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stern-Gespräch

Tochter von Liv Ullmann und Ingmar Bergmann: Schriftstellerin Linn Ullmann: "Ich wollte so schnell wie möglich erwachsen werden"

Die Schriftstellerin Linn Ullmann ist die Tochter der Schauspielerin Liv Ullmann und des Regisseurs Ingmar Bergman. Sie spricht nicht gern über ihre Eltern, sagt sie – und erzählt schließlich doch aus ihrer Kindheit.

Von Dirk van Versendaal

Mutter Liv Ullmann, Vater Ingmar Bergmann: Linn Ullmann im Interview

Linn Ullmann hat sechs Romane geschrieben. Der jüngste hat deutlich autobiografische Züge und nähert sie sich ihrer Kindheit mit den berühmten Eltern Ingmar Bergman und Liv Ullmann

Die Norwegerin Linn Ullmann, Jahrgang 1966, gehört zu den Superstars der skandinavischen Literatur. In ihrem neuen Roman „Die Unruhigen“ nähert sie sich ihrer Kindheit mit den berühmten Eltern Ingmar Bergman und Liv Ullmann. Im Zentrum des Romans stehen Aufnahmen von Gesprächen, die sie mit ihrem Vater führte.

Frau Ullmann, Sie haben mit Ihrem Vater, der 2007 starb, in seinen letzten Lebensjahren Interviews geführt. War das Ihre Idee?

Die meisten von uns haben den Wunsch, mehr über ihre Eltern zu erfahren, bevor es zu spät ist. Ich glaube mich aber zu erinnern, dass es mein Vater war, der ein Buch über das Altern schreiben wollte. Er war 84, und aufzustehen, sich anzuziehen, zu arbeiten, einfach nur weiterzuleben wurde ihm immer schwerer. Altwerden ist harte Arbeit, sagte er, mit sehr langen Arbeitszeiten. Ihm fehlte die Kraft zu schreiben, also sollte ich ihn befragen, er sollte antworten, das war der Plan. Wir Bergmans sind groß im Planen. Wir haben so lange geplant, bis ihm am Ende die Worte schwanden und er seine Erinnerungen verlor. Immerhin hatte ich zwölf Stunden Gespräche auf dem Band.

Schon Ihr Vater hat seine Eltern als rätselhafte, abgewandte Menschen beschrieben.

Und wenn ich mir heute Fotos meiner Eltern anschaue, dann denke ich: Sie sind mir ein Rätsel. Sogar die eigenen Kinder können ja mysteriös sein. Oder mein Mann. Wie neugierig wir auch sind, so gerne wir mehr über die Menschen in unserer Nähe wissen wollen, bleiben sie im Grunde doch ein Mysterium für uns.

Linn mit ihren Eltern am Filmset von "Schreie und Flüstern", 1972

Linn mit ihren Eltern am Filmset von "Schreie und Flüstern", 1972

Wenn die Tochter des Regisseurs Ingmar Bergman und der Schauspielerin Liv Ullmann einen Roman schreibt, dann will man immer wissen: Was ist Wahrheit, was Dichtung?

Ich wollte keine Memoiren schreiben, keine Biografie, das hätte mich eingeengt. Um über wirkliche Menschen schreiben zu können, über meine Kinder, Brüder oder Eltern, musste ich sie fiktionalisieren. Das ist der einzige Weg, ihnen Leben einzuhauchen. Ich müsste mir sonst immer die Frage stellen: Hat es sich wirklich so abgespielt?

Der Leser erwartet vom Schreiber die absolute Wahrheit.

Ja, beim Schreiben muss man so ehrlich und wahrhaftig sein, wie man nur kann. Aber ich weiß oft selbst nicht, ob meine Geschichten echt sind, ehrlich. Manchmal sehe ich die Dinge glasklar vor mir, zum Beispiel unser gelbes Haus, in dem ich mit meiner Mutter wohnte, als ich mit ihr in die USA zog. In Wirklichkeit war es rosafarben, habe ich neulich erfahren.

Werden Sie eines Tages auch mit Ihrer Mutter Liv über ihr Leben sprechen?

Das ist kein Projekt, das ich demnächst angehen werde. Ich rede nicht in Interviews über meine Mutter. Schon als junges Mädchen habe ich es gehasst, wenn jemand anfing, mit mir über meine Eltern zu sprechen. Ich bin niemandes Kind, sagte ich damals. Heute sage ich: Bitte packen Sie mich nicht in dieses ewige Mutter- und Vater-Schema, das schmälert meine Arbeit als Schriftstellerin.

Nun ja, im Zentrum Ihres neuen Buches steht eine namenlose Mutterfigur. Für den Leser ist das natürlich Liv Ullmann. Ihre Mutter hat über das Buch gesagt, es sei ein Meisterwerk. Und: „Manches ist erdichtet, manches ist gelogen, vieles ist wahr.“

Dichtung und Wahrheit, wie gesagt. Ich kann Ihnen aber erzählen, wie wirklich verrückt ich als Kind in meine Mutter verliebt war. Sie war das schönste, weichste und liebste Wesen auf der Welt. Für diese leidenschaftliche Liebe war ich viel zu klein, ich verstand dieses Gefühl nicht. Es war deshalb keine süße Liebe, sondern eine voller Panik. Wenn sie nicht pünktlich zur verabredeten Minute anrief, bekam ich Angst und wurde hysterisch.

Weil Ordnung und Strukturen zerbrachen?

Ja. Schon mein Vater hat das große Chaos und seine Ängste mit Plänen und strengen Zeiten in Schach gehalten. Zeit ist alles, das habe ich von ihm gelernt. Führe Listen, sei immer pünktlich. Wären Sie heute zehn Minuten zu spät zum Interview gekommen, hätte es mich wahrscheinlich aus der Bahn geworfen.

Ingmar Bergman und Liv Ullmann, 1968. Fünf Jahre waren sie ein Paar

Ingmar Bergman und Liv Ullmann, 1968. Fünf Jahre waren sie ein Paar

Ihre Mutter war damals ein Weltstar und auf Tourneen unterwegs oder bei Dreharbeiten. Da ist man wohl selten pünktlich.

Ich warf ihr das damals nicht vor und tue es heute nicht. Sie lebte das Leben einer Künstlerin. Sie hatte ihre Arbeit, war eine alleinerziehende Mutter und hat sich um mich gekümmert. Nicht er.

Ingmar Bergman hat neun Kinder mit sechs verschiedenen Frauen.

Ich glaube nicht, dass er das so geplant hatte. Mein Vater war mit lauter Künstlerinnen verheiratet. Gehalten hat am Ende nur die Ehe mit Ingrid, die keine Künstlerin war. Sie hat sein Leben und seine Arbeit für ihn organisiert. Er hätte nie zu einer seiner Frauen gesagt: Du musst arbeiten, okay, dann nehme ich heute mal die Kids. Unvorstellbar. Auch für meine Mutter wäre es undenkbar gewesen, sich auf Heim und Kinder zu beschränken. Für meine Eltern war es wichtig, sich von Konventionen zu befreien. In den Sechzigern lebten sie zwischen dem Brandneuen und dem Uralten.

„Mannsbilder over and out“ – das, so schreiben Sie, war ein Motto Ihrer Mutter. Einfach durchstreichen und weitergehen.

Ja. Und wenn sie über Frauen sprach, über die Gefühle oder ihre Pflichten als Frau, dann klang das Wort Frauen immer kursiv. Wir müssen dieses oder jenes tun, weil sie, die Männer, es mögen. Ihnen gefällt es nicht, wenn unsere Stimmen so schrill sind. Sie machte sich ein Vergnügen daraus, es war auch eine Art Rollenspiel für sie. Ich wusste damals nicht einmal, wie ich ein Mädchen sein sollte. Vor allem wollte ich kein Mädchen in kursiv sein. Ich hatte Eltern, die einfach nicht erwachsen wurden. Sie wollten kein bürgerliches skandinavisches Leben führen, sondern frei sein. Sie wollten Kinder sein. Ich dagegen wollte so schnell wie möglich erwachsen werden, noch heute mag ich keine Kinderfotos von mir. Diese modernen lächerlichen Aufforderungen, das Kind in uns zu entdecken und am Leben zu halten – ich werde bekloppt von dieser Infantilisierung!

Sie waren auf 13 verschiedenen Schulen.

Meine Mutter behauptet, es waren weniger. Ich habe aber eine Liste geführt.

Sie gingen in Schweden und Norwegen zur Schule, in Kalifornien und New York, in Frankreich ...

Frankreich habe ich mir ausgedacht, weil ich fand, dass es spannend klingt. Immer das neue Mädchen in der Schule zu sein, das machte mich wohl zur Expertin für Machtgefüge. Wer wurde gemobbt, wer besaß die Macht im Klassenraum? All das habe ich sofort gecheckt. Das war zu Hause nicht anders, wo ich auch schnell verstehen musste, was dieser Tonfall bedeutet oder jener Blick.

Eine schwierige Kindheit vergrößert den Wunsch nach heiler Familie – würden Sie das auch so sagen?

Mein Familienleben ist alles für mich. Ich habe zwei eigene plus zwei Stiefkinder. Mit ihnen am Tisch zu sitzen und gemeinsam zu essen macht mich glücklich. Hoffentlich bekomme ich bald Enkel, mein Sohn ist schon 28. Meine Tochter ist jetzt 14, und wenn sie mal auszieht, werde ich verrückt werden vor Sehnsucht. Wenn jetzt ein Anruf von ihr käme, weil sie schlimme Bauchschmerzen hat, dann würde ich auf der Stelle das Interview beenden und sie von der Schule abholen.

Linn Ullmann mit ihrer Mutter, 1973

Linn Ullmann mit ihrer Mutter, 1973

Das täte ich für meine Kinder auch.

Eben. Da ist unsere Generation anders. Arbeit und Familie werden gemeinsam erledigt, Punkt. Bücher schreiben kann ich auch deshalb, weil mein Mann ganz anders ist als unsere Väter. Wir hatten Krisen, aber wir sind seit 20 Jahren zusammen.

Sie schreiben darüber, wie Ihr Mann, der Schriftsteller Niels Fredrik Dahl, Sie mit einer dunkelhaarigen Frau betrogen hat.

„Die Unruhigen“ ist auch das Porträt einer Ehe. Beide stehen in der Mitte des Lebens, der Vater stirbt, der Mann betrügt sie, so etwas passiert den Leuten eben, und mir ist es auch passiert. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, müssen Sie das neue Buch meines Mannes lesen. Da steht noch mehr über unsere Krisen.

Hätte Ihr Vater in Zeiten der MeToo-Missbrauchsdebatte Schwierigkeiten bekommen?

Das gilt wohl für eine ganze Generation von Regisseuren. Mein Vater hat sich mit extrem begabten Frauen umgeben, und ohne sie wäre er nie zu dem großen Ingmar Bergman geworden, der er war. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er seine Macht nicht missbraucht hat. Ich habe ja viele der Frauen gekannt, mit denen er gearbeitet hat. Er war in jede Menge Liebesgeschichten verwickelt, aber soweit ich weiß, war da rein gar nichts, was in die Kategorie von MeToo gehört hätte.

Sind Sie manchmal noch auf Fårö, auf der Insel, auf der Sie Ihre Sommer beim Vater verbrachten?

Linn Ullmann: "Die Unruhigen", Ü.: Paul Berf, Luchterhand, 416 Seiten, 22 Euro. Ab 11. Juni 2018

Linn Ullmann: "Die Unruhigen", Ü.: Paul Berf, Luchterhand, 416 Seiten, 22 Euro. Ab 11. Juni 2018

Ich bin seit vier Jahren nicht dort gewesen. Ein paar Geschwister und ich haben jahrelang dafür gekämpft, dass sein Zuhause zu einem Künstlerrefugium wird. Wir hatten Sorge, dass es als Sommerplatz für reiche Schweden oder als Bed & Breakfast enden könnte. Am Ende hat es geklappt. Eine norwegische Stiftung hat alle Gebäude gekauft, alle Möbel, sein Archiv. Da kommen heute Künstler aus aller Welt, um für ein paar Monate zu arbeiten.

Sehnen Sie sich manchmal zurück?

Der einzige Ort, an dem ich mich immer total sicher fühlte, war das Haus meines Vaters auf Fårö. Wenn er arbeitete, verlangte er zwar absolute Ruhe im Haus, aber dort gab es Regeln, und ich verstand sie alle. Ich mochte sie sogar. Jeden Tag wurde zur gleichen Zeit gegessen. Es gab feste Uhrzeiten für die Unterhaltungen mit meinem Vater. Um drei und um acht Uhr gingen wir ins Kino, das er sich in der Scheune gebaut hatte. Für den Drei-Uhr-Film musste man zugelassen werden, da konnte nicht jeder einfach so reingehen. Das waren oft die schwierigen Filme. Ein vierstündiger Stummfilm über das Holzhacken war meine Reifeprüfung. Hatte der Film angefangen, gab es keine Ausrede, die Scheune zu verlassen, nicht einmal strahlenden Sonnenschein. Abends wurden die moderneren Filme gezeigt.

Lief auch mal Horror oder Action?

Mein Sohn war zehn, als Ingmar ihm „Der Weiße Hai“ zeigte. Das fand ich nicht so witzig. Später erzählte mein Sohn mir, dass er und seine Cousins „Pearl Harbor“ geguckt hatten. Mein Vater spulte zur zweiten Hälfte des Films vor, die Liebesgeschichte ist langweilig, meinte er, lasst uns gleich zur Action kommen. Und verratet es nicht euren Müttern! Er war auch ein großer Fernsehfan. Es ahnt ja niemand, dass er sich jede Folge von „Sex and the City“ angeschaut hat.

Themen in diesem Artikel
Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo