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Interview mit Wolfgang Hohlbein: Warum "Harry Potter" immer härter wird

Wolfgang Hohlbein ist die deutsche JK Rowling. Seit mehr als 25 Jahren bevölkert er Märchen- und Horror-Welten, hat 35 Millionen Bücher verkauft. stern.de hat den erfolgreichsten Fantasy-Autor Deutschlands zuhause besucht und gefragt, warum Vampire und Magier eigentlich so erfolgreich sind - und warum sie immer brutaler werden.

Von Sophie Albers

Das Kino im Kopf feiert Karneval: Wie wohnt wohl der erfolgreichste Fantasy-Autor Deutschlands? Ein Schloss à la Hogwarts im Nirgendwo? Oder doch eher moderne Architektur im Grünen wie bei den Vampiren in "Twilight"? Dann biegt der Wagen um die Ecke, und es ist... ein Reihenhaus. Genau genommen gleich eine ganze Reihe Reihenhäuser, denn Wolfgang Hohlbein hat eines nach dem anderen aufgekauft.

Bis auf ein paar steinerne Trolle sieht es hier wenig fantastisch aus. Der Wortmagier wohnt nicht außerhalb, sondern mitten drin in dieser dörflichen Straße bei Neuss. Felder hat er vor der Tür, aber auch viele Nachbarn und dieses dunkelgraue Neubausiedlungspflaster.

Am Tor zu Hohlbeins Welt warten der Autor und eine zerrupfte Katze. Der 55-Jährige ist schmal, fast fragil, mit langen grauen Haaren, grauem Bart und Brille. Sammy ist weiß-rot getupft und verschwindet gleich ins Wohnzimmer, wo acht weitere Katzen und drei Hunde warten. Wer Wolfgang Hohlbein besucht, bekommt gleich die ganze Familie. Seine Frau, meist eines der sechs Kinder und zahlreiche Haustiere sitzen mit am schweren Eichentisch im Wohnzimmer, wo der Hausherr sonst des Nachts seine fantastischen Welten erfindet, aber heute am hellen Nachmittag über seinen Beruf spricht.

"Harry Potter" als Blockbuster, die niedlichen Vampire von Stephenie Meyer in den Bestsellerlisten und "World of Warcraft" als kommerziell erfolgreichstes Computerspiel. Ist Fantasy auf dem Höhenflug, Herr Hohlbein?

Fantasy war schon immer da. Aber sie hat sich ihren Platz erobert, ist salonfähig geworden.

Das ist sie doch schon lange.

Als ich vor 45 Jahren zur Schule gegangen bin, hieß Fantasy noch utopischer Roman und wurde komisch angesehen. Ich durfte meine "Perry Rhodan"-Hefte nicht mit in die Pause nehmen. Die wurden mir weggenommen, weil man "so was" nicht liest. Heute hat ein Germanistikprofessor kein Problem damit, einen "Harry Potter" oder einen Rhodan zu lesen...

Die schreiben sie sogar.

Ganz genau! Die Fantasy hat ganz unbemerkt Einzug in die Köpfe gehalten. Nehmen wir ein konstruiertes Beispiel: Hätte man meiner 86-jährigen Schwiegermutter vor 20 Jahren einen Film gezeigt, in dem der Held ein Verbrechen auflöst, weil er Visionen hat oder Gedanken lesen kann, hätte sie die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt "Was für ein Blödsinn!" Heute ist so etwas ganz normal. Das würde nicht mal mehr als Fantasy bezeichnet. Die Logik, dass man das, was sein kann, von dem, was sein könnte, so stark trennt, ist aufgehoben. Und das ist das große Verdienst all dieser mitunter auch schlechten Bücher und Filme.

Also ist der Erfolg von "Twilight" und "Harry Potter" keine Ausnahmeerscheinung?

Das sind eher vorübergehende Hochs, weil Filme und Bücher rauskommen und die Leute darüber reden. Nach zwei, drei Jahren normalisiert sich das. Als der erste "Herr der Ringe"-Film so eine Welle verursachte, hat jeder Verlag seine Schubladen umgedreht und alles, wo auch nur einer mit spitzen Ohren drin vorkam, auf den Markt geworfen. Nur um festzustellen, dass sich nicht viel geändert hat. Es ist konstanter geworden - und mehr. Das ist doch schön (lacht).

Glauben Sie, dass die Krise die Kauflust auf Fantasybücher beflügelt?

Bisher ist es nicht so, und bei der Krise 2003 war es auch nicht so. Die Verlage schreien natürlich, weil sie merken, dass es in der einen oder anderen Ecke ein bisschen hakt. Aber ich habe das Gefühl, dass die Leute in einer Wirtschaftskrise, wo schlicht weniger Geld da ist, sogar mehr Bücher kaufen. Es ist immer noch das preiswerteste Vergnügen. Selbst ein teures Buch kostet weniger als ein Kinoabend für zwei Personen. Und man hat mehr davon.

Es heißt ja, dass Krisen den Eskapismus befördern. Dafür wäre Fantasy doch prädestiniert.

Nein, das glaube ich nicht.

Sie mögen den Begriff Eskapismus nicht?

Das ist wieder so ein Wort, das ich, wenn ich ganz ehrlich bin, nicht verstehe. Ich weiß, was es bedeutet, aber ich verstehe nicht, warum es so negativ behaftet ist. Es wird oft als Vorwurf benutzt.

Es heißt: "Wolfgang Hohlbein gefällt die Welt nicht so, wie sie ist, und er erträumt sich eine andere".

Aber dass ich mir eine bessere Welt erträume, heißt ja nicht, dass ich die, in der ich lebe, so schlecht finde. Es gibt tausend Probleme und Sachen, die nicht in Ordnung sind, aber wenn man realistisch ist und zurückschaut, leben wir heute trotz Jugendkriminalität, Umweltverschmutzung und Al Kaida in der besten Zeit, die es je gegeben hat. So schön die Ritterzeit in unseren Köpfen auch sein mag, ich möchte nicht mit einem König tauschen, geschweige denn mit einem Bäuerlein. Uns geht es heute besser als jemandem vor 500 Jahren. Aber man ist nie zufrieden mit dem, was man hat. Und das ist auch richtig so. Wenn ich sagen würde "Ich habe jetzt das beste Buch meines Lebens geschrieben", dann würde ich aufhören zu schreiben. Das Gleiche gilt für das Leben.

Lesen Sie in Teil zwei, warum Fantasy immer härter wird und welchen besonderen Wunsch sich Hohlbein erfüllt hat

Der neue "Harry Potter"-Film hat mitunter ziemlich gruselige Szenen. Haben Sie das Gefühl, dass Fantasy härter wird?

Die Filme sind härter als die Bücher. In denen verteilt sich das mehr. Bei den Filmen kriegt man es mit dem Holzhammer auf einer Riesenleinwand verabreicht.

Manchen Leuten ist der Jugendschutz zu lasch.

Ich habe mit Heftromanen angefangen, um die nächste Miete bezahlen zu können. Die unterlagen - anders als Bücher - der Freiwilligen Selbstkontrolle, die all das liest, und das hatte zum Teil absurde Auswüchse. Das Härteste, was ich erlebt habe, war, dass im Titel das Wort Blut nicht vorkommen durfte, weil es zu gewalttätig sei. Völlig schwachsinnig. Da wird im Hinblick auf den Jugendschutz von irgendwelchen 70-jährigen Jungfern quer gelesen. Was mich selbst angeht, so achte ich darauf, bestimmte Grenzen bei der Gewaltdarstellung nicht zu überschreiten. In einer Geschichte wie meinem neuen Projekt "Asgard Saga" geht es um ganz altmodische Werte: um die Entscheidung, ob man im Zweifelsfall zu seinen Freunden und Verbündeten steht oder nicht. Oder auch ob eine Gewalttat gerechtfertigt ist, um ein wichtiges Ziel zu erreichen. Das stellt für mich auch die Frage, wie junge Leute mit Fragen der Loyalität oder Gewalt umgehen. Davon abgesehen: Ja, Bücher werden allgemein härter. Erwachsener. Aber das ist doch genau das, was die Jugendlichen wollen. Man will sich ja gruseln.

Ist also die Jugend härter geworden?

Wenn Sie auf Gewalt anspielen, mit Sicherheit. Es hat mit der ganzen Gesellschaft zu tun. Und ich habe das Gefühl, je mehr sich die Öffentlichkeit auf diese Diskussion über Jugendgewalt fokussiert, desto schlimmer wird es.

Es verstärkt sich gegenseitig, meinen Sie?

Ich weiß nicht, woran es liegt. Wenn ich das wüsste, hätte ich schon den Friedensnobelpreis. Noch ein Beispiel aus meiner Jugend: In unserer Generation gab es so eine Art Ehrenkodex - wenn einer am Boden liegt oder der erste Blutstropfen fließt, ist es vorbei. Heute tritt man noch mal kräftig drauf. Da bin ich völlig fassungslos. Und dann wird geschrieben, Hollywood sei schuld oder Leute wie ich. Aber das kann es doch nicht alleine sein. Wenn Videospiele und Hollywood schuld sind, woher kommen dann die Jugendgangs in Moskau, die in der Kanalisation leben und Leute überfallen? Die werden mit Sicherheit keine Playstation da unten haben und auch keine Fantasyromane lesen. Ich habe kein "Counterstrike", aber so Sachen wie "Doom" habe ich mit Begeisterung gespielt. Ich bin trotzdem nicht rausgegangen und habe meinen Nachbarn erschossen. Ich habe keine Patentlösung parat. Diese Gewalt ist eines der großen Rätsel unserer Zeit. Und das ist ja nicht nur in Deutschland so, sondern fast weltweit.

Schnelle Urteile vereinfachen den Umgang mit etwas, das man nicht versteht.

Ja, sie machen es leichter. Ich habe selbst einmal Folgendes erlebt: Ich war auf einer Literaturveranstaltung und habe abends mit einem schlauen Menschen, einem Literaturprofessor, an der Hotelbar Bier getrunken. Irgendwann wurde er redselig und sagte: "Also eigentlich verachte ich Leute wie Sie. Sie schreiben Horrorgeschichten. Haben Sie schon mal an die armen Menschen gedacht, die so etwas ertragen müssen?" Ich habe dann lieber ein Stück aus meinem Bierglas gebissen, anstatt ihn zu fragen, wie viele Leute er denn kennt, die von Werwölfen gebissen worden sind. Das hat mir gezeigt, wie schnell auch nicht dumme Leute über Dinge urteilen, von denen sie keine Ahnung haben. Aber ich will jetzt nicht wehleidig sein. Bisher sind mir die Meisten wohlgesonnen. Und jeder hat das Recht, meine Bücher nicht gut zu finden.

Ist Gewalt schlecht für Fantasy?

Nein, wie man im Fernsehen und Kino beobachten kann, ist alles sehr viel realistischer geworden und damit natürlich auch gewalttätiger. Aber Fantasy ist ganz und gar keine Form des Geschichtenerzählens, die ausschließlich von der Gewalt lebt. Sie lebt von der Aktion, und ich meine nicht Schwarzenegger-mäßige "Action", sondern dass sich etwas bewegt. Es geht um eine bunte, spannende, abenteuerliche Welt. Es ist im Grunde der klassische Abenteuerroman, wo die klassischen Märchen mit modernen Mitteln weitererzählt werden. Es gibt immer wieder Auswüchse, aber so lange die nicht Überhand nehmen, ist das okay. Wenn Gewalt zum Selbstzweck wird, finde ich sie ekelhaft.

Widerspricht Realität nicht Fantasy?

Überhaupt nicht. Das ist ein Realismus der Dinge. In dem Moment, da es ins Fantastische geht, ist es was ganz anderes. Aber wenn ich die Menschen zeige, ganz normale Menschen in unserer Welt, zeige ich es natürlich so realistisch wie möglich.

Sie haben mal gesagt, "Harry Potter" werde allen Ansprüchen gerecht? Was sind Ihre Ansprüche?

Dass man die Bücher in jedem Alter lesen kann. Dass diese Geschichte - die genau genommen ein Buch mit rund 8000 Seiten ist - fesselt und den Leser Seite um Seite mitzieht. Was nützt mir das lehrreichste, wichtigste Buch, wenn es mich langweilt?

Warum spricht Fantasy uns so an?

Fremde Welten. Man findet etwas, dass einen doch noch wundert und fasziniert. Je mehr man eingespannt ist in diesen Alltag, der immer anspruchsvoller und immer schneller, aber trotzdem immer langweiliger wird, desto mehr freut man sich, wenn man in ein völlig anderes Leben geschupst wird. Die Menschen, die in der Tretmühle stecken, tun in diesen Zeiten doch alles, um ihren Job zu behalten. Da bleibt immer weniger Zeit zum Leben.

Sie haben gesagt, Sie sind mit Ihrem Leben zufrieden. Aber hatte der erfolgreichste Fantasy-Autor Deutschlands denn nie irgendwelche durchgeknallten Wünsche?

Ich wollte immer das schnellste Motorrad der Welt fahren.

Und?

Ich habe es gemacht.

Und dann?

Wenn man Träume vor die Tür stellt, fangen sie an zu rosten.

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