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Mein Leben als Mensch (Teil 103): Botschafter-Inflation

Viele Prominente sind als Botschafter unterwegs: Sie gehen für eine Stiftung irgendwo hin und sind da. Jan Weiler hätte diese Verpflichtung auch ganz gern. Zum Beispiel 2010 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Er weiß auch schon, welche Stiftung sich eignen könnte.

Von Jan Weiler

Neulich im Fernsehen: Oliver Kahn beim Länderspiel mit großen Neuigkeiten. Der Titan wird jetzt Botschafter der Sepp-Herberger-Stiftung. Hammer! Wäre ich auch gerne. Was man da machen muss? Man kommt halt einfach dazu, wenn irgendwo was ist, und dann ist man eben da. Es gibt allerhand Botschafter für alles Mögliche, die eingeladen werden, damit sie halt dazukommen und dann da sind.

Franz Beckenbauer war zum Beispiel "Botschafter der Leidenschaft", ganz offiziell. Und mit diesem Titel wurde keineswegs sein Einsatz bei Weihnachtsfeiern des FC Bayern gewürdigt, sondern jener für die vergangene Fußballeuropameisterschaft in Österreich und der Schweiz. Da war er einfach für den österreichischen Fußball-Bund da. Jeannette Biedermann ist Botschafterin des Deutschen Roten Kreuzes. Wann immer es ihr möglich ist, macht sie sich für Straßenkinder in Peru stark, zum Beispiel indem sie öffentlich sagt, dass sie sich für Straßenkinder in Peru stark macht. Sie hat sogar schon mal was gespendet.

Wichtige Botschafterstellen

So gesehen sind wir natürlich alle irgendwie Botschafter, bloß mit dem Unterschied, dass wir nie zu Fußballländerspielen oder in TV-Sendungen eingeladen werden, wo wir zwischen anderen Botschaftern sitzen und uns dufte fühlen. Da ist für uns kein Platz mehr, die wichtigen Botschafterstellen sind inzwischen alle belegt, manchmal übrigens von Prominenten, die ansonsten offenbar gar nichts mehr sind als Botschafter für irgendwas.

Minh-Khai Phan-Thi firmiert zum Beispiel als Botschafterin des Welt-Aids-Tages, und ihre Botschaft lautet: "Aids ist eine unheilbare Krankheit. Nicht vergessen." Oh Gott! Stimmt ja! Danke! Sie firmierte zudem als "EU-Botschafterin des Europäischen Jahres des interkulturellen Dialogs 2008 in Deutschland".

Die rettende Idee

Doch diese Ehrentitel machen praktisch gar nichts her gegen die Charity-Diamanten, die in Sabine Christiansens Stiftungskrönchen funkeln. Sie ist nämlich nicht nur - hallo! - Unicef-Botschafterin, was mal ein ganz anderer Schnack ist, als den Kids so'n bisschen was über Aids zu erzählen. Frau Christiansen darf man ihrer vielen Aufgaben wegen getrost als Nestorin des deutschen Stiftungswesens bezeichnen. Sie ist nämlich auch noch gleichzeitig Vorstandsmitglied in der Stiftung "Bündnis für Kinder - Gegen Gewalt", dazu Beiratsmitglied in der Stiftung "Children for tomorrow", Mitglied im "Ehrenkomitee Special Olympics Deutschland e. V.", Mitglied des Kuratoriums der Otto-Hahn-Friedensmedaille, Mitglied der Lejeune Academy "Herz für Herz - Stiftung für Leben!" sowie die Mensch gewordene Sabine-Christiansen-Kinderstiftung, über welche außer dem Namen praktisch nichts herauszufinden ist, nicht einmal auf der Website der Gründerin und Vorsitzenden Sabine Christiansen. Ist aber auch egal. Jedenfalls sind für Sie und mich, also für die letzten Deutschen, die noch nicht irgendwo als Botschafter abhängen, keine Plätzchen mehr in irgendwelchen Stiftungsräten und VIP-Logen frei. Was tun? Ha! Wir erfinden einfach neue Stiftungen.

Hat der mittlerweile von Veronica Ferres getrennt lebende Martin Krug schließlich auch gemacht und den Verein "Power Child e. V." gegründet. Geniale Idee, denn erstens hat Veronica Ferres die Schirmherrschaft übernommen, und das ist viel mehr als so ein popeliger Mitglieds- oder Botschaftertitel, und zweitens findet jährlich die Benefizgala "United People Charity Night" statt, bei der Prominente ohne Botschafterfunktion wenigstens spenden dürfen.

Ich will jetzt auch eine Stiftung. Gestern hörte ich im Radio einen Bericht über einen Studenten, der sich wissenschaftlich mit der zypriotischen Ringelnatter befasst. Davon gibt es auf Zypern nicht mehr viele. Es brauchte zur Unterstützung des Reptils jemanden, der zu Länderspielen reist und einfach da ist. Ich stelle mich hiermit für dieses Amt zur Verfügung. Ich bin ab sofort Botschafter der Zypriotischen-Ringelnatter-Stiftung. Jetzt muss sich nur noch jemand finden, der sie gründet, damit ich gratis zur Weltmeisterschaft nach Südafrika kann, um mit dem Botschafter der Sepp-Herberger-Stiftung im WM-Studio zu stehen. Ich komme einfach dazu und bin dann eben da. Und abends gibt's ein Pils mit dem "Botschafter der Leidenschaft". Wenn man schon mal irgendwie da ist. Zum Wohl.

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