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Kolumne: Hier spricht der Boomer Wie kann man auf die Idee kommen, dass Lisa Eckhart eine Antisemitin ist?

Lisa Eckhart
Mit Lisa Eckart haben wir den kostbaren Fall einer Künstlerin, die ein tiefes moralisches Bewusstsein hat, aber keine Lust zu moralisieren – meint unser Kolumnist.
© Axel Heimken/dpa
Das Urteil über die Kabarettistin Lisa Eckhart ist gefällt. Für viele Kritiker ist sie eindeutig eine Antisemitin. Unser Kolumnist ist anderer Meinung und fragt: Wie kann man die Kunst dieser Frau missverstehen?

Es gehört zum Wesen des heutigen Antisemitismus, dass er ganz tief in den in den Gehirnwindungen stattfindet. Nie auf offener Bühne. Dieser geistige Unrat blüht im Verborgenen. Manchmal unbewusst. Vielleicht an bestimmten Stammtischen. In der Öffentlichkeit hält man sich mit solchen Ansichten zurück.

Aber weder den Autoren Maxim Biller, noch Felix Dachsel, Chefredakteur von Vice, oder das American Jewish Committee stört das bei der schlichten Gleichung: Die Kabarettistin und Autorin Lisa Eckart bringt auf offener Bühne und vor den TV-Kameras antisemitische Sprüche, also ist sie eine Antisemitin.

Sehen Sie im Video: stern-DISKUTHEK – wann ist Kritik an Israel antisemitisch? Eine Jüdin diskutiert mit einem Bischof.

Kabarett in Deutschland: Ort geistiger Ödnis

Kabarett in Deutschland war zu den meisten Zeiten ein Ort geistiger Ödnis. Der Begriff Kleinkunst trifft es sehr gut. Man geht ins Kabarett, weil man seine eigene Meinung bestätigt sehen will. Wer von den verlässlichen Schenkelklopfern wie dem rituellen FDP-Bashing abweicht, hat es schwer im deutschen Moralisierungsbetrieben wie der "Anstalt" oder "Heute-Show".

Mit Lisa Eckart haben wir aber den kostbaren Fall einer Künstlerin, die ein tiefes moralisches Bewusstsein hat, aber keine Lust zu moralisieren. Das kommt nicht gut an in Deutschland. Hier werden zwar dauernd "unbequeme Wahrheiten" gefordert, aber wenn es richtig unbequem wird, sind die meisten ganz schnell überfordert.

Aber gute Kunst muss schmerzen. Schmerz ist ein verlässliches Mittel zur Erkenntnis. Katharsis nennt man das. Wir sind gerade dabei, jeden Straßennamen, jedes Denkmal, jedes Wort, jeden Witz, der Schmerzen verursachen könnte, zu bekämpfen und abzuschaffen. Der Schmerz muss weg. Und deshalb muss auch Lisa Eckhart abgeschafft werden. Viele ertragen es nicht, dass sie uns die Abgründe unserer Gesellschaft vor Augen hält und keinerlei Belehrungen oder Erklärungen parat hat.

In Eckharts schneidigem Operetten-Outfit, ihrer larmoyanten Sprache und dem schnarrenden Offiziers-Ton müsste auch der letzte Kommentator ihre messerscharfe Ironie erkennen können. Es ist eben nicht ihr eigener Antisemitismus, den sie ausstellt, sondern ein Antisemitismus, der im Verborgenen blüht.

Doch Eckharts offensichtlichster künstlerischer Bruch ist, dass sie klar und überdeutlich ausspricht, was immer noch in Millionen deutschen Köpfen herumspukt. Judenfeindlichkeit, die wie ein hartnäckiges, übles Gift, in vielen Gehirnen überlebt hat. Auch bei Menschen, die niemand als Antisemiten verdächtigen würde. Am wenigsten sie selber.

Lisa Eckhart spricht das alles furchtlos aus, zaubert dieses scheinbar ewige Ungeheuer vor unseren erschrockenen Augen auf die Bühne – und erlegt es dadurch mit tödlicher Eleganz. Applaus!


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