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Literatur: Wladimir Kaminers deutsches Dschungelbuch

In seinem neuen Buch hat der russische Autor Wladimir Kaminer seine Abenteuer in der deutschen Provinz zusammengetragen, von Sinsheim bis Sindelfingen, von Regenstauf bis Regensburg.

"Der Russe kommt - das klingt für uns immer noch furchtbar." Das schrieb das "Schwäbische Tagblatt", als Wladimir Kaminer bei seiner Lesereise in einem Tübinger Studentenclub Station machte. Dieser revanchiert sich jetzt, ebenfalls nicht ohne Ironie, mit seinem neuen Buch "Mein deutsches Dschungelbuch". Darin hat der Russe seine Abenteuer in der Provinz zusammengetragen, von Sinsheim bis Sindelfingen, von Regenstauf bis Regensburg.

Kaminer ist dabei wie gewohnt ein guter Erzähler. Gern fährt man mit ihm nach Stralsund, wo er in einem Imbiss einem Hussein-Doppelgänger begegnet und nach Mölln, das sich im Internet als "Eulenspiegelstadt mit Herz" anpreist. Überhaupt: "Ich bin gerne im Norden. Die Menschen sind dort ruhiger. Sie sitzen still in ihren Zugabteilen und quatschen einander nicht voll, sondern schauen nachdenklich aus dem Fenster in die Ferne, wo oft gar nichts zu sehen ist", so beginnt das Kapitel "Buddhistenhühner (Oldenburg - Rostock - Hamburg)".

Von Buchhändlern und Zuhörern geliebt

Das ist Stoff, der sich gut zum Vorlesen eignet. Und das ist Kaminers große Stärke. Buchhändler tragen ihn auf Händen, seine Zuhörer lieben ihn. Und Kaminer, der frei von arroganten Attitüden ist, zeigt sich geduldig, auch wenn er überall die gleichen Fragen hört: "Wie haben Sie unsere Sprache gelernt?", "Haben Sie nicht Heimweh?", "Träumen Sie auf Deutsch oder Russisch?", "Wie gefällt es Ihnen in Deutschland?" Zwischen den Zügen der Deutschen Bahn, Lesebühne und Hotel (in dem fast immer ein Autogramm von Roberto Blanco hängt) beobachtet Kaminer: "Die Innenstädte veröden, draußen werden riesengroße Malls nach amerikanischem Muster gebaut, mit zwanzig McDonalds-Filialen und einem Multiplexkino."

Erlebnisse einer Lesereise

Gut fünf Bücher hat Berlins prominentester Russe seit dem Jahr 2000 schon veröffentlicht. Das sechste, das schon in die Bestsellerlisten geklettert ist, mutet ein bisschen wie ein Schnellschuss an. Die Erlebnisse einer Lesereise, die in den vergangenen Jahre als Marketinginstrument immer wichtiger geworden ist, in einem Buch zu sammeln, ist zudem nicht neu.

Stellenweise Witz wie bei Mark Twain

Deutschland aus der Sicht eines Ausländers: Das ist so, als ob man im "Lonely Planet", dem amerikanischen Reiseführer, etwas über das eigene Land liest. Das kann durchaus lehrreich und unterhaltsam sein. Kaminers "Dschungelbuch" wirkt auch streckenweise wie die Abenteuer des US-Reiseautors Bill Bryson; an seinen besten Stellen blitzt ein bisschen Witz wie bei Mark Twain hervor. Das Fazit: kein großer Wurf, aber ganz passable Lektüre für eine zweistündige Zugfahrt.

Caroline Bock

Wladimir Kaminer: Mein deutsches Dschungelbuch.
Verlag Manhattan, München; 254 Seiten, 18 Euro