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Katholischer Buchversender wirft Homo-Verlag raus: Schwule passen nicht ins "Weltbild"

"Traditionelle Werte": Deutschlands zweitgrößter Buchversender verbannt einen Schwulenverlag. Sadomaso-Schmöker gibt es dagegen bei dem Händler, der katholischen Bischöfen gehört, weiter zu kaufen.

Von Lutz Meier

Wer sich beim Buchversender Weltbild auf die Suche nach "schwulen Liebesgeschichten" macht, bekommt eine vielsagende Nachricht. "Ihre Suche nach schwulen Liebesgeschichten ergab keine Ergebnisse", meldet das System. "Wir zeigen Ihnen die Ergebnisse zu Schulen Liebesgeschichten". Schwule Liebesgeschichten gibt es nicht - ist das das Weltbild des (nach eigenen Angaben) bundesweit zweitgrößten Internet-Buchhändlers? Diese Deutung legt Robert Christofle nahe, der Verleger der Icon Empire Press. Christofle sitzt zwar in Kanada, hat aber neuerdings auch einen deutschsprachigen Titel im Sortiment, "Schwule Liebesgeschichten aus aller Welt". Nach Besprechungen zu urteilen handelt es sich um eine Sammlung harmlos-schnulziger Kurzgeschichten, Romantik, nicht Erotik.

Dennoch bekam Christofle, dessen Bücher nach eigener Angabe bislang problemlos bei Weltbild über die Theke gingen, Anfang der Woche eine E-Mail von der deutschen Buchhandelskette, nachdem er sein erstes deutsches Buch nach Augsburg geschickt hatte. In der knappen Nachricht überbrachte ihm der Weltbild-Konzern seine Reaktion. "Ich habe es mit unserer Spezialabteilung gecheckt", heißt es in der Mail, die stern.de vorliegt. Weltbild fühle sich "eher traditionellen Werten verpflichtet". Daher habe der Konzern beschlossen, alle Bücher des Verlegers aus dem Programm zu werfen. Dieser wundert sich jetzt. "Das ist sehr bizarr", sagt Christofle. "Ich sehe keinen Grund, warum sie an nicht-erotischen schwulen Büchern Anstoß nehmen sollten."

"Hier muss sofort gehandelt werden!", forderte der Papst

Es dürfte mit dem Papst zu tun haben. Wie bei den "Vatileaks"-Enthüllungen des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi im vergangenen Jahr herausgekommen ist, hat der (damalige) Pontifex Bennedikt XIV. inständig auf Veränderungen im Angebot von Weltbild gedrungen. "Hier muss sofort gehandelt werden", notierte demnach der damalige Papstsekretär Georg Gänswein in einem Memo nach einem Gespräch mit dem Kirchenoberhaupt. Prompt begann Weltbild-Konzern sein Programm und seine Beteiligungsstruktur zu sortieren. Dass die Augsburger sich derart von päpstlichen Mahnungen beeindrucken lassen, hat einen simplen Grund. Ihr Konzern befindet sich vollständig im Besitz katholischer Bistümer und anderer kirchlicher Institutionen. Und die befinden sich schon unter Druck, seit katholische Fundamentalistenorganisationen gegen die weltlichen Freuden auf Weltbild Front machen.

Sadomaso bleibt - mit Warnhinweis

So flogen nach der Drohung des Papstes zwar Schmöker wie "Das Schlampeninternat" und "Die Anwaltshure" aus dem Programm. Selbst Klassiker der erotischen Literatur wie Josephine Mutzenbachers "365 Liebhaber" sind heute dort nicht mehr zu finden. Gnade fand bei den gestrengen Sittenwächtern gerade noch ein Werk wie D.H. Lawrences "Lady Chatterly". Und natürlich die gesamte bunte Produktflut rund um die Sadomaso-Schwarte "50 Shades of Grey", für die die Verantwortlichen eine Ausnahme vom Bann machten. Sie lief wahrscheinlich einfach zu gut, als dass sie sie einfach so aus dem Programm werfen wollten. In diesem Fall beschränkte man sich darauf, die Bücher mit einem Warnhinweis zu versehen: "Es ist jedoch darauf hinzuweisen: Die hier beschriebene Unterwerfung der Frau widerspricht dem Welt- und Menschenbild, von dem wir uns als Buchhändler leiten lassen", schreiben die Weltbild-Kaufleute jedem ins Gebet.

Und schwule Liebesgeschichten? Sind die nicht einmal mit Warnhinweis erträglich? Die Weltbild-Sprecherin windet sich. "Das Thema ist einfach sehr komplex und vielschichtig", sagt sie. "Das hat einfach viele Seiten." Wie viele es sind, erfährt man nicht. Weltbild schickt eine geheimnissende Mitteilung, die alle Fragen offen lässt, und die so kurz ist, dass man sie getrost vollständig zitieren kann: „Wir bedauern es, wenn durch unsere Auswahl ein falscher Eindruck entsteht. Wir bitten aber um Verständnis, dass wir uns wie andere Buchhändler auch vorbehalten, einzelne Titel und Verlage aus unterschiedlichsten Gründen nicht zu führen.“

Noch nicht völlig gesäubert

"Normalerweise sind Buchversender liberal", wundert sich Verleger Christofle. "Schließlich wollen sie alle Geld verdienen." Warum seine schwulen Schmonzetten den "traditionellen Werten" mehr widersprechen sollen als die Gewaltphantasien von "50 Shades", kann er nicht recht verstehen. Es gibt übrigens keine Anzeichen dafür, dass eine totale Säuberung von schwulen Geschichten bei Weltbild stattfindet - einige Sach- und Jugendbücher sind dort ebenso auffindbar wie Biographien schwuler Paare - etwa die Geschichte "Behind the Candelabra", die gerade durch die Verfilmung von Steven Soderbergh mit Michael Douglas von sich reden macht und in der der langjährige Partner des Unterhaltungskünstlers Liberace über diese Beziehung berichtet.

Vielleicht ist es ein schwacher Trost für Weltbild-Kunden, dass die Leser des nun nicht mehr erhältlichen Liebesgeschichten-Bands bei der Konkurrenz von Amazon bislang durch die Bank nicht eben begeistert sind. Das Buch sei so schlampig gemacht, es habe nicht einmal Seitenzahlen, urteilt einer.