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Marlon Brando: Endstation Seemannsgarn

Schon früh hatte sich Marlon Brando den Ruf eines unbeugsamen Freibeuters erspielt. Mit 55 heckte er einen Piratenroman aus - ein Angebot, das wir nicht ablehnen können.

Von Stephan Maus

Marlon Brando las keine Romane. Nie. Das hinderte ihn nicht daran, einen zu schreiben. Und was für einen. Ende der Siebziger hatte der Wilde schon ziemlich die Faxen dicke von Produzenten, Regisseuren und Glamour - aber am meisten von sich selbst. Bei den Dreharbeiten zu "Meuterei auf der Bounty" war er dem Charme der Südsee erlegen und zog sich seitdem oft auf sein Atoll Tetiaroa zurück, das er für 99 Jahre gepachtet hatte. 99 Jahre Ruhe. Hier wollte er eine Künstlerkolonie errichten, eine Hummerfarm und ein Hotel. Doch das Projekt scheiterte an den Kosten. Am besten war Brando immer im Scheitern.

Aber zu irgendetwas musste die Südsee vor der Haustür doch gut ein. Zu einer Piratengeschichte, wozu sonst! Freibeuter schienen Brandos Fantasie noch am ehesten zu stimulieren. Der eiscremesüchtige Rebell hatte immer davon geträumt, alles selbst in die Hand nehmen: Drehbuch, Produktion, Regie und Hauptrolle. Jetzt wollte er das Oberkommando über eine Piratenposse übernehmen. Brando schlug die Idee dem schottischen Bohemien und Drehbuchautor Donald Cammell vor. Als Spross einer Schiffbauerfamilie war Cammell prädestiniert für maritime Abenteuer. Sein Vater hatte das riesige Familienvermögen verspekuliert. Der Sohn kannte sich also aus mit dem Verprassen von Seemannsschätzen.

Zwei Hallodris und eine schöne Asiatin

Außerdem hatte er 1970 mit "Performance" einen psychedelischen Experimentalfilm mit Mick Jagger in der Hauptrolle gedreht, in dem die Kamera für einen Moment die Perspektive einer fliegenden Pistolenkugel einnimmt. Dieser Exzentriker schien genau der Richtige, um sich einer Piratengeschichte mit dem nötigen Wahnsinn zu nähern. Cammell war begeistert und flog auf Brandos Privatatoll. Mit dabei: Cammells Frau China Kong. Zwei Hallodris und eine schöne Asiatin: beste Voraussetzung für pikante Piratenabenteuer.

Acht Monate lang sponnen die Männer 1979 ihr Seemannsgarn, das erst zu einem Drehbuch, dann zu einem Roman verwoben werden sollte. Auch als Romancier machte Brando, was er am besten konnte: Der Meister des Method Acting schlüpfte in unterschiedliche Rollen, improvisierte und ließ seinen Obsessionen freien Lauf. Cammell schrieb mit. Die Jungs hatten großen Spaß, wie aus China Kongs Berichten hervorgeht: "Sie schrieben jeden Tag: Sie sprachen und spielten die Szenen, machten Aufnahmen, hauchten den Figuren Leben ein. Es war wirklich lustig anzusehen, wie die beiden auf der privaten Landebahn der Insel auf und ab gingen: Der eine Umriss schmächtig, der andere ein bisschen kräftiger. Marlon trug ein zerfetztes weißes T-Shirt à la "Endstation Sehnsucht", Donald den Panamahut - sein Markenzeichen. Selten hatte ich Marlon in so guter Stimmung erlebt."

Und so ist "Madame Lai" ein ausgelassener Bubenstreich geworden: März 1927. In China tobt der Bürgerkrieg. Der schottisch-amerikanische Kapitän Annie Doultry hockt wegen illegalen Waffenhandels im Knast von Hongkong. Doultry ist ein naturgetreues Brando-Double: ein flatterhafter Geist mit gebrochener Nase und einer Vorliebe für asiatische Frauen. Der Zeitvertreib des verfettenden, sanften Machos: Kakerlakenwettrennen.

Aus einer Spielerlaune heraus rettet er seinen Schabetierlieferanten Hai Cheng vor dem Galgen. Cheng ist Pirat, und kaum kommt Doultry aus dem Knast, nimmt die dankbare Piratenkönigin Lai Choi San mit ihm Kontakt auf. Die Herrscherin über das Südchinesische Meer ist so schön wie China Kong, die Herrscherin über Cammells - und wer weiß: auch Brandos? - Herz. Doultry und Madame Lai kommen ins Geschäft und erbeuten bei einem Überfall auf ein englisches Schiff 308 schimmernde Perlen, mit denen sie die finstersten Winkel ihrer Körper lustvoll zum Leuchten bringen. West-östlicher Orgasmus und Abspann.

Taifun, Triaden und Piratensex: Die Jungs drehen auf, dass die Dschunke kracht. Doch bei aller Seeräuberfolklore spiegelt ihre Hanswurstiade auch die Ernüchterung durch eine prosaische Moderne wider. Die Piraten sind hier keine säbelschwingenden Wilden, sondern raffinierte Strategen, die einen Überfall auf ein Dampfschiff so genau planen wie ein Hollywood-Boss seinen nächsten Blockbuster. Doultry empfindet nur noch Bedauern für Piraten, die auf ihre eigene Legende hereinfallen. Die traditionsreichen chinesischen Seeräuber haben Schwierigkeiten, ihren Platz in der Gegenwart zu finden. Wie Brando selbst, so schwingt auch sein Piratenroman zwischen zwei unvereinbaren Gegensätzen: der Fortschreibung eines Mythos und seiner Entzauberung. Brando zerbrach an diesem Widerspruch. Seiner Schauspielkunst kam er immer zugute.

Ein Roman wie ein Furzkissen

"Madame Lai" ist ein Roman wie ein Furzkissen. Brando liebte Furzkissen. So, wie er das Schmierentheater liebte. Seine Rebellion verströmte naives Pathos. Genau das machte sie größer als das Leben selbst. Natürlich schreibt man mit einem solch pubertären Gemüt keine "große Literatur." Aber ist "große Literatur" nicht etwas für höhere Töchter? Brando jedenfalls dürstete nach salzwasserdurchtränkter Pulp Fiction voller extravaganter Bilder, allesamt schiefer als der Fockmast eines Segelschoners nach einem Taifun. Dem Schriftsteller Truman Capote gestand Brando einmal seine kurze Begeisterungsfähigkeit: "Genau sieben Minuten, das ist das Limit."

Seinen Piratenroman hat Brando nie fertiggestellt. Kaum war die Zeit der Improvisation beendet, kaum ging es an die Schriftstellerfron, verlor Brando die Lust - er hätte ja lesen müssen. Cammell schrieb den Roman anhand seiner Skizzen weiter, der Filmhistoriker David Thomson vollendete ihn 2005. So entstand das treffendste Porträt Brandos: In "Madame Lai" tritt er als illoyaler, aber sympathischer Freibeuter auf, den weder Sex, Geld noch Macht länger als sieben Minuten fesseln können. Nur das Spiel um des Spielens Willen treibt ihn über alle Weltmeere.

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