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Jürgen Habermas: Der Schlund des Philosophen

Jürgen Habermas habe ein Papier gegessen, das seine Nazi- Vergangenheit dokumentiere: Auf diese alte Geschichte stürzt sich derzeit das deutsche Feuilleton. Es ist eben nichts so verlässlich wie die Hysterie des Verdachts.

Von Gerda-Marie Schönfeld

Wenn alte Männer sich zum Sterben niederlegen, kommt die Zeit der Abrechnung. Wenn sie berühmt sind, kommt sie schriftlich. So auch bei dem kürzlich verstorbenen Publizisten und Historiker Joachim Fest, der in seinem jüngsten autobiografischen Bestseller "Ich nicht" (was so viel heißen soll wie: Ich war kein Nazi) folgende Begebenheit erzählt: Auf einer Geburtstagsparty in den achtziger Jahren habe einer der führenden Köpfe des Landes ein Dokument aus dem Jahre 1945, das ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Führer und die unerschütterliche Erwartung des Endsiegs enthielt, in den Mund gesteckt "und nicht ohne einiges Herauf- und Herunterwürgen geschluckt". Der führende Kopf, der bei Fest nicht genannt wird, war der Philosoph Jürgen Habermas, der so "die Belastungen der Vergangenheit" loswerden wollte.

Bizarr. Deutscher Philosoph frisst Nazi-Dokumente. Vor Publikum. Das liest sich süffig, ist aber genauso süffig erlogen. Natürlich, und das ist die posthume perfide Rache des konservativen Joachim Fest an seinem linken Intimfeind Jürgen Habermas, wusste Fest, dass die Geschichte sich ganz anders zugetragen hat.

"Du kennst doch Jürgen, der verschluckt so etwas sofort"

Nämlich so: Im Jahre 1943 forderte der 14-jährige Jürgen Habermas, damals Sanitäter in Hitlers Jungvolk, den saumseligen 12-jährigen Hans-Ulrich Wehler schriftlich auf, doch gefälligst zum Erste-Hilfe-Kursus anzutreten. Der Pimpf Wehler, gekränkt ob der Abmahnung, klebte das Stück Papier in sein Tagebuch.

Jahrzehnte später, beide Herren waren längst Freunde, aus Jürgen Habermas war ein berühmter Philosoph geworden, aus Hans-Ulrich Wehler ein berühmter Historiker, erinnerte Wehler seinen Freund Habermas an diese Szene und schickte ihm das postkartengroße Dokument als Beweis zu. Auf die Frage: "Was ist aus meinem Beweis geworden?", scherzte Ute Habermas: "Du kennst doch Jürgen, der verschluckt so etwas sofort." Das war natürlich ein Witz, und als Witz hat es der Historiker Wehler weitererzählt. Denn natürlich landete das Dokument nicht im Schlund des Philosophen, sondern im Papierkorb.

Ziemlich verwirrt zusammengefaselt

Weil die Geschichte aber viel zu hübsch ist, um sie unbenutzt herumliegen zu lassen, machte die Anekdote vom berühmten deutschen Denker, der seine Nazi-Vergangenheit auffrisst, die Runde bei so mancher philosophischen Abendgesellschaft. Und je öfter sie in den vergangenen Jahrzehnten erzählt wurde, umso heftiger wurde aus dem 14-jährigen Pimpf Habermas ein glühender Führerverehrer mit allen Fasern seines Herzens.

Nun hat das Zeitgeist-Magazin "Cicero" die Uralt-Story wieder lau aufgewärmt und dabei jede Recherche bei den Hauptakteuren Habermas oder Wehler vermieden. In einem ziemlich verwirrten, zusammengefaselten Text wird dem Leser suggeriert, Herr Habermas habe die Wahrheit über seine NS-Vergangenheit verschluckt. Vor Publikum. Und wenn er das Papier nicht verschluckt hat, dann hat er es verschwinden lassen. Heimlich. Ohne Publikum. Noch schlimmer. Auf jeden Fall macht es den Täter H. höchst verdächtig, so "Cicero", dass das Beweisstück für einen Erste-Hilfe-Kurs (!), ausgestellt von einem 14jährigen (!) aus dem Jahre 1943, nicht mehr dingfest zu machen ist.

Nichts ist in Deutschland so verlässlich wie die Hysterie des Verdachts

Das ist ebenso denunziatorisch wie hysterisch. Aber irgendwie ist es auch immer wieder schön. Nichts ist in Deutschland so verlässlich wie die Hysterie des Verdachts beim Thema Drittes Reich und seine mannigfaltigen Folgen. Das gesamte deutsche Feuilleton widmete sich ausführlich der "Cicero"-Geschichte, die Schweizer Blätter wollten auch nicht zurückstehen, und Habermas hat inzwischen einen Anwalt eingeschaltet.

Was lehrt uns das? Das kurze Dritte Reich wirft bis heute so immens lange Schatten, dass selbst ein 14-Jähriger in Verdacht geraten kann. Das wird auch so bleiben. Wir mögen das so. Da sind wir eigen. Und warum? Weil Hitler uns das Tausendjährige Reich versprochen hat, und davon sind erst 73 Jahre um.

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