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Berlinale-Tagebuch: Der "Babynator " als Gangster

Warum ein Film nicht langweilig genug für den Wettbewerb ist, wenn "Babynator" Vin Diesel die Hauptrolle spielt, und wie Chabrol zum siebten Mal Isabelle Huppert mit ihrem unterkühlten Charme einsetzt.

Es wird viel diskutiert auf der diesjährigen Berlinale, und das nicht nur über politisch wertvolle oder kontroverse Wettbewerbsbeiträge. Zerbochen wird sich der Kopf auch etwa über die Frage, was denn das probateste Mittel gegen die übliche Festival-Erkältung ist. Oder über das Pro und Contra, ob nach Beginn der Pressevorstellung noch Zuschauer ins Kino gelassen werden dürfen, die dann beim Durchpressen auf die letzten freien Plätze mit ihren ambossschweren Umhängetaschen das eine oder andere Schädeltrauma bei den Kollegen verursachen.

Weitere exkurswerte Themen: Wie lange dauert's noch bis zum Filmfest-Kollaps? Ist der Vorwurf seitens exil-iranischer Regisseure gerechtfertigt, dass die sechs hier gezeigten Filme aus ihrem Land Propaganda für das Regime in Teheran betreiben? Braucht die Welt eine Fußball-Oper von Robert Wilson und Herbert Grönemeyer? Warum treibt sich der Leinwand-Prügler Steven Seagal in der Stadt herum? Und wie, zum Henker, kann es passieren, dass sich der Action-Klotz Vin Diesel in einen Film von Sidney Lumet verirrt?

Babynator bei Altmeister Lumet in der Lehre

Zumindest die letzte Frage lässt sich relativ einfach beantworten: Weil ihn sich die mittlerweile 80-jährige Regie-Legende ausgesucht hat. Und damit das Unmögliche möglich gemacht hat: Der grobschlächtige Held filmhistorisch denkwürdiger Werke wie "The Fast And The Furious", "Riddick" oder "Der Babynator" darf beweisen, dass er tatsächlich mehr kann, als grunzend Autos durch die Gegend zu steuern oder den Bleigehalt der Luft um hundert Prozent zu steigern.

Vin Diesel spielt Gangster mit knuffigem Charme

In Lumets Bären-Beitrag "Find Me Guilty" verkörpert Diesel mit Verve und knuffigem Charme den Gangster Giacomo "Jackie Dee" DiNorscio, der mit 20 Mitgliedern der Lucchese-Familie wegen diverser Vergehen vor Gericht steht. Das Besondere an der Angelegenheit: DiNorscio verzichtet auf einen Anwalt, verteidigt sich selbst, bringt dabei das Kunststück fertig, mit Schlagfertigkeit und rustikalem Witz den Anklägern immer wieder Knüppel zwischen die Beine zu werfen und schließlich einen Freispruch für alle Angeklagten und Haftverkürzung für sich selbst zu erreichen.

Lumets Film beruhrt auf wahrer Begebenheit

Noch bemerkenswerter: Das Ganze ist in den achtziger Jahren tatsächlich passiert. Der Prozess, in dem 76 unterschiedliche Fälle verhandelt wurden, ging mit 21 Monaten als der längste in die US-Justizgeschichte ein. Sidney Lumet hat daraus ein Courtroom-Drama gemacht, das mit seinen schrägen Figuren, Situationen und Dialogen eher als Komödie durchgeht.

"Find me guilty" nicht langweilig genug für Wettbewerb

Der Altmeister, der dank Klassikern wie "Die 12 Geschworenen", "Serpico" oder "Prince of the City" als der große Gerechtigkeits-Kämpfer Hollywoods gilt, war selbst ein wenig überrascht, dass der Film für den Wettbewerb akzeptiert worden ist. "Eigentlich ist er viel zu konventionell", gestand er auf der Pressekonferenz und ergänzte unter schallendem Gelächter der Anwesenden: "Außerdem ist er dafür nicht langweilig genug." Wo er Recht hat, hat er Recht.

Chabrols Politikthriller

Von daher ist das jüngste Lichtspiel des Nouvelle Vague-Kempen Claude Chabrol hier bestens aufgehoben. Und ironischerweise bewegt sich "L'ivresse du pouvoir" exakt auf jenem Terrain, das Lumet einst mit viel Erfolg und überzeugend beackerte: der aufklärererische Polit-Thriller der Siebziger. Wie nicht anders zu erwarten heißt seine Hauptdarstellerin erneut Isabelle Huppert, die bereits zum siebten Mal in gewohnt unterkühlt-neurotischer Manier vor seiner Kamera agiert.

Sauerstoffzelt für die zweite Hälfte

In diesem Fall spielt die rothaarigste Diva des französischen Kinos eine hartgesottene Untersuchungsrichterin mit dem aufdringlich vieldeutigen Namen Jeanne Charmant Killman, die zahlreiche korrupte Manager und Politker festzunageln versucht. Im Verlauf der Ermittlungen des Falls, der starke Parallelen zur Elf-Aquitaine-Affäre aufweist, beginnt Jeanne zunehmend den Verlockungen ihrer Macht zu erliegen. Sie genießt es, unabhängig von Schuld oder Unschuld, die Reputation und Leben der Verdächtigen zu zerstören. Der Genuss für den Zuschauer verringert sich indes kontinuierlich im Verlauf der 110 Filmminuten. Chabrol gelingt es trotz pointierter Spitzen nicht, die Spannung zu halten. Der zweiten Hälfte hätte ein Aufenthalt im Sauerstoffzelt bestimmt nicht geschadet.

"Isabella" ist Liebesgeschichte aus China

Bei Pang Ho-Cheungs Drama "Isabella", das in der Zeit kurz vor der Übergabe der portugiesischen Kolonie Macau an China spielt, fangen die Probleme erst nach rund 70 Minuten an. Bis dahin waren wir außerordentlich gerührt von der Geschichte der 16-jährigen Yan (zum Knuddeln: Isabella Leong), die plötzlich im lotterigen Leben des korrupten Polizisten Shing auftaucht und diesem eröffnet, sie sei seine Tochter. Wie die beiden sich einander mal zärtlich, mal rüde annähern, geht wirklich zu Herzen. Am Ende beschließt Shing, obwohl er inzwischen erfahren hat, dass die Kleine doch nicht von ihm ist, zu schweigen, Verantwortung zu übernehmen und für seine Taten ins Gefängnis zu gehen. Statt sich mit einem einfachen, gültigen Ausstieg aus der ganzen Angelegenheit zu begnügen, reiht Cheung nun die letzten 20 Minuten ein vermeintliches Finale an das andere, so dass das Ganze wirkt wie ein DVD-Kapitel "Alternative Enden", und der tränenumflorte Betrachter darob innerlich schreit: "Es reicht, ich hab's jetzt kapiert!"

Darüber kann man natürlich genauso diskutieren wie über das beste Rezept gegen die Berlinale-Influenza. Macht, was Ihr wollt, ich nehme jetzt ein heißes Bad und trinke einen Becher Tee mit Zitrone.

Bernd Teichmann