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Interview: "Ich lasse mich nicht beirren"

Er wird gefürchtet. Vergöttert. Verhöhnt. Und keiner kommt an ihm vorbei: Mit Leidenschaft und Strenge sagt Marcel Reich-Ranicki den Deutschen, was sie lesen sollen. Der Literaturpapst über die Macht der Bücher, die Schwächen der Kollegen und seine Lust zu telefonieren.

Herr Reich-Ranicki, auf der Buchmesse stellen Sie den zweiten Teil Ihres Literatur-Kanons vor - 180 deutsche Erzählungen. Dabei mussten Sie sich schon im vergangenen Jahr für Ihren Roman-Kanon als "Kulturkommissar" verspotten lassen. Sind Sie nicht belehrbar?

Ich bedauere es, dass Sie sich auf Äußerungen von Schwachsinnigen berufen. Ich bin belehrbar, aber ich lasse mich nicht beirren. Mein Kanon ist natürlich kein Gesetzbuch und keine Anordnung, vielmehr ein Hinweis, ein Vorschlag, eine Empfehlung.

Sind Erzählungen leichter unters Volk zu bringen als Romane? Immerhin sind sie kürzer.

Nicht doch: Erzählungen, zumal Kurzgeschichten sind schwieriger zu lesen, man muss sich viel mehr konzentrieren. Bei einem Roman können Sie auch mal 20 Zeilen verschlafen, der Autor sagt Ihnen in der Regel mehrmals, worum es ihm geht. Wenn Ihnen das bei einer Kurzgeschichte passiert, verstehen Sie vielleicht die ganze Erzählung nicht mehr.

Ohne Kanon, haben Sie gesagt, fallen wir zurück in die Barbarei. Warum hat uns dann die schönste deutsche Literatur nicht vor Auschwitz bewahrt?

Hitler wurde von der Mehrheit des deutschen Volkes gewählt, bewundert und geliebt. Aber die Mehrheit des Volkes liest keine Literatur, jedenfalls keine, die sich ernst nehmen ließe. So konnte die herrliche Literatur der Weimarer Republik mit Thomas Mann an der Spitze politisch nichts bewirken. Es gehört übrigens zu den Sünden der Literaturkritik, dass sie sich damals um die Trivialliteratur, beispielsweise die Romane der Hedwig Courths-Mahler, überhaupt nicht gekümmert hat. Man hätte zeigen müssen, wie das Zeug gemacht ist. Die Medizin kann auf die Stuhlgang-Analyse auch nicht verzichten.

Die Kritik muss auch Trivialliteratur besprechen?

Als ich Kritiker der "Zeit" war, 1960 bis 1973, habe ich mit dem Blatt vereinbart: Einmal jährlich rezensiere ich ein Buch der Trivialliteratur. Und das habe ich auch getan: ein Buch von Luise Rinser, von Hans Habe, von Willi Heinrich und dergleichen. Ich habe versucht zu erklären und nachzuweisen, wie diese Bücher gemacht sind. Es hat ja keinen Sinn zu sagen: Das ist Kitsch.

Ihr Kanon fällt in eine Zeit, in der die Deutschen erkennen, was sie alles nicht wissen. Wollten Sie vom Boom der Wissenssendungen und Quiz-Shows profitieren?

Der Gedanke, dass ich von einem Boom profitieren wollte, ist absurd. Immer schon war ich an den Lehrplänen für den Deutschunterricht in den verschiedenen Ländern interessiert. Alle Lehrpläne sind viel zu üppig. Dem Lehrer soll die Auswahl überlassen werden, das ist schon richtig. Nur hat es keinen Sinn, gleich 100 und noch mehr Titel zu nennen. Bisweilen wurden in den Ministerien ganze Namenslisten aus Lexika abgeschrieben, nicht selten übrigens Autoren, die in der Nazizeit besonders beliebt waren.

Wo würden Sie streichen?

Für die Schiller-Dramen muss man genug Zeit haben. Aber man kann und muss wohl auf "Die Jungfrau von Orleans" verzichten und auf "Die Braut von Messina", auch auf den "Fiesco". Hingegen sollte man den "Don Carlos" und den "Wallenstein" behandeln, auch "Kabale und Liebe", eventuell den "Wilhelm Tell", den man aber unbedingt als Drama über den politischen Mord deuten sollte. Von Goethe vor allem "Faust I", von Kleist "Der Prinz von Homburg" und mindestens zwei bis drei Erzählungen.

Welche Lyriker sollten behandelt werden?

Goethe, Heine und Brecht.

Alles andere ist verstaubt?

Ganz prinzipiell: Es gibt in jeder Epoche Autoren, die Wichtiges, Bedeutendes geleistet haben und die wir schätzen und bewundern sollen. Aber 50 oder 100 Jahre nach ihrem Tod sind sie meistens pass?. Da gab es nach dem Zweiten Weltkrieg das Theaterstück "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert, ein wichtiges, ein bedeutendes, ein überaus erfolgreiches Stück. Es wurde zu Recht an unzähligen deutschen Bühnen gespielt, es wurden überall Schulaufsätze über das Stück geschrieben. Alles war richtig, war nötig - nur, es war ein Stück dieser Zeit. Es hat gewirkt, 20, beinahe 30 Jahre, und dann war es, um es ganz krass und simpel zu sagen, überlebt.

In Ihrem Dramen-Kanon, den Sie sich als Nächstes vornehmen, wird das Stück nicht auftauchen?

Nein. Ich biete jetzt wie immer Angriffsfläche für all meine Feinde, die werden sich gleich darauf stürzen. Man kann sagen, ein guter Roman wirkt noch höchstens 50 Jahre nach dem Tod des Autors, aber nicht länger. Mit Ausnahme der genialen Romane. Das sind aber wenige.

Bei den Erzählungen ist Theodor Storm prominent vertreten. Dessen Klassiker wie "Der Schimmelreiter" hatten zwar in den 50er und 60er Jahren Riesenauflagen - sind aber heute kaum noch präsent. Und schon die Kritik zu Storms Zeiten schrieb von "provinzieller Husumerei".

Es fragt sich, ob das Provinzielle schlecht ist. Und der Storm steht ja auch für eine Zeit, zwischen 1850 und 1880, als die deutschen Schriftsteller ihrer Umwelt im Roman nicht mehr gewachsen waren. Und ich will Ihnen noch was sagen: Die Erzählung "Die Söhne des Senators" ist im Kanon, weil sie zeigt, wo Thomas Mann für seine "Buddenbrooks" gelernt hat.

Sie schließen auch Märchen mit ein. Die liest man als Kind und dann nie wieder. Das soll nicht verstaubt sein?

Es ist sehr gut möglich, dass heute einer ein Märchen von Wilhelm Hauff wie den "Kalif Storch" liest und merkt: Das ist ja eine Geschichte mit doppeltem Boden. Ein Gleichnis. Das habe ich als Kind nicht verstanden.

Sie fordern, dass Literatur unterhalten soll.

Viele greifen mich deswegen an: "Er will ja doch nur Unterhaltungsliteratur haben!" Ich bin schon müde, darauf zu antworten.

Was verstehen Sie denn darunter - simple Figuren, einfache Handlungen?

Das stimmt alles nicht. Ich habe nie Unterhaltungsliteratur gewünscht. Ich habe von der Unterhaltsamkeit der Literatur gesprochen. Unterhaltungsliteratur ist eine Literatur, die nur unterhalten will, dabei macht der Autor allerlei unwürdige Zugeständnisse. Unterhaltsam kann aber auch die größte Literatur der Welt sein: Der unterhaltsamste deutsche Roman, den ich kenne, sind die "Buddenbrooks".

Die schwer überschaubare Geschichte einer Lübecker Kaufmannsfamilie, ausgebreitet auf fast 800 Seiten - für viele Leser ist das harte Arbeit.

Die meisten Leute lesen lieber 800 als 200 Seiten! Und bei diesem Buch werden sie reich belohnt: Denn in den "Buddenbrooks" findet der Leser, wonach er bewusst oder unbewusst lechzt, was er braucht, was er will, wonach er sich sehnt: nämlich sich selber. Dazu: ein ungeheurer Reichtum an Figuren, und mehr: Die meisten sind sehr humorvoll dargestellt, sie werden verspottet, aber milde verspottet. Das ist von einem menschenfreundlichen Autor geschrieben, der für alle Figuren eine Schwäche hat. Wolfgang Koeppen hat mal gesagt: Der gute Schriftsteller muss sogar mit dem Henker Mitleid haben. Unterhaltsam sind Romane, in denen die Leute sich selber, ihre Welt, ihren Freundeskreis entdecken und in denen das alles nicht abstrakt gezeigt wird, sondern mit konkreten Figuren und Motiven.

Aber in der deutschen Literatur findet man das doch eher selten.

Sie haben Recht: Das Ausweichen in die Abstraktion ist eine der Krankheiten des deutschen Romans. Aber es geht auch anders: Ich habe mit meiner Frau nach unserer Flucht aus dem Warschauer Ghetto 1943 bei einem einfachen polnischen Setzer in einem Vorort von Warschau überlebt. Damals gab es öfter keinen Strom, dann saß man bei Karbid-Lampen. Und ich wurde gebeten, Geschichten zu erzählen. Da habe ich "Kabale und Liebe", diese wunderschöne Geschichte einer unmöglichen Liebe, erzählt. Ich habe den Namen Schiller überhaupt nicht erwähnt. Der Setzer hat zugehört und gesagt: "Weißt du, es ist unglaublich - was du erzählt hast, ist für mich so wichtig. Dieser Sekretär Wurm, dieser Intrigant, ich habe ihn gekannt, er war einer meiner Chefs, genauso einer wie der Wurm war mein Chef in der Druckerei - so ein Schweinehund."

Wie ist es denn in der Gegenwart um die schönen Geschichten bestellt?

Von 100 Büchern, die erscheinen, sind 98 schlecht. Das 99ste ist schwach. Und beim 100sten sind wir unsicher.

Nur bei "Harry Potter" scheinen sich die Leser sicher zu sein.

Halt, halt! Dazu kann ich nichts sagen. Ich habe nicht eine Zeile gelesen. Aber ich finde, es ist besser, die Leute lesen so einen "Harry Potter" als überhaupt nichts. Da können sie sich jedenfalls üben in der Kunst, Buchstaben zu lesen, und werden dann vielleicht - nicht gleich - zu, sagen wir, Joseph Roth kommen.

Ähnlich wie der polnische Setzer erkennen Sie sich in einer Erzählung von Thomas Mann wieder, die sich auch im Kanon findet: "Tonio Kröger".

Ja, das ist eine sehr persönliche Sache.

Kröger sagt, es würde ihn "glücklich machen unter Menschen einen Freund zu besitzen. Aber bislang habe ich nur unter Dämonen, Kobolden, tiefen Unholden und erkenntnisstummen Gespenstern, das heißt unter Literaten Freunde gehabt". Fühlen Sie sich da erkannt?

Im ganzen "Tonio Kröger". In dem Gefühl vor allem, ein Außenseiter zu sein. Dazu hatte ich nun in meinem Leben, in meiner Jugend, viel Anlass.

Kröger sagt am Ende: "Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim."

Ja.

Die Literatur gibt Ihnen keine Heimat?

Ich habe oft Heine zitiert: Die Juden hätten aus der Heiligen Schrift ein tragbares Vaterland gemacht. Und ich habe gesagt: Mein tragbares Vaterland ist die deutsche Literatur. Aber es ist doch nur ein Ersatzvaterland. Und glücklicher sind jene, die sagen können: Mein Vaterland ist die Mark Brandenburg.

Die Hingabe zur Literatur erzeugt ein merkwürdiges Bild von Ihnen. Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa schrieb: "Wenn er spricht, wird er großherzig, wenn seine Gedanken um Menschen kreisen, werden sie kalt, bisweilen eisig."

Er kennt mich doch gar nicht. Dass ich über Menschen eisig schreibe ... die Leute haben gesagt, die Schilderung in meiner Autobiografie, wie ich meine künftige Frau kennen gelernt habe, sei ein großer Liebesroman.

Fühlen Sie sich verkannt?

Alles in allem: Nein.

In Ihrer Autobiografie hätte man dennoch gern mal gelesen, wie Sie sich ein fünfgängiges Abendessen schmecken lassen.

Sie berühren da eine Sache, die schon oft zu Streit mit meinen Bekannten führte. Mich interessiert das Essen nicht. Ein Freund von mir, der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, konnte mit dem Auto vier Stunden fahren von der Schweiz zu irgendeinem Ort in Italien, weil es da einen bestimmten Fisch gibt. Ich würde nicht fünf Minuten irgendwohin fahren, weil es da einen bestimmten Fisch gibt. Ich muss diesem Terror nicht unterliegen. Ich habe wohl über den Hunger im Ghetto geschrieben, aber ein dolles Steak - das ist nicht meine Sache.

Was ist denn Ihre Sache? Was möchten Sie beweisen?

Dass gute Literatur die Vielseitigkeit der Welt zeigt. Ich möchte den Lesern erklären, warum bestimmte Bücher gut und schön sind. Ich weiß, dass viele Millionen Menschen sagen, das Leben wird reicher und schöner durch Fußball. Ich habe ja nichts dagegen - aber Literatur kann das auch. Und mit dem "Beweisen" ist es so eine Sache: Mein Sohn erzählt gern die Geschichte von jenem Mathematiker, den man in Goethes "Iphigenie" geführt hat und der nachher sagte: "Na, ja, das ist nicht schlecht, aber was beweist das?"

Ihr Sohn Andrew ist Professor für Mathematik in Edinburgh. Interessiert er sich für Literatur?

Ja. Aber seine Leidenschaft ist schwierige Mathematik: Topologie. Ich habe nie genau verstanden, was er macht. Als ich jünger war, bat ich ihn, mir zu erklären, was Topologie ist. Da hat er gesagt: "Wie viel Zeit hast du? Bis du es begreifst, dauert es etwa drei Monate."

Versteht er Ihre Begeisterung?

Na, ja. Ich habe mal über eine Schiller-Ausgabe geschrieben: Diese fünf Bände nehmen auf dem Regal 13 Zentimeter Platz ein. Mein Sohn war gerade 15 Jahre alt, las das und sagte: "Das Einzige, was ihr konkret und zuverlässig über Literatur sagen könnt: 13 Zentimeter auf dem Bücherregal."

Was haben Sie ihm denn zu lesen gegeben, als er klein war?

Also, ganz wichtig: Erich Kästner. Ich halte "Emil und die Detektive" für ein bahnbrechendes, literarisch und historisch wichtiges Buch. Damit hat die moderne Literatur für Kinder begonnen.

Mehr gab‘s nicht?

Natürlich. Ich habe mal mit ihm ein großes Erlebnis gehabt: Als wir Polen verließen, da war er neun Jahre alt. Ich habe ihm nicht gesagt, das wir nicht zurückgehen, weil ich Angst hatte, dass er sich verplappert und ich verhaftet werde. Er hat mir das - wir waren in London - sehr übel genommen. Da habe ich ihn gefragt: Was wäre denn passiert, wenn ich es dir gesagt hätte? Er: Da hätte ich "Quo vadis" von Sienkiewicz mitgenommen, den Roman, den ich gerade lese.

Also hat er doch eine literarische Ader?

Auf jeden Fall war ich gerührt. Am selben Tag habe ich ihm das Buch gekauft.

Hat es Sie geschmerzt, dass er dann doch in eine andere Richtung lief?

Nein, ich war glücklich. Um Gottes willen, das wäre ja das Schlimmste, wenn er Kritiker geworden wäre oder Journalist. Er bekam mal einen Preis, vor 20 Jahren, London Society for Mathematics, eine große Sache. Als ich das Joachim Fest erzählte, fragte er mich: "Waren Sie in der Jury?"

Der Historiker Fest erzählt, wie viele andere, dass Sie so gern telefonieren. Was ist am Telefonieren so schön?

Das Telefon ist der Rettungsring des in der Einsamkeit arbeitenden Literaten: Es ist beinahe die einzige Möglichkeit, Kontakte mit anderen Menschen zu halten. Ich habe Freunde, gar nicht so wenige, aber sie wohnen in München, in Baden-Baden, in Hamburg, in Berlin, in Wien. Die Zeit, da man einander lange Briefe schrieb, überhaupt Briefe schrieb - sie ist vorbei.

Sie nutzen das Telefon also hauptsächlich zur Kontaktpflege?

Ich habe festgestellt, dass in vielerlei Hinsicht Menschen am Telefon aufrichtiger sind und manches sagen, was sie einem am Kaffeehaustisch nicht sagen würden.

Weil man sich nicht sieht?

Den anderen nicht, die Augen nicht, nicht, wie er reagiert. Frauen sind - und das ist ohne Vorwurf gesagt - zu intimen Bekenntnissen in der Regel am Telefon eher bereit als bei der persönlichen Begegnung. Der ist von mir patentiert, der Satz.

Eine Frau hat Ihre Nachfolge im Fernsehen übernommen. Wie stehen Sie zu Elke Heidenreich?

Ich glaube, dass die Heidenreich eine nicht nur sympathische, sondern auch eine verdienstvolle Frau unseres literarischen Lebens ist. Sie ist sehr authentisch, sie spricht authentisch und kann glänzend Zuschauer überzeugen, dass sie bestimmte Bücher lesen sollen. Sie ist überhaupt keine Kritikerin, den Anspruch stellt sie ja auch nicht.

Uneingeschränktes Lob?

Es ist mir aufgefallen, dass sie schon in der dritten Sendung ihrer Konzeption untreu geworden ist. Sie hat ausdrücklich erklärt: Bei mir werden Bücher nur empfohlen. Jetzt hat sie ein Buch verrissen, nämlich das Kinderbuch von dieser Madonna. Zweitens: Es war, glaube ich, Programm von ihr, dass sie zeitgenössische Literatur macht. Aber von den vier Büchern in dieser Sendung waren zwei aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und dann hat ihr Gast, Frau von Trotta, den Roman von Lermontow überhaupt nicht gelesen. Ihre Mutter hat ihn gelesen! Es wurde nichts über den Roman gesagt - das geht nicht. Gerade bei so einem herrlichen Buch.

Warum reagiert das Feuilleton so gereizt auf Heidenreichs Sendung?

Das kann Sie doch nicht wundern, wenn der Tenor der Sendung ist: Ich habe dieses Buch gelesen, es gefällt mir, ich empfehle es von Herzen.

Martin Walser sagte mal: "Unsere freiesten Geister sind die reinsten Pfaffen" - und meinte das deutsche Feuilleton.

Walser interessiert am deutschen Feuilleton nur eins, das meine ich in vollem Ernst: ob er gelobt wird oder nicht.

Was fällt Ihnen am heutigen Feuilleton auf?

Viele schreiben nicht unbedingt für ihre Leser, sondern eher für ihre Kollegen. Sie vergessen, dass die meisten Leser weder Latein noch Griechisch gelernt haben. Die meisten Fremdwörter sind vollkommen überflüssig. Viele Artikel sind interessant, aber langweilig.

Vor vierzehn Tagen wurden Sie in einem "Zeit"-Artikel als "Clown" bezeichnet.

Ich kann zu dem Aufsatz von Ulrich Greiner nur eins sagen: Ich habe ihn zur Literaturredaktion geholt, denn er war ein ganz junger Mensch, Gehilfe im allgemeinen Feuilleton. Ich habe ihn erzogen, ich habe ihn belehrt, ich habe ihm geholfen, sein erstes Buch zu schreiben. Deswegen habe ich seinen Artikel mit Verwunderung und wenig Respekt gelesen.

Was schließen Sie daraus?

Hilfst du einem Menschen, hast du einen Feind.

Dann lassen wir es jetzt auch dabei. Wir sehen betroffen, den Vorhang zu...

....und alle Fragen offen?

Stefan Draf und Michael Stössinger / print