Hitlers "Mein Kampf" Zwischen Kritik und Propaganda


2015 erlischt das Urheberrecht der bayerischen Landesregierung für "Mein Kampf". Von da an kann jeder Adolf Hitlers Werk veröffentlichen. Immer mehr Historiker fordern deshalb schon jetzt eine kritische Ausgabe. Hitler-Biograf Sir Ian Kershaw sagte stern.de, warum auch er dies für notwendig hält.
Von Tim Farin

Es ist ein delikater Nachlass, mit dem sich die bayerische Landesregierung kurz vor dem "Welttag des geistigen Eigentums" am Samstag herumschlägt. "Mein Kampf", Adolf Hitlers autobiographisches Werk und persönliches politisches Manifest ist 83 Jahre nach seiner Erstausgabe wieder in die Diskussion geraten. In sieben Jahren, 70 Jahre nach dem Selbstmord des Diktators, erlischt das Urheberrecht, das bis 2015 bei der bayerischen Landesregierung liegt. Sie hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten übertragen bekommen - Hitlers Wohnsitz hatte bis zuletzt in München gelegen. Bislang kämpft die bayerische Regierung engagiert gegen illegale Nachdrucke des Werks. Doch wenn das Urheberrecht einmal erloschen ist, kann jeder "Mein Kampf" veröffentlichen.

Auch deshalb fordern immer mehr Historiker, eine kritische Ausgabe von "Mein Kampf" müsse schon bald erarbeitet und publiziert werden, um einer möglichen Flut unkritischer Exemplare etwas entgegenzusetzen. Das Kuratorium des Nürnberger Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände forderte eine entsprechende Edition, der Historiker Hans-Ulrich Wehler pflichtete der Forderung bei, und auch der Zentralrat der Juden in Deutschland wagt nach diffizilen Abwägungen den Schritt zum Paradigmenwechsel: "Wir wollen es wagen", sagt Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats. Mit einer kritisch ausgearbeiteten Version des Hitler-Werks biete sich die Chance zur "Endromantisierung und Demontierung" der Aura des Buches, die in gewissen Kreisen der Gesellschaft weiterhin gepflegt wird.

Kershaw: Internet macht Zensur-Versuch sinnlos

Auch international gibt es Zustimmung: Sir Ian Kershaw von der Universität im englischen Sheffield, dessen Hitler-Biografie international als Standardwerk gilt, bekannte sich im Gespräch mit stern.de als Unterstützer der Nürnberger Forderung: "Ich habe seit langem die Notwendigkeit einer kritischen wissenschaftlichen Edition von 'Mein Kampf' befürwortet", sagte Kershaw. Sein Argument: "Der Versuch, die Leserschaft zu zensieren, ist im Internet-Zeitalter eine sinnlose Übung."

Der britische Historiker ergänzt: "Bei voller Anerkennung der Notwendigkeit, sich gegen Neo-Nazismus zu verteidigen, und anerkennend, dass es falsch wäre, gegenüber dem radikalen rechten Extremismus apathisch zu sein, muss eine erwachsene Demokratie wie Deutschland nicht fürchten, dass Hitlers schädliche Abhandlung wahrscheinlich - irgendwie - eine Bedrohung für die moderne deutsche Gesellschaft darstellt." Der Historiker findet, es gebe vielmehr "keinen logischen Grund, den geheimnisvollen Nimbus zu verlängern, der 'Mein Kampf' anhaftet, indem man die Publikation einzig dieses Werks von Hitler verhindert". Schließlich seien sonst eigentlich alle Reden und Schriften des NS-Diktators für das deutsche Publikum zugänglich.

Kershaw und andere Experten verweisen darauf, dass "Mein Kampf" heute nicht nur im Ausland ohne Rücksicht auf die Rechtslage gedruckt wird, sondern in Deutschland in Antiquariaten und auch im Internet relativ leicht zugänglich ist. Zentralrats-Generalsekretär Kramer meint deshalb: "Es ist umso wichtiger, dass junge Leute auf die kritische Version stoßen, wenn sie im Internet nach 'Mein Kampf' stöbern."

Keine Angst vor Propaganda-Missbrauch

Seit längerem versucht das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ), die bayerische Landesregierung für eine Publikation von Hitlers Werk zu gewinnen. "Es ist nicht davon auszugehen, dass eine kritische Ausgabe als Propaganda-Instrument missbraucht wird", sagt Udo Wengst, stellvertretender IfZ-Direktor. Eine Edition, wie sie ihm vorschwebt, sei wegen der kritischen Einordnung gar nicht zum Missbrauch geeignet. Wengst sieht einen der Hauptanlässe für diese Arbeit in der Tatsache, dass es verschiedene Ausgaben von "Mein Kampf" gab. Bereits 2006 veröffentlichte das IfZ Othmar Plöckingers Werk "Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers 'Mein Kampf' 1922-1945", in dem der Autor sich mit Entstehungs- und Publikationsgeschichte auseinandersetzt - ein Werk, auf dessen Gehalt auch Ian Kershaw hinweist. Wengst möchte nun eine kritische Ausgabe der Grundlagen-Lektüre, denn "es geht darum zu dokumentieren, an welchen Stellen das Werk - meistens aus Gründen der politischen Opportunität - verändert wurde".

Der Bearbeiter müsste auch die sachlichen Fehler Hitlers dokumentieren. "Allerdings könnte man nicht jeden Unsinn kommentieren", sagt Wengst, "dann würde das Buch noch mal so dick wie das Original." Und das könne nicht der Sinn einer solchen Ausgabe sein. Der stellvertretende Direktor des IfZ geht davon aus, dass ein entsprechendes Projekt in drei Jahren umsetzbar sei. "Hierfür ist jedoch eine Drittmittelfinanzierung notwendig", ergänzt Wengst.

Freigabe symbolisch ein problematischer Akt

Widerspruch gegen diese Position ist aus der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zu hören: Jürgen Faulenbach, renommierter Historiker bei der bpb, lehnt eine Unterstützung einer kritischen "Mein Kampf"-Edition ab. "Wir halten die Bedeutung des Buches für die Aufarbeitung des NS-Regimes, der Frage seiner Entstehung und Wirkung, nicht für relevant", sagt Faulenbach stern.de. Das Buch liefere keine wichtigen Erkenntnisse auf die Frage, wie das NS-Regime möglich war, sondern zeige nur die polarisierenden Meinungen und Ansichten des Verfassers aus einer gewissen Phase seines Lebens. Darin unterscheide es sich beispielsweise von den Goebbels-Tagebüchern, die immerhin einen wichtigen Wandel dokumentierten.

Und selbst wenn es heute bereits problemlos möglich sei, "Mein Kampf" in die Hände zu bekommen, "sollte sich die bayerische Landesregierung mit einer Freigabe zurückhalten", findet Faulenbach: "Wenn eine Regierung als offizielle Rechte-Inhaberin nach sechs Jahrzehnten des Verbots 'Mein Kampf' freigäbe, wäre das symbolisch ein problematischer Akt." Faulenbach warnt, das sei ein "gewaltiger Qualitätssprung - und die Politik ist doch sehr darum bemüht, hier keine falschen Signale zu setzen".

Staatskanzlei will Genehmigung nicht erteilen

Aus dem bayerischen Finanzministerium waren solche Zeichen bislang nicht zu vernehmen. Man arbeitete gemeinsam mit der Staatskanzlei an einer Formulierung, die alles beim Alten lässt: Man erkenne an, dass die Historiker sich um eine kritische Publikation bemühten, heißt es im Communiqué des Finanzministeriums. "Gleichwohl kann das Bayerische Staatsministerium der Finanzen seine Zustimmung zu einem Abdruck des Gesamtwerks vor Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist aus grundsätzlichen Erwägungen nicht erteilen." Man habe sich mit einer restriktiven Haltung sehr viel Anerkennung erworben – davon abzurücken, sei vermutlich riskant. Überdies sei nicht zu erwarten, dass nach dem Erlöschen des Urheberrechts das Werk wild veröffentlicht werde: Das sei strafbar als Verbreitung von verfassungsfeindlicher Propaganda sowie als Volksverhetzung.

Ob die neue Einlassung des Zentralrats der Juden, der ja zu einem Paradigmenwechsel bereits ist, an der Position des Ministerium doch noch etwas ändert, bleibt abzuwarten.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker