Dem Nachwuchs riet er, von Quickys abzusehen. "Junger Mann! Dieses Kargen mit der Barschaft deines Lebensgefühls macht dich durch den Aufschub des Genusses wirklich reicher." Nein, homosexuell war er nicht.

Seine einzige große Liebe, die schöne Gräfin Keyserlingk, war für ihn aus Standesgründen unerreichbar. Kant blieb der Hauslehrer ihrer Söhne. Mag sein, dass der Kleinbürgersohn die preußische Klassengesellschaft verflucht hat, als die verwitwete Gräfin im Jahre 1763, Kant war gerade 39 Jahre alt und ihr täglicher Gast, erneut heiratete, selbstverständlich einen Grafen. Überliefert ist nicht, ob Kant diese Demütigung schmerzte. Wohl aber, dass die Gräfin ihm sehr zugetan war. In ihrem Salon war der Ehrenplatz an ihrer Seite stets für Kant reserviert. Bis zum Ende seines Lebens blieb sein Frauenbild geprägt von dieser gebildeten Aristokratin. Intellektuelle Frauen, die für ihn verfügbar gewesen wären, gab es in seinem Umfeld nicht. Ungebildete Frauen konnte er nicht ertragen. Also blieb der Philosoph allein - kein Sex, kein Stress, kein Grämen.

Dabei war "der König von Königsberg" keinesfalls der verstaubte schrullige Einsiedler, als der er häufig karikiert wurde. Seine lustige Herrenrunde war berühmt. Stets lud er die Honoratioren der Stadt zum Essen. Auf dem Gemälde von Emil Doerstling sieht man die Tischgenossen - alles Männer, sich interessiert einem einzigen Herrn zuwendend - dem Alpha-Tier Kant. Zudringliche Fragen nach seinem Intimleben fertigte der Hausherr mit einer flugs gebastelten hauseigenen Statistik ab, wonach Junggesellen länger leben als Ehemänner. Was in seinem Fall sogar stimmt, denn im 18. Jahrhundert betrug die durchschnittliche Lebenserwartung 50 Jahre. Er aber brachte es auf fast 80.

Dreißig davon teilte er mit seinem alten Diener Lampe. "Es ist Zeit", schnarrte der Soldat morgens um 4.45 Uhr. Wann immer Kant gequengelt haben mag, bitte noch einmal umdrehen, hatte Lampe den Auftrag, ihn aus dem Bett zu werfen. Ein glückliches Paar. Trotzdem feuerte Kant den Diener, als der sich eine Frau nahm, zu saufen anfing und den Haushalt verschlampte. Eine Entscheidung der Vernunft, gewiss. Und dennoch notierte Kant: "Der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden."

Das ist herzerwärmend von unserem Geistesriesen. Eher befremdlich sind hingegen seine Anmerkungen zu Juden, "Negern" und dem Rest der Welt. Kant, der Königsberg selten und Ostpreußen nie verlassen hat, aber begeistert Reiseberichte verschlang, hatte sich wie Karl May den Ruf eines Weitgereisten angelesen und schnatterte unbekümmert vom Italiener, der in "Ratzenlöchern" wohnt, vom "Neger, der faul, weich und tändelnd ist". Und der Indianer, "unfähig zu aller Kultur", stehe noch "tief unter dem Neger".

Und die Juden? Einerseits hatte Kant viele jüdische Studenten, die ihn verehrten und für die er sich einsetzte. Andererseits beschimpfte er Juden als "Vampyre der Gesellschaft", die noch nie ein "eigentliches Genie, keinen wahrhaft großen Mann" aufzuweisen hätten. Sie hätten alle nur "einen Judenverstand". Das entsprach dem gängigen Antisemitismus des 18. Jahrhunderts, schon gar im streng lutherischen Königsberg. Aber es fällt schwer, ausgerechnet ihm, dem Top-Denker der Aufklärung, hier einen Zeitgeist-Rabatt einzuräumen.

Dennoch war Kant kein Ideologe, es sei denn, ein Ideologe der Vernunft. Seine strikte Aufforderung "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" taugt nicht für Diktaturen. So ist es nicht überraschend, dass der echte Kant weder bei den Nationalsozialisten noch bei den Kommunisten eine sonderliche Rolle spielte. Und heute? Da leidet der russische Kant-Verehrer Leonard Kalinnikow, weil seine Russen, befreit von ihrer Diktatur, nicht zur Vernunft, sondern zu Gott zurückwollen. Die russische Gesellschaft, so Kalinnikow ärgerlich, "ist vor allem eine religiöse. Das ist jetzt wieder Mode." Betrübt fügt er hinzu, die Russen würden fünfzig weitere Jahre brauchen, "bis sie reif für Kant sind".

Kants Königsberg, seit 1946 Kaliningrad, ist heute eine seltsam verlorene, heimatlose Stadt voller Emigranten. Keine Oma auf der Straße, die hier geboren wurde. Nach der Vertreibung der Deutschen kamen die Russen, Weißrussen, Ukrainer, Aserbeidschaner, Litauer, viele von ihnen Kriegsopfer der Deutschen und dann von Stalin zwangsumgesiedelt.

Gnadenlos tilgte die Sowjetführung fast alle Spuren deutscher Architektur. Es wäre klüger gewesen, sie in Besitz zu nehmen. "Wir standen dabei und weinten, wenn ein schönes Haus gesprengt wurde", erinnert sich die Kaliningraderin Rimma Scheiderowa. Was die Vertreibung in den Seelen der Verlierer angerichtet hat, kann man in vielen deutschen Zeugnissen nachlesen. Aber was geschieht in den Seelen der Sieger, die sich auf eine Beute hockten, deren Vergangenheit und Kultur sie nicht teilen?

Mit den Identitätsproblemen der Sieger in einem fremden Land beschäftigt sich inzwischen auch die Kaliningrader Wissenschaft. Kant wüsste auch hier Rat, sagt Kalinnikow, der längst sein Herz an den legendären Philosophen verloren hat. "Er würde sagen: Die Russen dürfen sich nicht länger vor der Geschichte verstecken. Sonst sind sie ein verlorenes Volk. Und: Man muss kühn den historischen Namen der Stadt wiedergeben: Königsberg."
Die Aussichten dafür sind gering, aber es ist schon wahr: Kant in Königsberg, das ist was fürs Herz.