HOME

Interview mit Grass: "Es war eine unüberschaubare Zeit"

Nobelpreisträger Günter Grass hat sich gegenüber der Deutschen Presseagentur zu seiner Autobiografie und seinem Verhältnis zur Nazi-Diktatur geäußert. Er erzählt von der Waffen-SS, ständiger Furcht und seinem "Kumpel Joseph".

Handelt es sich um eine klassische Autobiografie?
"Es ist nicht in dem Sinne eine Autobiografie, die Fakten an Fakten und Datum an Datum reiht. Es ist der Versuch, einen jungen Menschen, der mir fremd ist, wieder zu entdecken und ihn zu befragen, wie er sich in bestimmten Situationen verhalten hat. Warum, obgleich von Natur her aufsässig und neugierig, er sich als Schüler zum Beispiel nicht zu fragen entschlossen hat, was das nationalsozialistische Regime und die dahinter verborgenen, für mich verborgenen Verbrechen betraf? Das Buch beginnt am 1. September 1939. Ich bin annähernd 12 Jahre alt, der Krieg bricht aus, und mein Onkel, der zu den Verteidigern der Polnischen Post in Danzig gehörte, wird standrechtlich erschossen. (...) Der war auf einmal weg. Die Familie kam nicht mehr - und ich habe keine Fragen gestellt!"

Schlagzeilen und heftige Kontroversen hat es gegeben, weil Sie jetzt erst Ihre Mitgliedschaft in der Waffen-SS öffentlich gemacht haben. Warum erst so spät?


"Ich habe das, im Rückblick, immer als einen Makel empfunden, der mich bedrückt hat und über den ich nicht sprechen konnte. Das musste mal geschrieben werden. Und das ist jetzt keine Entschuldigung und keine Erklärung: Ich habe mich nicht zur Waffen-SS gemeldet. Ich habe mich mit 15 zur U-Boot-Waffe oder als Alternative zu den Panzern gemeldet, was genauso verrückt war."

Was empfanden Sie, als Sie zur Waffen-SS einberufen wurden?


"Das ist für mich nachträglich der Schock: Für mich als Jugendlicher war die Waffen-SS eine Elite-Einheit. In meiner damaligen beschränkten Sicht unterschied sie sich von der Wehrmacht darin, dass der Adel nicht das Sagen hatte. Es waren Einheiten, die an brenzligen Stellen eingesetzt wurden und die die größten Verluste hatten. Und die Waffen-SS hatte - auch dies wiederum aus meiner damaligen Sicht - einen europäischen Zuschnitt: So gab es Verbände der Waffen-SS mit Schweden, Dänen, Flamen, Wallonen..."

Sie wurden nach der schikanösen Ausbildung in einem Lager in den böhmischen Wäldern Ende Februar 1945 vereidigt. Wie ging es weiter?


"Es war eine unüberschaubare Zeit. Erst kam ich in eine Marschkompanie, dann folgte ein dauerndes Verlegen. Die Division Frundsberg, der ich zugeordnet war, habe ich nie gesehen. Immer wieder wurden Verbände zusammengewürfelt, die schon wenige Tage nach dem Einsatz auseinandergesprengt waren. Zwei Mal gehörte ich in den wenigen Wochen als Soldat Spähtrupp-Unternehmen an, auch Himmelfahrtskommandos genannt. Meine Existenz wurde bestimmt von der ständigen Furcht, von der deutschen Feldgendarmerie ohne gültigen Marschbefehl erwischt zu werden, was einem Todesurteil gleichkam. Die ersten Toten, die ich gesehen habe, waren keine Russen, sondern Deutsche, darunter viele meines Alters. Wenn man durch eine Ortschaft kam beim Rückzug - es war immer Rückzug - hingen an den Dorflinden oder an Kastanienbäumen Männer mit Schild vor der Brust "Feigling" oder "Vaterlandsverräter", darunter auch ältere, Offiziere, denen man die Klappen abgerissen hatte, und eben Jungs in meinem Alter."

Im Buch erwähnen Sie ausführlich Ihren "Kumpel Joseph". Hand aufs Herz, war es tatsächlich der heutige Papst Benedikt XVI., den Sie im Gefangenlager trafen?


"Ich kann es nur vermuten. Diese Erkenntnis kam übrigens erst während des Schreibens. Sicher ist, dass ich in Bad Aibling, diesem Massenlager mit etwa 100.000 deutschen Kriegsgefangenen unter freiem Himmel, mit einem jungen Burschen meines Alters - wir waren beide 17 - in einem Erdloch hockte. Es regnete viel, wir saßen dann immer unter seiner Zeltplane. Er war bayerischer Herkunft, war intensiv bis fanatisch katholisch und war auch in der Lage, mit seinen 17 Jahren gelegentlich lateinische Zitate einzustreuen. (...) Er wollte in der kirchlichen Hierarchie aufsteigen, ich wollte Künstler und berühmt werden. (...)

Und während ich das Manuskript für mein Erinnerungsbuch schreibe, wird ein Deutscher Papst. Und dann lese ich - ich wusste, wer Kardinal Ratzinger war, kannte seine konservative Einstellung, sein leises beharrliches Auftreten aus dem Hintergrund heraus -, dass der in Bad Aibling gewesen ist. Dieser Joseph, der kam mir bekannt vor, auch die Art und Weise, dieses Schüchterne, Beharrliche, Leise an ihm - ich kann nur vermuten, dass er es gewesen ist."

Ihr Buch ist weit mehr als eine literarische Jugend- Autobiografie. Was erwartet den Leser?


"Ich habe im Laufe der Jahrzehnte gelernt, dass Bücher, so wie sie den Autor verlassen, erstmal den Autor enteignen. Sie machen sich selbstständig, wechseln den Besitzer. Jeder Leser macht sich ein Buch zu eigen und liest es auf seine Art. (...) So würde ich auch diesmal erwarten, dass Leute meiner Generation, dann die mittlere Generation und auch die meiner Kinder und Enkelkinder ihr jeweils eigenes Leseerlebnis "Beim Häuten der Zwiebel" haben. Die Enkelkinder werden etwas erfahren, was die Großvatergeneration sprachlos gemacht hat, was sie dazu gebracht hat, bestimmte Dinge solange für sich zu behalten und diese erst jetzt auszusprechen, auch das gehört mit dazu."

Matthias und Stephanie Hoenig/DPA / DPA