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Frankreich Le Pen auf dem Weg in den Elysee? Die Frontfrau der Rechten holt die Schafspelze raus

Marine Le Pen
Marine Le Pen hat derzeit Grund, gut gelaunt in die Zukunft zu schauen
© Alain Jocard / AFP
In einem Jahr wählt Frankreich den nächsten Präsidenten. Gut möglich, dass das Land dann erstmals eine Präsidentin bekommt. Marine Le Pen steht in den Umfragen blendend da - auch, weil sich die Rechtsextremistin von ihrer "weichen" Seite zeigt. 

Katzen also. Und Blumen. Und das Eingeständnis, manchmal den Fernseher als Erziehungshilfe zu gebrauchen. Ja, diese Frau Marine Le Pen; weich und sanft plötzlich. Ein bisschen klischeehaft vielleicht, mutmaßlich so, wie es sich ihre (männlichen) Berater vorstellen. Auch im Jahr 2021 müssen Spitzenpolitikerinnen immer noch zuallererst feminin sein und dürfen erst danach entschlossen, durchsetzungsfreudig, gar rabiat rüberkommen. Wobei: Genauso war Marine Le Pen ja in den vergangenen Jahren - was bei ihren Wählerinnen und Wählern von Rechtsaußen auch gut ankam. Doch die reichen ihr nicht mehr.

Denn nächstes Jahr will die Frontfrau des Rassemblement National (RN), der französischen Rechten, Präsidentin werden. Und es sieht gar nicht einmal so schlecht aus. Umfragen zufolge steht Marine Le Pen derzeit bei 48 Prozent, Amtsinhaber Emmanuel Macron bei 52 Prozent. Gut zwölf Monate hat sie Zeit, ihre gute Ausgangsposition weiter auszubauen. Denn natürlich braucht sie nun die Stimmen der normalen Menschen – moderate Konservative, Sozialdemokraten, Macron-Wähler. Dazu sollen sie die Franzosen besser kennenlernen, auf Youtube und Instagram inszeniert sich Le Pen deshalb seit einiger Zeit "ohne Rüstung" wie sie das nennt. Mit Katzen halt, oder Blumen und als Mutter von drei Kindern.

Muslime? Sind "bereits assimiliert"

Nicht nur sich selbst auch die Positionen ihrer Partei hüllt die 52-Jährige dabei auffallend häufig in Schafspelze. Den Euro zum Beispiel, Hassobjekt so vieler Rechtsradikaler, will sie nun doch nicht mehr abschaffen. Auch Muslime sind gar nicht mehr so schlimm, zumindest wenn sie ihr ihre Stimmen geben. Fünf Millionen Franzosen bekennen sich zum Islam, viele seien "bereits assimiliert", sagt sie. Als jüngst ein Netzwerk von rund 50 Neonazis bei der Armee aufflog, die ausgerechnet vor den Fahnen der deutschen Waffen-SS posierten, war das selbst Marine Le Pen zu viel. Ihre Partei, die sonst keine Probleme hat, Veranstaltungen von Skinheads mit Springerstiefeln bewachen zu lassen, distanzierte sich von den Soldaten.

Jahrelang war Marine Le Pen das Schmuddelkind des Pariser Politikbetriebs. Ein Image, das ihr in die Wiege gelegt wurde. Schon Vater Jean Marie Le Pen, Fremdenlegionär, Holocaust-Leugner und Gründer des Front Nationale, der Vorläufer des RN, pestete jahrzehntelang gegen Einwanderer, Juden, die EU, den Euro, die Regierungen und generell alles, was irgendwie unfranzösisch daherkam. 2015 dann artete sein Antisemitismus derart aus, dass ihn die Tochter aus der eigenen Partei warf. Seit 1974 kandidierten beide Le Pens sieben Mal für die Präsidentschaft, doch bislang haben die Französinnen und Franzosen der Versuchung immer noch widerstanden, sie zum Staatsoberhaupt zu machen. Manchmal, wie 2002 und 2017, gelang das nur mit einem großen Kraftakt, andere Male standen sie sich mit ihrer extremen Rhetorik selbst im Weg. Doch der Widerstand gegen einen Rechtsaußen-Präsidenten bröckelt.

Pandemie stört Macrons Reformagenda

"Republikanische Front" wird das überparteiliche Bündnis gegen die Rechtsextremistin genannt: Sozialisten, Konservative und Liberale - alle Demokraten gegen Le Pen. 2017 wurde auf diese Weise Emmanuel Macron in den Elysée-Palast gewählt. Doch die Linke schert zunehmend aus der "Front" aus und wechselt ins Lager der Nichtwähler, während die Konservativen beginnen, mit Le Pen zu liebäugeln. Ihre guten Umfragewerte liegen auch daran, dass Macron viele seiner ambitionierten Reformen wegen der Pandemie nicht umsetzen kann oder konnte. Etwa den Umbau der Rente oder der Arbeitslosenversicherung. Und wenn er was anpackt, wie etwa die Abwicklung der Elitenschmiede ENA, dann bekommt er Applaus von rechts, denn genau das fordert Marine Le Pen auch.

Doch trotz aller Anstrengungen endlich stubenrein zu werden, bricht sich immer wieder Le Pens brauner Kern bahn. Ende April zum Beispiel, als ehemalige französische Generäle in einem Brandbrief alarmistisch vor "Islamismus und Horden der Banlieue" warnten. Das Schreiben erschien kaum zufällig in einer ultrarechten Zeitschrift am 60. Jahrestag des "Putsch der Generäle" von 1961, als Teile des Militärs Präsident Charles de Gaulle zwingen wollten, die Unabhängigkeit Algeriens zu verhindern. Während die aktuelle Armeespitze die "Putschfantasien" verurteilte, applaudierte Le Pen und kommentierte den Aufstandsappell mit den Worten: "Es ist die Pflicht aller französischen Patrioten, sich zu erheben und in der Tat das Land zu retten." In einem "friedlichen Kampf" wie sie dann etwas kleinlauter nachschob.

Le Pen: Nichts Napoleons Verdienste schmälern

Wenige Tage später, bei der Feier zum 200. Todestags von Napoleon Bonaparte, als die Franzosen auch der dunklen Seiten des Kaisers gedachten, mahnte die Rechtspopulistin, seine Verdienste nachträglich zu schmälern, käme "ethischen Waterloos" gleich. Tags zuvor wurde sie von der Anklage freigesprochen, illegal Gräuelbilder der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat verbreitet zu haben, darunter das Foto eines bei lebendigem Leib verbrannten Mannes. Die Veröffentlichung sollte zur öffentlichen Debatte beitragen, argumentierte sie, ganz so als würden solche Bilder die Gemüter beruhigen und zur sachlich-sorgsamen Abwägung führen.

Auch bei anderen Themen deckt Le Pen weiterhin den ganzen Reigen rechter Politik ab: Sie fordert ein Einwanderungsstopp, sowie ein Verbot aller religiösen Symbole in der Öffentlichkeit. Das soll für muslimische Kopftücher genauso gelten wie etwa für die jüdische Kippa. "Ich weiß, dass das ein Opfer für manche Juden ist, kein kleines, ein großes Opfer", sagte sie der "Zeit". Dem Blatt skizzierte sie auch ihre Vorstellung von Wirtschaft und Umwelt. So wolle sie eine Abkehr des "ultraliberalem Wirtschaftsmodells", denn der Freihandel "macht die Umwelt kaputt", so Le Pen. Für die Parteichefin ergibt sich daraus der Schluss: Windräder sollen "soweit es geht, stillgelegt werden und die Atomanlagen weiterlaufen". Frankreich hat mit 57 Reaktoren die meisten AKW Europas. Ihr aktueller Slogan lautet: "Franzosen, erwachet!" 

Quellen: AFP, "Die Zeit", Deutsche Welle, n-tv, DPA, "Valeurs Actuelles", "Neue Zürcher Zeitung", "New York Times"

tkr

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