Maxim Biller Autobiografisches ohne Verkleidung


In seinem neuen Buch "Bernsteintage" verarbeit Maxim Biller seine Prager Kindheit. Dabei geht es stets um das Vergangene, das in die Gegenwart ragt und in der Erinnerung konserviert ist wie in Bernstein.

Flucht und Exil, Judentum, die Schuldgefühle der Überlebenden - in den sechs Kurzgeschichten seines neuen Buches "Bernsteintage" bleibt Maxim Biller seinen Themen treu. Mal schildert er aus der Sicht eines Achtjährigen den letzten Sommer der Tschechoslowakei vor dem sowjetischen Einmarsch, mal gewährt er einen Blick in das Innenleben eines Mannes, der seine Familie bei einem Terroranschlag verloren hat. Doch bei aller Vielfalt der Perspektiven: Stets geht es um das Vergangene, das in die Gegenwart ragt und in der Erinnerung konserviert ist wie in Bernstein.

Am deutlichsten wird das im Titelstück. Der geistig frühreife David verbringt den Sommer in einer Kurklinik, während seine Eltern in Prag die Flucht nach Deutschland vorbereiten. Doch die politischen Ereignisse bleiben im Hintergrund. Weit präziser als die Fernsehbilder prägen sich David die "windgebeugten Fichten" und die Neckereien mit seinen Stubenkameraden ein. Weit mehr als die Zeitgeschichte beschäftigen ihn die Aufgaben, die die ältere Schwester ihm mit in die Ferien gegeben hat. Als schließlich die Panzer durch die Straßen rasseln, ist David beinahe enttäuscht: "Einen Krieg überstand man ja wie nichts."

Ärger mit der Justiz

Zu Billers schriftstellerischen Spezialitäten zählt es, Autobiografisches ohne jede Verkleidung in seine Werke einzuarbeiten. Bei seinem Roman "Esra" hat ihm das im vergangenen Jahr Ärger mit der Justiz eingetragen: Das Landgericht München stoppte dessen Erscheinen, weil sich Billers Ex-Freundin und deren Mutter in den Figuren allzu genau wiedererkannten. Dieselbe "Eins-zu-eins"-Übernahme, die die Richter bei "Esra" feststellten, prägt auch die Titelgeschichte der "Bernsteintage". Das Verhältnis der Geschwister gleicht bis ins Detail den Schilderungen von Billers Schwester Elena Lappin über die gemeinsame Kindheit in Prag.

So wenig Biller in der Handlung nach literarischer Verfremdung strebt, so wenig Wert legt er auch auf sprachlichen Zierrat: Schlicht und unaufgeregt lässt er seine Sätze dahinfließen, präzise Bilder und treffende Beobachtungen beiläufig aneinander reihend.

Kern der Erzählung wird zum Exposé

Bisweilen geraten ihm die Schilderungen allerdings gar zu lakonisch. In der letzten Erzählung lässt Biller einen jungen Mann von München nach Prag reisen. Er sucht den letzten Film seines toten Vaters und entdeckt dabei den Grund für die Trennung der Eltern und die Flucht der Mutter in den Westen - eine tragische Verstrickung von geradezu epischen, bis in die Nazi-Zeit zurückreichenden Dimensionen. Biller komprimiert sie allerdings auf anderthalb Seiten; er referiert sie, statt sie ästhetisch erfahrbar zu machen. So gerät der Kern der Erzählung zum Exposé eines Romans - den man gern gelesen hätte.

Wolfgang Harms DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker