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Literaturkolumne: Jetzt wird weitergelesen!

In der ersten Folge ihrer Kolumne "Weiterlesen" wirft Elke Heidenreich einen Blick auf das literarische Jahr 2009 und schreibt über Schauspieler, die sich als Autoren versuchen.

Von Elke Heidenreich

Natürlich wird weiter gelesen. Natürlich wird weiter über Bücher gesprochen, wenn auch in einem anderen Medium. Natürlich verliert man da einige Zuschauer, aber natürlich gewinnt man neue hinzu, das ist der Lauf der Dinge. Tante Lilli wird nun nicht mehr jammern: "Kind, das ist so spät, da schlafe ich doch", sie wird jammern: "Kind, Internet, das versteh ich doch gar nicht". Macht nix, Tante Lilli, in den ersten Buchhandlungen sah ich schon Tische mit meinen Empfehlungen per Internet, es funktioniert.

Ein Jahr lang habe ich das ZDF gebeten in Briefen, Anrufen, Mails: bitte einen besseren Termin. Bitte die Kultur etwas früher. Es war nicht möglich. Nun also: www.litcolony.de und siehe da, rund um die Uhr wird angeklickt. Und nach mir keine Kochsendung. Tolles Gefühl. Und gleichzeitig hier unter stern.de einmal im Monat die "Weiterlesen"-Kolumne zu dem, was anliegt in Sachen Literatur und Kultur und überhaupt.

Neues Jahr, neues Glück, neue Bücher. In der berühmten Zeit "zwischen den Jahren" das Studium der Kataloge, und wieder mal fällt ihnen nichts anderes ein, als das gleiche Cover auf zwei Bücher zu drucken. Die Neuausgabe der "Kameliendame" bei dtv sieht genauso aus wie Sandor Marais "Die Glut", war wohl kein anderes Bild weltweit zur Hand- aber es heißen ja auch gleich zwei Bücher "Lebenslänglich", also nicht nur gleiche Titel, auch gleiche Inhalte.

"Bitterfotze" und "Blindfisch"

Rowohlt bietet stolz Ryan Knighton an, "Augenzeuge" - die Geschichte einer Erblindung über 15 Jahre hinweg. Tja, dasselbe Thema gab's vor einigen Jahren von Jim Knipfel, hieß damals "Blindfisch" und war ein großartiges Buch, für das der Verlag nichts, aber auch gar nichts getan hat. Nun also noch mal neu, alles schon vergessen? Und Kiepenheuer & Witsch bietet den Titel "Bitterfotze" an, da klappt man dann den Katalog lieber gleich zu und wundert sich, wo dazu die Stimme von Alice Schwarzer bleibt, die im selben Verlag veröffentlicht.

Es fällt auf: viele Weltrettungstitel. Es geht in allen Verlagen um Zukunft, Weltrettung, tapfer sein, Innovation statt Depression, jeder kann "es" (was eigentlich?) schaffen, wenn er nur will! Na dann. Die Welt ist in einem schlechten Zustand, überall Krieg, Krach, Pole schmelzen, Eisbären sterben, Afrika hat Cholera und Hunger, Amerika hat Obdachlose, Europa denkt noch, es ist alles gut, weil aus dem Automaten immer noch Geld kommt, wenn man das Kärtchen reinsteckt. Bücher retten die Welt - quer durch alle Verlage.

Ruth Moschner über Möpse

Immer noch werden neue entdeckte Ungarn der 30er Jahre aus irgendwelchen Löchern gezogen und angepriesen, Skandinavien kommt, Ungarn bleibt, Spanien erstaunt. Deutschland grämt sich, wie immer. Aber alle Prominenten schreiben, Armin Rohde übers Schauspielersein, Bürger Lars Dietrich über 20 Jahre Mauerfall, Welttorhüter Lutz Pfannenstiel über seine Abenteuer als - richtig! Welttorhüter vom 1. FC Bad Kötzting bis Malaysia. Ruth Moschner schreibt über Möpse, welche auch immer, und Gunter Gabriel bietet als "deutscher Johnny Cash" (großer Gott, da fehlt aber noch viel!) seine Erinnerungen eines Rebellen an, "Wer einmal tief im Keller saß". Nanu, sitzt er da denn nicht mehr? Glückwunsch!

Jan Seghers wird uns als neuer Mankell verkauft und sieht auf dem Photo doch nur wieder aus wie Matthias Altenburg, warum dann ein Pseudonym? Romy (Schneider) klingt ab, Hilde (Knef) kommt, Ferres findet endlich mal nicht mehr statt. Humboldt gibt's noch reichlich. Weil er am 6. Mai seinen 150. Todestag hat und weil Kehlmann derart gut vorgearbeitet hat. Kehlmann ist wie stets überall zu jedem Thema, auf jedem Buch, in jedem Katalog, da bin ich froh, dann werde nicht mehr ich dauernd zitiert. Ich muss ja nur irgendeinen blöden Satz sagen, schwupp, steht er auf dem Buch, egal, ob ich ihn zu diesem Buch oder zu einem ganz anderen desselben Autors gesagt habe. Frau H.: "Ein wunderbares Buch".

Überhaupt, schöne Sätze stehen auf den neuen Büchern: "Dieser Autor kann schreiben!" Na, das hoffen wir doch. Noch schöner: "Da schreibt einer, der schreiben kann." Warum wird ein Lektor, der sowas auf ein Buch setzt, nicht einfach entlassen? Wieviel feinsinniger dagegen dieses: "Dass er aber zum Schreiben verdammt und berufen ist, lassen seine vier Etüden als Gewißheit erscheinen." Ja, das wollen wir lesen!

Bittbriefe der Verlage

Schön auch wieder zum Jahresbeginn die Briefe von Büchermenschen, "Liebe Frau H., halten Sie das Buch doch bitte mal hoch, das reicht schon." Reicht eben nicht, lieber Herr U., wer mir sowas nahelegt, kommt gleich gar nicht mehr vor. Was bleibt noch? Elfriede Jelineks wunderbarer Satz: "Keiner im wirklichen Leben redet wie im wirklichen Leben."

Neues Jahr, neues Gück, neue Bücher. Anna Gavalda ist viel besser als ich dachte, ihr Roman mit dem dämlichen Titel Alles Glück kommt nie (Hanser Verlag) ist keine Trutschen-Literatur, sondern ein sehr intelligenter Spaß. Alison Lurie unterhält in Paare (Diogenes Verlag) gut und weiß noch mit über achtzig, wie das so läuft mit den Intrigen und Affären. Margaret Atwood macht sich in Payback (Berlin Verlag) Gedanken über Schulden und wie wir da weltweit derart reinrasseln konnten, und Stefan Aust, ehemals Chefredakteur beim "Spiegel", legt uns Marionetten von John LeCarré ans Herz und erzählt uns, was er jetzt eigentlich so treibt. Zum Schluss ein Tip: Alexander Gorkow macht Gespräche mit Prominenten, die besser sind als alles, was es an Interviews sonst noch so gibt. Draussen scheint die Sonne (KiWi Verlag) heißt sein Buch.

"Was bleibt von der Kunst? Wir als Veränderte bleiben." Robert Musil. In diesem Sinne: 2009 kann losgehen.