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Krimi-Bibliothek: Zum Abschied noch ein Leckerbissen

Es ist das letzte Buch der stern-Krimi-Reihe und es hat ein starkes Gewicht, nicht nur wegen seiner 574 Seiten. "Tod in Lissabon" von Robert Wilson zeigt, wie erwachsen und literarisch hochwertig Krimis inzwischen sein können.

Von Thomas Schumann/Kester Schlenz

Sie rollte sich auf die Seite und musste über ein Geräusch lächeln, das klang wie Milch, die auf Cornflakes gegossen wird. Dann bockte sie sich auf die Knie und griff mit ihren stumpfen Fingerspitzen nach der rauen Borke der Kiefer. Ihre Nägel waren bis aufs Bett abgekaut, an einem klebte eine dünne Blutspur. Sie strich sich die Nadeln aus ihrem blonden Haar, als sie die schweren Schritte hörte. Stiefel auf gefrorenem Gras? Nein. Beweg dich. Aber sie brachte nicht die nötige Panik auf, um zu fliehen."

(Robert Wilson: "Tod in Lissabon")

Ein bisschen wehmütig sind wir schon, liebe Leser, denn mit dem "Tod in Lissabon" schließt unsere stern-Krimi-Bibliothek. 24 Autorinnen und Autoren durften wir Ihnen vorstellen, was uns viel Freude bereitet hat. Insbesondere deshalb, weil Sie uns so munter begleitet haben mit Fragen ("Warum so wenig deutsche Titel?"), Kritik ("Viel Ahnung habt ihr ja doch nicht!") und Lob ("Riesenkompliment für die gelungene Serie. Und ein klasse Foto").

Ein Ausrufezeichen setzen wir zum Abschluss aber noch. Denn Robert Wilsons Roman zählt zu unseren absoluten Favoriten. "Tod in Lissabon" ist nicht nur wegen seiner 574 Seiten ein gewichtiges Buch, sondern auch weil es exemplarisch zeigt, wie erwachsen und literarisch hochwertig Krimis inzwischen sein können.

Robert Wilson führt uns nach Berlin ins Jahr 1941, wo wir den SS-Offizier Klaus Felsen kennen lernen. Er wird abkommandiert auf eine geheime und gefährliche Mission: Im politisch neutralen Portugal soll er für die kriegführenden Deutschen das Metall Wolfram heranschaffen - koste es, was es wolle. Also geht Felsen bei seinem Auftrag über einen ganzen Berg von Leichen.

Die Leiche einer 15-Jährigen beschäftigt ein halbes Jahrhundert und 65 Seiten später den Lissabonner Kommissar Zé Coelho. Catarina Oliveira heißt das tote Mädchen, es stammt aus einer angesehenen Familie - und hat als Prostituierte gearbeitet. Die Polizeirecherchen wechseln sich nun kapitelweise ab mit der Geschichte des SS-Offiziers, was wunderbar funktioniert und dem "Tod in Lissabon" einen ganz außergewöhnlichen Charakter verleiht. Zé Coelho treibt die Geschichte als Ich-Erzähler voran, eine Geschichte, die von Rache handelt, sexueller Perversion und dem vollständigen Zusammenbruch zivilisierten Miteinanders. Dass beide Handlungsstränge schließlich zueinander finden, wird Sie nicht überraschen; wie sie das tun, umso mehr. Uns, liebe Leser, würde wiederum nicht überraschen, wenn Sie uns für diesen Tipp noch ein paar dankbare Briefe schickten.

Der Brite Robert Wilson, Jahrgang 1957, hat unter anderem als Werber gearbeitet, bevor er als Schriftsteller Erfolg hatte. "Tod in Lissabon" wurde 1999 mit dem Gold Dagger der Crime Writers Association für den besten englischen Thriller ausgezeichnet. Wilson lebt mit seiner Frau im portugiesischen Alentejo.

Unser Fazit: Wie furchtbar das Grauen von gestern in das Leben von heute eingreifen kann - das ist selten präziser, spannender und schlüssiger präsentiert worden.

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